Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 24 (13.12.1866)
- Date
- 1866-12-13
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Ignaz Kuranda. Das Buch der Jahrhunderte liegt vor uns aufgeschlagen, seine vergilbten oft vom Moder der Zeit zerfallenen Blätter nennen uns Namen, an denen sich eine große Geschichte oder eine ganze Literatur knüpfen. Für uns wissensdurstige Menschen, die wir schon gerne durch das Horoskop in die ferne Zukunft sehen möchten, hat zumeist das von den Wogen verschiedenartiger Stürme bespülte gegenwärtige Jahrhundert besonderes Interesse. Viele großen Männer des Judenthums hat es aufzuweisen, die bereits in dem dunkeln Schooßc der Erde ihre Heimath gesunden, wenige —leider die unter den Sterblichen wandeln --Unter diesen wenigen ragt eine Persönlichkeit hervor, die mit eben solchem Rechte eine Zierde des Jahrhunderts, als auch der Stolz des Judenthums genannt zu werden verdient. Wer kennt nicht den alle Gauen Oesterreichs, Deutschlands ja Europas durchschallenden Namen Ignaz Kuranda, wer hat nicht so oft nennen gehört den Namen dieses Präger Kindes,*) das im Ghetto geboren und erzogen, sich zu einem Publizisten und Journalisten ersten Ranges herangebildet, der im Laufe eines viertel Jahrhunderts durch seinen Geist, durch seinen nnvergleichlichen Scharfsinn mehr geschaffen, mehr genützt, als alle jene, welche sich bloß auf den materiellen Standpunkt gestellt und Schätze aufgespeichert haben? Wer hat nicht von seinem, man könnte sagen, mit kabbalistischer Feder geschriebenen Grenzboten gehört, der in die weitesten und einflußreichsten Kreise gedrungen? wer nicht seine Reden im Reichs- oder Landtage gelesen, die von den sprühenden Funken seines wie Blitz treffenden Witzes erleuchtet sind und in dem Ohre des Lesers wiederhallen, als ob er ihn selbst gehört? Wer kennt Kuranda nicht den Vorkämpfer des Judenthums, der durch seine geistigen Waffen mit dem Schilde seines väterlichen Glaubens, in mittelalterlichen den Juden schmähenden Fehden, den Triumph davon getragen, den nie verwelkenden Lorbeer errungen? Dieser Mann, der schon von Leipzig aus die Idee für politische Entwickelung in Oesterreich rege machte, dieser Mann der oftmalige Rathgeber diplomatischer Autoritäten, der schon von Belgien aus die freundschaftlichsten Beziehungen zu mehreren Höfen angeknüpst hatte, der im Jahre 1848 die „Ostdeutsche Post" jenes centralistische Blatt, welches mit „politischem Commentar" bezeichnet werden könnte, herausgegeben und bis Aug. 1866 redigirt hat, der seit dem Jahre 1861 sich im Reichsrath hervorgethan und als Mitglied des Wiener Gemeinderathes manches Ersprießliche geleistet hat, feierte am 3. d. M. das 25 jährige Jubiläum seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Dieser Tag, den die ganze deutsche schriftstellerische Welt feierlich beging, wird einst in den Annalen großer Geister, in der Chronik des Judenthums, wie ein leuchtender Stern am Firmamente glänzen zur Ehre des gefeierten Mannes, zur unvergänglichen Erinnerung eines Jeden. I. Brandeis. Die Männer der Reformation: Neuchiin und Luther nnd die Juden. von Leopold Wolf in Prag. (Schluß). Luther hielt nun nicht bloß den getauften Juden Aleander; sondern überhaupt alle Juden für seine Feinde, und fürchtete sich vor ihnen um so mehr, als er wusste, daß er sie auch zum Hasse gegen sich gereizt habe. Er hielt nun sein *) Sein Vater, Simon Kuranda ein eben so frommer, als talmudisch gebildeter Mann, lebt in Prag; die Freuden, die ihm sein Sohn bereitet, würzen ihm sein hohes Alter. Leben von den Papisten und von den Juden gefährdet, und Mathesius in seinen Historien von des ehrwürdigen in Gott seligen theueren Mannes Martini Lutheri Anfang, Lehre Leben (Nürnberg 1592) gibt darüber folgendes an: Er, Machesius, habe im Jahre 1540 zu Luther einen Juden, der sich einige Zeit in Joachimsthal aufgehalten, gebracht. Luther habe denselben zu Tische gezogen und nach Namen und Wohnort gefragt, worauf der Jude sich „Michael" genannt und Posen als Wohnort angegeben. Luther habe hierauf dem Manne mitgetheilt, wie er vor einer Reihe Jahren von einem Juden d ieses Namens und Wohnorts schriftlich gewarnt worden wäre, denn etliche Bischöfe hatten einem Posener Juden 2000 Gulden geboten wenn er Luthern zu vergiften vermöchte. Luther erzählt hierüber selbst dem Amsdorf — 18. Jäncr 1525 (De Weite II. 616.) Est hic apud nos Judaeus Polonus, missus sub pretio 2000 aureorum, ut me veneno perdat, ab amicis per literis proditus. Doctor est medicinae. Es wurde mir durch briefliche Anzeige von Freunden verrathen, daß hier ein polnischer Jude weile, welcher für 2000 Gulden die Mission übernahm, mich zu vergiften. Es ist ein Doctor der Medizin. Das habe jener Jude auch versprochen, doch ein Bischof habe Luthern darauf aufmerksam gemacht. Wirtlich sei auch einst ein Jude, bei Luthern zu Tische .gewesen, der sich vorgcnommen, Gift in Luthers Trinkbecher zu schütten. Dieser Mensch sei unter den Mitgüsteu dem Melanchthon ausgefallen und mau habe ihn nach seinen Attesten gefragt. Man habe ihn festgenommen und gefunden, daß mehrere Juden dabei im Spiele gewesen. Luther schreibt an Spalatin 11. Feber 1525 (De Wette III. 625) Cras novaaudies, quod petis scire, i. e, quod Judaei illi captivi, qui mihi venenum parabant, esse forte prodituri, a quibus essent missr Cum vero sponte hoc non facerent, nolni eos torqueri, sed egi ut demitterentur liberi, quamvis persuasissimus sim, ipsum fuisse, quem mihi anbei prodiderant, adeo omnia Symbola consentiunt. Morgen wirst Dn hören, was du zu wissen wünschest, nämlich, daß jene gefangenen Juden, die mir Gift mischen wollten vielleicht aussagcn werden, von wem sie abgeschickt seien! Da sie es aber aus freien Stücken kaum thun dürsten, so wollte ich nicht, daß die Tortur bei ihnen angewcndet werde, sondern habe dazn gethan, daß sie freigelassen werden, obwohl ich fest überzeugt bin, daß er derjenige gewesen sei, den mir meine Freunde angezeigt hatten, so . sehr stimmen alle Kennzeichen! — Desgleichen gibt Mathesius an, daß mehrere Jahre nach jenem Vorfälle ein mit Sterndeuterei sich beschäftigender Jude nach Wittenberg zu Melanchthon, welcher bekanntlich der Astrologie huldigte, gekommen sei und den Letzteren ersucht habe, ihn dem Luther vorzustcllen. Das habe Melanchthon gethan und der Jude habe bei dieser Gelegenheit Luthern in Mclanchthons Behausung gebeten, mit Luthern in dessen eigener Behausung Schach spielen zu dürfen. Als Luther bei seiner Heimkehr au der Treppe seines Klosters angekommen, jo sei ihm die schriftliche Warnung jenes Bischofs eingefallen; sogleich habe er darnach gesucht, doch diesen Brief nicht wieder gefunden, und daher befohlen, man solleweil er Tags dalaus nach Torgau reisen müsse, Niemand in sein Zimmer lassen. Der Jude sei wirklich des anderen Tags gekommen, allein mau.habe ihn nicht eingelassen, und Letzterer habe sich, da von ihm üble Vermuthungen' in der Stadt verbreitet gewesen, in aller Stille aus derselben entfernt." Was von diesen Mittheilungen zu halten sei, überlasse ich dem gesunden Urtheile der denkenden Leser.-In der Zeit, wo der Partheieiser zwischen den verschiedenen Religionsbekennern bis zum leidenschaftlichsten Hasse entzündet war, wurden Beschuldigungen der schlimmsten Art oft geradezu erfunden und willig geglaubt, um auf diese Weise die wechselseitige Erbitterung noch mehr zu steigern. Unsere Zeit ist ruhiger und gerechter geworden und lässt sich durch derartige Erfindungen nicht mehr blenden! —