Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 23 (29.11.1866)
- Date
- 1866-11-29
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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183 scheu Gemeinden mit ihren weltlichen und geistlichen Vorstehern allergnädigst ausgenommen. Se. Majestät der Kaiser geruhten, sich nach dem Zustande der Gemeinden huldreichst zu erkundigen. So in Rcichenbcrg, Herman-Miestitz, Goltsch- Ienikau, Jglau u. a. m. Theresienstadt. Wie in anderen jüdischen Gemeinden des Kaiserstaates wurde auch in unserem eigens zu diesem Zwecke dekorirten Betlokale eine Feier zur Erinnerung an die im letzten Kriege gefallenen Soldaten jüdischen Glaubens unter Anwesenheit vieler Honoratioren aus dem Militär-und Civilstande abgchalten. — Die gediegene Gedächtnißrede des Herrn Kreisrabbiners A. Lohn aus Raudnitz und die unter der Leitung des dortigen Cantors, Herrn A. Singer exccutirten Gesänge verfehlten ihres erhebenden Eindrucks nicht auf die zahlreichen Anwesenden. Altona. Or. Liebrecht aus Breslau, Direktor der hiesigen israelitischen Gemeindeschule, hat hier ein Vorbereitungs- Institut für's Freiwilligen- und Offizier- Examen errichtet, wie er schon in Breslau mit bestem Erfolge ein solches geleitet hatte. Er ist als bedeutender Mathematiker anerkannt. Mehrere Söhne geachteter Familien haben sich bereits bei vr. Liebrecht gemeldet, um in die Schule für Offiziers- Aspiranten einzutreren (Israelit). (Tont, comm6 chez nous.) Die geringe Unterstützung und Theilnahme, deren sich die jüdische Journalistik bei uns zu erfreuen hat, ist gerade nicht ein Monopol der deutschen Juden; auch die Juden Italiens Leigen wenig Vorliebe für die ihre Interessen vertretenden Zeitungen. Nach einer Mittheilung des Rabbiner Servi im Eäueatore Israelita haben alle 3 in italienischer Sprache erscheinenden Zeitschriften— (Educatore Israelita, Corriere Israelitico, Israelita) zusammen nicht mehr als 900 Abonnenten. — Paris. Baron Emil Erlanger wurde von der griechischen Regierung zu ihrem Consul in Paris ernannt — Erlanger ist bekanntlich Jude. Venedig. Vom Könige von Italien wurden folgende Israeliten durch Orden ausgezeichnet: Commendatore Treves, vr. Namias, Präsident des venezianischen Athenäums, Cavaliere Bianchini, Blumenthal, vr. Maurogonate, Casäre Sacerdote. Modena.' Unser ausgezeichnete Glaubensgenosse und Mitbürger Cavaliere I. Guastalla hat den hiesigen jüdischen Gottesacker, der sich in einem elenden Zustande befand, mit einem KostenSaufwande von 65000 Lire restauriren lassen. Padua. In das hiesige Municipium wurden 8. Israeliten gewählt. Feuilleton. Die Tante. Eine Erzählung von Siegfried Hölder. 2. Schaje Doktor. t (Fortsetzung.) Von den verschiedenen Persönlichkeiten der Weilcnheimer Judengemeinde, die sich allesammt durch den innern oder äußern Handel, d. h. durch Hausirengehen in den umliegenden Dörfern oder durch Verkauf von allerhand Waaren in dem Orte selbst ihre irdische Existenz fristeten, machte der in der Überschrift dieses Kapitels genannte Mann eine Ausnahme — Sein eigentlicher Name war Iesaias Goldstein, doch unter diesem Namen hätte ihn kein Mensch im Dorfe, nicht einmal der Richter erkannt, während Schaje Doktor bei Jung und Alt in Weilenheim und seiner Umgebung ein populärer Name war— Er war nicht in Weilenheim geboren, sondern ließ sich daselbst vor ungefähr 25 Jahren nieder— Man wußte nichts von seiner Abstammung, nichts von seiner frühem Heimath; nur der damalige Methusalem des Ortes, der alte Zodek, der im Gegensätze zu den Damen immer älter sein wollte als er in Wirklichkeit war, und in Folge dessen jährlich um einige Jahre älter wurde, so daß er bei Schaje Doktors Ankunft in Weilenheim bereits das 94. Lebensjahr erreicht hatte, behauptete fest den Großvater des Ankömmlings gekannt zu haben, der als junger Mann auch als Fremdling in den Ort gekommen sei und ein heimisches Mädchen geheirathet habe. Obgleich nun die Aussagen des alten Mannes, der nebenbei seinen besondern Stolz darin setzte die ganze Bevölkerung des Friedhofs noch in des Lebens Schmuck und Rüstung gekannt zu haben, nicht so glücklich waren, den leisesten Zweifel zu bannen, mußte dießmal doch etwas Wahres an der Sache sein, da Schaje bei seiner Ansäßigmachung amtlicherseits keine Schwierigkeiten fand. Wenige Tage nach seiner Ankunft hatte er um einige Hundert Gulden ein kleines Häuschen, zu dem ein großer verwahrloster Garten gehörte, von einem christlichen Insassen gekauft mit jenen Clauseln und Verwahrungen zu denen die damalige Gesetzgebung, die den Juden die Realbesitzfähigkeit absprach, gleichsam nöthigte— Dieses Häuschen bezog Schaje mit seinem kleinen Söhuchen Samuel, den er als seinen ganzen Familienstand mit nach Weilenheim brachte— Das unbestimmte undefinirbare und unfaßbare Etwas, das man auch in dem kleinsten Dörfchen mit dem pompösen Namen— „Welt" bezeichnet, hielt Schaje schon wegen des Ankaufs der Realität für einen wohlhabenden Mann, und kümmerte sich wenig darum die Subsistenzquellen eines Mannes, der den größten Theil seiner Zeit der Erziehung seines einzigen Kindes und der Pflege seines Gartens widmete. — In der Zeit, in der unsere Erzählung spielt, waren die obigen Daten in Weilenheim ganz in Vergessenheit gerathen, und wenn man von Schaje Doktor sprach, dachte niemand mehr an Ereignisse und Zustände, über die das Rad der Zeit schon 25 mal seine Iahressurchen gezogen hatte— In der That hatten sich die Verhältnisse des Mannes seitdem sehr geändert— Heute bewohnt er noch dasselbe Häuschen ganz allein, sein Sohn Samuel ist bereits seit vielen Jahren in der weiten Welt, man weiß nicht recht was aus ihm geworden, Er hatte mehrere Jahre in Prag studirt, hierauf begab er sich zur Fortsetzung seiner Studien nach einer Universität Deutschlands— Seitdem kamen die Nachrichten über ihn immer spärlicher nach Weilenheim, und bald war er ganz verschollen. Dunkle Gerüchte wollten wissen, er sei da draußen zum Christenthume übergangen, und das war zu jener Zeit mehr als hinreichend, um jedes Interesse für das Schicksal seiner Person in den Gemüthern seiner Glaubensgenossen zu ersticken. Der Vater selbst sprach niemals von ihm und kein anderer sah sich veranlaßt die Erinnerung an ihn wach zu rufen— Wir sagten, daß Schaje ganz allein das kleine Häuschen bewohnte, das ist nur insofern richtig, als keine durch Familienbande an ihn geknüpfte Person sein einsames Leben versüßte, doch weilte noch ein menschliches Wesen unter dem Obdache seines Hauses, das an ihm mit wahrer Treue und Hingebung hing — Es war dieß die alte Magdalena, die schon mehr als 2 Dezenien in seinen Diensten stand, in ihrer Qualität als Wirthschafterin oder Haushälterin vielfältige Proben ihres Eifers und ihrer Berufstreue ablegte, und nun in ihrem vorgerückten Alter mehr als eine Ausgedingerin denn eine Dienerin im Hause gehalten wurde, das bei dem kleinen Hausstand um so leichter möglich war, als Schaje selbst nebst der Küche noch manche andere häusliche Arbeiten versorgte, die sonst nur unter weiblichen Häyden gehörig vollzogen werden— Der Leser möchte gewiß gerne erfahren, warum der Mann Doktor genannt wurde, und welche Umstände ihn zu diesem Ehrentitel berechtigten, und wir wollen seine Neugierde um so lieber befriedigen, als dieser Name ein wichtiges Moment in den Schicksalen und Lebensereignissen des Mannes bildet— Auch in der Thätigkeit und äußern Stellung Schajes hatte eine totale Umwandlung statt gefunden, und der Wendepunkt dieses Wandlungsprocesses datirt sich von jener Zeit,