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Das Abendland · 1866-11-29 · 23 (29.11.1866) · p. Seite 184

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
23 (29.11.1866)
Date
1866-11-29
Page
Seite 184 (sequence 8)
Language
German
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184 als Samuel das väterliche Haus verließ, um in Prag sein Studium zu beginnen— Der Vater hatte ihn damals nach der Hauptstadt begleitet, und als er nach wenigen Tagen von dieser Reise zurückkehrte, brachte er nicht bloß eine große Kiste, die viele Flaschen, Büchsen, Schachteln und allerhand Sächelchen enthielt, sondern in sich selbst, einen ganz andern Menschen mit— Schaje trat nun aus seiner srühern Jsolirtheit heraus, verkehrte mehr mit den Leuten deren Umgang er mit Absichtlichkeit zu suchen schien, und entwickelte einen Fond von Kenntnissen und Erfahrungen, die niemand in dem stillen Manne vermuthet hätte— Diese Kenntnisse sielen zumeist in das Gebieth der praktischen Heilkunde, und in kurzer Zeit hatte sie Schaje zur materiellen Perwerthung gebracht— Das Landvolk ist von jeher geneigt der Kurpfuscherei Vorschub zu leisten, und Schaje hatte sich schnell durch einige glückliche Kuren, die der Zufall in den Beginn seiner medicinischen Earrierc leitete, ein bedeutendes Renome erworben— Nach welcher Methode er in seiner Praxis vorging, dürste kaum ein Fachmann ergründet haben, und vielleicht dürfte er sich dessen selbst nicht bewußt gewesen sein, aber sie war jedenfalls eine eigenthümliche und imponirte durch ihre Seltsamkeit, weil die Menschen dasjenige am meisten bewundern, was sie nicht verstehen— Zur Kennzeichnung seines Heilverfahrens wollen wir dem Leser einen Fall aus seiner Praxis vorführeu— In Weilenheim lebte ein Bräuermeister, der in seiner Ehe nicht mit Kindern, dafür aber in seinem Geschäfte mit großen Reichthümern gesegnet war, er erfreuete sich einer guten Gesundheit und einer stets heitern Laune— Mehr braucht es wohl nicht um zufrieden und sorgenlos zu leben, um das Erdenjammcrthal erträglich zu finden— Das neidische Geschick, das niemals den Sterblichen ein ungetrübtes Glück gönnt, hat auch an unfern Bräuermeistcr nicht vergessen, cs sendet ihm einen Dämon, einen Ruhestörer einen Todfeind seiner Zufriedenheit in der Gestalt eines kleinen Blütterchens, welches sich auf der Spitze seiner ziemlich laugen Nase sestsetzt, und da für längere Zeit Ouartier genommen zu haben scheint— Jetzt ist er mit Sorgen und Aengsten hinreichend versorgt.—Das Blätterchen schmerzt zwar nicht, aber der lästige Gast muß um jeden Preis wcggeschafft werden, und sollte es das halbe oder selbst das ganze Vermögen des reichen Bräuers kosten— Die Nase hat ihm bereits eine erklekliche Summe gekostet, er hat schon über ein Duzend Aerzte und Professoren konsultirt — er hat viele Salben angewcndct, Theen verschiedener Art getrunken, kurz Alles pünktlich befolgt, was ihm die ^Jünger Aeskulaps angcrathen. Das eigensinnige Blätterchen will von der Höhe seines Standpunkts nicht herabsteigen, und bielhct allen Verfolgungen der Therapie Trotz die Angst des NasenbcsitzerS die durch ein Mikroskop sicht, will sogar finden, daß cs in stettem Wachsthume begriffen sei. Mittlerweile hat man bereits von Schaje's Wirksamkeit gehört, und der geplagte Patient der immerfort über die Unwissenheit der Aerzte klagte, entschloß sich auf Anraten seiner Frau, den Charlatan — wie er Schaje nannte zu besuchen und sich bei ihm Raths zu erholen. Schaje empfing ihn, wie alle andern, die seinen Rath suchten, mit gleichgültiger Ruhe und schien cS gar nicht zu bemerken, daß der Hilfesuchende in Wort und Gebcrdcn einen gewissen verletzenden Stolz zur Schau trug. Nachdem er das Miniaturübel besichtigt hatte, ging er, ohne an den Kranken irgend eine Frage über Entstehung, Dauer und andern Umständen seines Leidens zu stellen in die anstoßende Kammer, holte ein nicht gar kleines Fläschchen und gab es dem Brauer mit den Worten : Da haben Sie ein Brechmittel, von dem nehmen Sie stündlich 2 Löffel voll, bis Sie 6 mal gebrochen haben, dann stellen Sie die Medizin bei Seite." Der Brauer sah ihn mit großen Augen an und glaubte, er habe einen Verrückten vor sich. „Ich habe mir keinen Magen verdorben, sprach er, halb in Zorn halb in Spott. Ich habe nicht um Sie geschickt, erwiederte der Arzt, ich gebe Ihnen meinen Rath, ob Sie ihn befolgen wollen, steht bei Ihnen. Diese Worte schienen zu wirken, der Patient nahm die Flasche in die Tasche, und reichte Schaje einen blanken Silberthaler als Honorar. Der Medicus wies das Geld zurück. Ich kenne Sic, sprach er, Sie sind kein Fremder, und Sie brauchen mir nur zu zahlen, wenn das Mittel sich bewährt. — War es Zufall, war es die Wirkung des Mittels, wer könnte das entscheiden, genug, das Blätterchen entfernte sich ohne eine Spur zurückzulassen und die Nas erlangte ihren gewohnten normalen Zustand. Schaje wurde reichlich honorirt, erhielt durch diese Kur einen großen Rufe in der Umgebung, und wenn zufällig ein fremder Bauer nach Weilenheim kam, um bei Schaje Heilung für ein körperliches Leiden zu suchen, so brauchte er nur nach dem „Judendoktor" zu fragen und jedes Kind zeigte ihm das kleine Häuschen mit dem anstoßenden großen Garten. Der jüdischdeutsche Jargon, der justament alles verkehrt macht, was Grammatik uud Sprachlogik gerecht finden, wollte durchaus dem naturwüchsigen Heilkünstler das Doktordiplom, das ihm der Volkswille ohne Promotion und Taxen verlieh, nicht entziehen, nur nannte er ihn, anstatt „Doktor! Schaje" mit einer einfachen Permntation. „Schaje Doktor."! (Fortsetzung folgt.) Im Verlage von D. Ehrman» in Prag, Geistgasse! Nro. 90 8 ist so eben erschienen und durch alle Buchhand-; langen des Inn- und Auslandes zu beziehen: cnty» mo cäljrenfob der Araven Rede, gehalten zur Seelengedächtnißfeier für die im jüngsten Kriege gefallenen Soldaten israelitischer Religion am 11. November 1866 in der Synagoge zu Hone von Dr. Adolf Ehrentheil Rabbiner. Preis 25 kr. ö. W. Diese dem wegen seiner Erlebniße in der letzten Zeit berühmten Herrn Bürgermeister zu Trautenau gewidmete Predigt verdient nach Form und Inhalt allgemeine Verbreitung. In einer größern Provinzialstadt Böhmens wird in einem angesehenen gebildeten jüdischen Hause ein Hauslehrer für einen kleinen Knaben, und 2 Mädchen gesucht Kenntniß des Hebräischen und Französischen nebst der U'uerrichtssähigkeit in den gewöhnlichen Schulgegenständen wird verlangt. — Der Posten kann sogleich angetreten werden. — Musikalische Kenntnisse geben einen Vorzug. — Anständiger Gehalt wird nach den Fähigkeiten vereinbart. Anmeldungen nimmt die Redaktion dieser Blätter entgegen. Druck von Senders & Brandeis in Prag.

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