Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 23 (29.11.1866)
- Date
- 1866-11-29
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Vorläufer Luthers machte. Reuchliu erwiederte mit seinem .Augenspiegel, worin er für die Talmudfrage, wie für eine persönliche Angelegenheit eintrat, und mit änderen Schriften Der Verlauf dieser literarisch theologischen Fehde machte ein ungeheueres Aufsehen in Europa, und der Talmud kam so statt unterdrückt zu werden, wieder zu Ehren, und ein durch Lonet de Lates, dem jüdischen Leibarzte des Papstes Leo X. erwirktes Privilegium stellte ihn sogar unter den Schutz der höchsten Autorität des Katholicismus. Aber die Kirche hatte durch den Reuchliuschcn Streit einen starken Riß bekommen, der sich immer mehr und mehr erweiterte, und der inzwischen in Deutschland aufgetauchten Reform Luthers und dessen Auflehnung gegen die Allgewalt des Papstes und des römischen Katholizismus den wesentlichsten Vorschub leistete. Die öffentliche Meinung war durch den Kamps für und gegen den Talmud nun einmal zu Controversen und zur Discuffion über kirchliche Angelegenheiten angeregt, und Luther s e l b st schrieb über diese Angelegenheit an Reuchliu, und frohlockte, daß derselbe es gewagt habe, in ein solches Wespennest einzustechen! Die jüdische Lehre gewann auch durch die Reformation bedeutend. Lehrstühle für die hebräische Sprache und für das Bibelstudium wurden allseitig errichtet, Christen lernten die hebräische Sprache von jüdischen Gelehrten, und es war somit ein gewisser wechselseitiger ^Berührungspunkt gegeben, die die bisher bestandene Exclusivität der verschiedenen Religionsgenossenschaften aufhob und zu der so lange vermißten Duldung und sogar zur gegenseitigen Achtung zwang. Luther selbst lernte hebräisch um tiefer in den Sinn der Bibel einzudringen, die Vulgata wurde verdrängt und der hebräische Urtext wieder in sein Prioritätsrecht eingesetzt. Luther, freisinnig in der Auffassung der religiösen Begriffe, war anfaugs auch fteisinnig und tolerant gegen die Juden, und beurkundete dies in seinen Erstlingsschriften wiederholt. „Das wäre mein Rath, sagte er, daß man säuberlich mit den Juden umgehe" Diese humane Anschauungsweise war bei ihm jedoch nicht stichhaltig. Sein Gemüth verbitterte sich, als der Papst ihn in Bann gelegt hatte, und sein Bildniß nebst seinen Schriften in Rom verbrannt worden waren. Die Ursache dieser Sinnesänderung war der päpstliche Nuntius am kaiserlichen Hofe, der Cardinal Aleander, der ein getaufter Jude, durch die Gunst der Verhältnisse rasch die höheren Grade der römischen Hierarchie erklommen hatte, und nun zu den heftigsten Gegnern und Verfolgern Luthers zählte, und dessen Achtcrklärung durch den Kaiser Carl V. in Worms mit allen Mitteln durchzusetzen suchte, Aleander stylisirte und motivirte die Achterklärung Luthers auf folgende Weise: »Lutberum non ut hominem sed ut diabolum sub homini specie ad perniciem generi humani assumta monachi cuculla pluriraorum hereticorum damnatissimas theses jam diu sepultas in unamsententiam concussisse „Luther habe nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Teufel in Menschengestalt zum Verderben des Menschengeschlechtes die Mönchkutte angezogcn und die verdammtesten Irrlehren der meisten Ketzer die schon längst abgethan gewesen waren, in seinen Lehrsätzen wieder ausgenommen. Darauf erwiederte Luther in seiner Weise: Aleander ist schon der Sprachen wegen, die er versteht, der größte Mann auf der Welt. Hebräisch ist seine Muttersprache, griechisch hat er von Kindesbeinen an gelernt, latein hat er gelernt indem er es lange Zeit hindurch lehrte. Er glaubt auch,er sei von altem Adel,weil er als Jude geboren, und dieses Volk vom uralten Hirten- Fürsten Abraham stammt; ob er aber getauft sei, das weiß man nicht. Ein Pharisäer ist er gewiß nicht, denn er glaubt an keine Auferstehung der Todten und lebt als wenn die Seele mit dem Leibe verginge."— So entflammte durch die Unbill, die ihm ein getaufter Jude anthat, sein Haß sofort gegen die Gesammtheit der Juden, oder richtiger vielleicht: er konnte den ursprünglich zurückgedrängten Judenhaß nun wieder mit einem gewissen Anscheine von Berechtigung, offen hervortreten lassen, und er that dies auch mehr als genügend in seinem Libell „Von den Juden und ihren Lügen" worin er die Juden elende heillose Leute nennt, die Niemand halten würde, wenn sie nur fortziehen wollten, denn es habe sic auch Niemand hergcholt. Man solle ihre Synagogen einäschern, ihre Häuser zerstören, alle ihre heiligen Bücher ihnen mit Gewalt nehmen. — Wenn er Gewalt hätte, sagte er, wollte er ihre Rabbiner versammeln, und mit der Androhung ihre Zungen inmitten am Halse herauszuschneiden, ihnen den Beweis für die Heiligkeit des Christenthums auferlegen. — Luthers Judenhaß steigerte sich in dem Maße, als die Gefahren wuchsen, welche die durch Aleanders ununterbrochene und hartnäckige Bemühungen durchgesetzten und über ihn verhängten Bann und Reichsacht über ihn brachten. Nach der am 15. Juni 1520 in Rom ausgefertigten Bannbulle, welche ihm 60 Tage bis zum persönlichen Erscheinen vor dem Papste seststellte, sollte er et ejus complices, fautores et adhaerentes Omnibus et singulis per Universum orbem und die ihm Anhaugenden von Jedermann aufgegriffen und nach Rom abgcliefert werden und sollte auch jeder Ort, der Luthern und seine Anhänger aufnehmen würde, mit dem Interdikt belegt werden, man solle sie überall für baeretieos et condemnatos, für Ketzer und Verdammte erklären, und diese Bulle mit dieser Erklärung öffentlich anschlagen, alle welche dieß Letztere verhindern würden, sollten ebenfalls anathematisirt werden. Kaum war Luther von Worms abgereist, als der päpstliche Nuntius Aleander auch schon die Publication der Reichsachtserklärung (vom 8. Mai,) betrieb die so hart aus fiel, ut sub eonseientiae periculo, wie Luther an Melanchthon unter dem 12. Mai 1521 schreibt, sint exploraturi orbem super meis libellis, ut cito interitum sibi comparent, daß es den Katholiken als strengste Gewissenspflicht auferlegt wurde, seine Schriften auszuforschen um sie zu vernichten. Um mit dem Wormser Edikt nicht zurückgewiesen zu werden, so publicirte es der Kaiser, nachdem mehrere Stände bereits von Worms abgereist auch ohne deren Zustimmung. Zwar wurde das Edict vom Kaiser erst am 26. Mai unterzeichnet, allein Aleander datirte es auf den 8. Mai zurück, als ob alle Reichsstände es genehmigt hätten. In diesem Edikt wurden subpoena criminis laesae majestatis (unter der Strafe der Majestätsbeleidigung Alle in die Reichsacht erklärt, welche Luthern irgend eine Hilfe oder Unterstützung würden zu Thcil werden lassen. (Fortsetzung folgt.) Aufruf. Dobruschka ist am 7. Oktober d. I. wie es die öffentlichen Blätter seiner Zeit berichteten, ein Raub der Flammen geworden. Die daselbst vor circa einem halben Jahrhundert in einem schönen Style erbaute Synagoge ist in Schutt und Asche verwandelt, ein trauriger Anblick schaueriger Verwüstung. Es war dieß ein Tempel der seine Weihe durch das lange und musterhafte Walten eines in weiten Kreisen durchseine immense Gelehrsamkeit wie nicht minder durch die Höhe seines Charakters berühmten Mannes des k. k. Tabakverlegers Wolf Wertheimer gesegneten Andenkens erhalten hat, und der in seinem Geiste bisher geregelt wurde. Bei dem lebhaftesten Willen sind dennoch die Mittel die ohnehin durch den schrecklichen Brand ins Mitleid gezogenen Gemeindeglieder nicht zulänglich den Neubau in entsprechender Weise wieder herzustellen. Der gefertigte Vorstand sieht sich daher aus das Universalmittel des bekannten jüdischen Wohlthätigkeitssinnes hingewiesen, und hoffet keine Fehlbitte zu thun, wenn er die isr: Wohlthäter unter denen er zahlreiche Freunde zu zählen die Ehre hat, um einen milden Beitrag zu dem erwähnten heiligen Zwecke zur Verherrlichung des göttlichen Namen» 23*