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Das Abendland · 1866-11-15 · 22 (15.11.1866) · p. Seite 175

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
22 (15.11.1866)
Date
1866-11-15
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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175 Absicht der Ausrnf entschlüpfte. „Ich bin nur froh, daß heute keine Orchim gekommen sind." Die arme Frau wußte bei diesen Worten nicht, daß ihr noch vor dem Einzuge des Sabbath ein großes Stück schwerer Arbeit bcschieden sei. Sie war eben rum Fenster gegangen, um sich von der Hitze des Tages und der Küche abzukühlen, als sich ihren Augen ein erschreckende Anblick darboth. — Von der Landstrasse einher, wohin das Fenster die Aussicht gewährte, hielt eine ganze Karavanc: Männer, Weiber und Kinder, bnnl durcheinander, ihren Einzug in das Dorf, und der geübte Blick der Rebbezin erkannte in ihr sogleich die so gefürchteten wandernden Bettel-. — „Eine schöne Beschccrnng," rief sie beinahe im wehmüthigcm Tone ans, „das ganze Jam Hagodcl (der große Ozean) hat sich abgelassen, jetzt eine Stunde vor Schabbcs, das wird eine schöne Geschichte geben." — „Das ist alles," sagte der Rabbi gutmüthig, „weil du keinen Talmud gelernt hast, sonst wüßtest du, daß man nicht den Mund öffnen darf dem Satan" (man soll den Teufel nicht an die Wand mahlen.) Röscl, die immer das letzte Wort haben mußte, antwortete: „Der Satan war schon da, bevor ich ihn noch rief." Kaum hatte sic die Worte gesprochen, als die Thüre sich öffnete, und ein tanger, wildausschendcr Mann ins Zimmer trat, hinter sich einen langen Schweif als Gefolge ziehend. „Guten Tag," sagte der Fremde in rauhem Tone, „wir bitten die Rebbezin um Plätten auf Schabbcs." Rösel musterte mit einem Blicke die Gruppe, dann sprach sie etwas barsch : „Warum kommt ihr so spät?" „Rebezin leben," sagte eine Frau aus der Gesellschaft, „wir haben uns verirrt auf dem Wege, wir sind schon um 9 Uhr Früh von Wieseldorf weggegangen, haben uns aber im Walde so verirrt, daß wir froh sind, noch vor Schabbcs in eine Khile gekommen zu sein." Die Rebbezin lächelte, sie wußte was sie von der Wahrhaftigkeit dieser Entschuldigung zu Hallen habe. Es war dieß ein gewöhnlicher Kunstgriff der Orchim, in eine wegen ihrer Gastfreundschaft berühmten Gemeinde am Freitage spät zu kommen, um nicht in eine andere benachbarte Gemeinde geschickt zu werden. „Wie viel seid ihrinAllem?" fragte die Rebezin. „Siebzehn mit meinem kleinen Jüngel," erwicderte dieselbe Frau, die früher das späte Eintreffen der Gesellschaft so sinnreich entschuldigte. „Kommen noch welche nach?" fragte die Rebezin weiter. „Ja —nein" stotterte die Mutter des kleinen Jüngels. Der lange Mann warf ihr einen wilden Blick zu, und sprach: „Kein Mensch!" Dann fuhr er fort: Rebezin leben, mir geben Sie eine gute Plätt, ich Hab die ganze Woche keinen rechten Bissen gegessen. Dienstag Abend war ich in Doletschen bei choschewe Leut' (achtbare Leute), da hätte ich ein gutes Nachtmal gehabt. — Kaum nehme ich den' Löffel in den Mund, hört man einen Feucrlärm im Dorfe, alles läuft wie Meschuge (besessen) hin und her, — das Nachtmal war weg, wenn ich nicht . . . Erzählt mir diese Maiße (Geschichte) morgen Nachmittag unterbrach ihn die Rebezin streng. Die Rebezin soll hundert Jahr leben, fiel die Frau ein, die nun schon mehrmals Proben ihrer gelösten Zunge ablegte, sie hat recht, der Fresser denkt nur gleich an sich, ich möchte Sie aber bitten mir eine Plätt neben der Schlafstätte zu geben, ich habe schwache Augen und kann bei Nacht nicht gut gehen. Rebezin leben kreischte das kleine Jüngel dazwischen, mir geben Sie nicht weit von der Mam (Mutter) kann ich sie nach Hanse führen. Rösel Frohmann ging die Geduld aus. — Hört Leutl! sprach sie mit ernster Würde, wenn noch einer von euch ein Wort spricht, so jage ich euch alle fort, könnt ihr euch Plätten schaffen. Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Alles war mäuschenstill. Die Rebezin nahm eine blecherne Büchse aus einem Kasten, zog die Plätten heraus, und vcrtheilte solche, nachdem sic die Namen der Adressaten, wie die Personen der Gruppe sorgfältig gemustert hatte. Die Orchim waren wcggegangen, Rösel setzte sich nieder und sprach: Simon du mußt frische Plättcu schreiben, es ist keine einzige mehr in der Büchse, ich bin gerade für das Chail (Heer) ausgekommen, wenn nur keiner von ihnen zurückgeschickt wird. Ich werde Sonntag schreiben, cntgegncte der Rabbi, heute wird schon keiner mehr kommen. — Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als die Thüre sich langsam öffnete, und ein ärmlich und doch dabei reinlich gekleidetes Franenziinmer ungefähr im Alter von 30 Jahren ins Zimmer trat, und schüchtern grüßte. Die Rebbezin merkte gleich, daß sie eine Nachzüglerin, der jetzt in allen Ekken WeilcnheimS verstreuten Truppe sei, und wollte ihr schon wegen des späten Kommens Vorwürfe machen, als ein bittender Blick der ans dem milden Auge der Fremden ihr entgegenstrahlte, ihren Zorn entwaffnete. Sie betrachtete die Bettlerin etwas näher, und das Einnehmende und Gewinnende, das in den Gesichtszügen der Fremden lag, hatte sogleich die gutmüthigc Rösel zum Mitlciden und zur Theilnahme gestimmt. Das Antlitz der Armen, über das Kummer und Sorge ihre leicht erkenntlichen Furchen gezogen hatten, mußte einmal sehr schön gewesen sein, und trug noch heute gewisse Reize, die nie verwelken, in denen sich gleichsam das innere Seelenleben abspiegelt. — Ich weiß oßer (ein Schwur) nicht, wem ich sic schicken soll, sprach die Rebbezin freundlich, Frohmann, dessen Gestikulationen cs verriethen, daß sein Geist noch mit dem guten Gedanken in der Talmndstelle beschäftigt war, blieb plötzlich stehen nntJagte: „Rösel mein Kind! wir könnten die arme Frau über schabbes bei uns behalten, wir werden hoffentlich alle satt werden, Brod ist im Hause, da hat es keine Noth. Rösel war es nichts Neues, daß ihr Mann zuweilen in dieser Weise intervenirte und sic war gleich mit dem Anträge cinverstan-! den. „Kommen Sie," sprach sie gegen die Fremde gewendet, j „gleich nach Schul (Gottesdienst) zum Essen." In diesem j Augenblicke wurde die Thüre aufgerisscn und drei schöne Kin-! der, zwei Knaben und ein Mädchen im Atter zwischen drei j und sieben Jahren, der ganze Ehcsegen des Rabbi, sprangen! ins Zimmer, eilten auf die Mutter zu, an die sie sich tranj lich schmiegten; doch kaum hatten sie dem Drange kindlicher! Zärtlichkeit den pantomimischen Ausdruck gegeben, wendeten sie allesammt ihre neugierigen Blicke auf die Fremde, die ihnen freundlich zulähelte. — „Ich danke Ihnen, Rebbezin leben!" begann diese, für Ihre Güte, Sie würden mir aber noch eine größere Wohlthat erweisen, wenn Sie mir auch Quartier geben könnten, ich liege wo es ist, in jedem Winkel, denn ich kann Ihnen schwören, das Essen macht mir bei meinem traurigen Wanderleben weniger Sorge als das Nachtquariier." — Es lag so viel Innigkeit und Wahrheit in diesen Worten, daß die Rebezin davon gerührt wurde; es kam ihr nicht in den Sinn die Bitte abznschlagen, auch wenn die drei Kinder nicht wie in Chorus geschrieen hätten: „Laß sie bei uns schlafen! — „Legen Sie," sprach die Rebezin, Ihr Bündel in die Kammer hinein, ich werde schon für ein Nachtlager sorgen. — Der Gottesdienst des Sabbathvorabends war beendet. Frohmann kam ans der Synagoge und trat mit dem üblichen ^sabbathgrußc ins Zimmer. Die Kinder eilten auf ihn zu und ließen sich benschen (segnen) Auch die Mutter legte segnend ihre Hände auf die Häupter der Kleinen. Es war dieß früher so Sitte in jüdischen Familien, die in der Neuzeit wie manch' anderes Stück häuslicher Gemüthlichkeit außer Brauch gesetzt wurden. Frohmann sang nun den Bewillkommungsgrnß an die Engel, welche den Sabbath in die jüdische Wohnung be- > gleiten, hieraus trug er in einem melodiösen Recitativ das j salomonische Loblied auf die wackern Hausfrauen vor, eine i Courteoisie, womit der religiöse Brauch die Anschauung kund! gibt, daß nur durch das Walten einer biedern Hausfrau! der Sabbath seine ächte Weihe erhält. — I Man setzte sich zu Tische, und alle Hausgenossen erwiesen der Fremden jede mögliche Aufmerksamkeit, besonders die Kinder hatten sich schnell mit der Frau bekannt gemacht sie schwatzten viel mit ihr, und stellten ihr nach Kinderweise verschiedene Fragen, die sie alle mit gewinnender Sanstmnth beantwortete— Trotz der vielen Aufforderungen Frohmann's und seiner Frau, aß sie nur sehr wenig, und zeigte überhaupt m ihrem ganzen Betragen, daß sie keine geborene Bettlerin

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