Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 22 (15.11.1866)
- Date
- 1866-11-15
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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■** Inr — 174 — Jerusalem. Aus der Relation des Sir Moses Monteure über seine letzte Reise nach Palästina entnehmen wir daß das weibliche Geschlecht daselbst nicht so unwissend und ungebildet sei, wie dieß zumeist im Orient der Fall. Die dortigen Frauen sind nicht nur äußerst geschickt in allen weiblichen Handarbeiten, sie lesen auch die Bibel in der Originalsprache, und wissen sich in der hebräischen Sprache mit großer Gewandheit auszudrücken. Neu-Hork. Herr I)r. Tintner, früher Rabbiner in St. Pölten wurde in einer hiesigen Gemeinde als Prediger mit einem Jahresgehalte von 1500 Dollars angestellt. Philadelphia. Der ncucngagirtc Prediger Herr vr. Jastrow hat bereits seine Stelle angetrctcn. In Reu-Orleans wurde eine neue Synagoge mit großer Feierlichkeit eiitgcweiht. Feuilleton. Die Tante. Eine Erzählung von Siegfried Hölder. 1. Die Karavane. (Fortsetzung.) Daß die gutmüthige Weilcnhcimer Rebeziu in dem phisischcn und geistigen Wohlbehagen, welches die Rast nach vollbrachter mühevoller Arbeit gewährt, ihre Satisfaction über das Nichterscheinen der unglücklichen armen GäsLe so entschieden zum Ausdrucke brachte, bedarf für ihr Herz der Rechtfertigung, für den Leser der Erklärung. -— Frau Rösel war nichts weniger als hartherzig gegen die Armen, jedes Leid eines andern drang tief in ihre Seele, und versetzte ihr Gcmüth in eine gewisse nervöse Reizbarkeit, sic übte ihre Wohlthätigkeit sogar mit einer Art Pedanterie. — Wenn cs zuweilen vorkam, daß sie ihren Gatten, während er gerade die Jugend der Gemeinde unterrichtete, mit einem Leckerbissen überraschte, den sic selbst aus zärtlicher Aufmerksamkeit für den vielbeschäftigten angestrengten Mann bereitete, oder aus der Küche einer beuachbartcu Freundin verehrt erhielt, so konnte man sicher sein, daß jedes der aliwcseudcn Kinder sein Theilchen davon haben mußte, und kein Professor der Physik hätte ein besseres Experiment über die Elastizität und Theilbarkcit der Körper liefern können.— Wenn sie nun gerade für jene armen Wandervögel, die ihr Unglück von Ort zu Ort von Land zu Land hcrumschlcppen, die obdach- und hcimathlos durch die weite Welt ziehen ohne andere Hoffnung als das Mitleid ihrer Glaubensbrüdcr, kein Plätzchen in ihrem weichen Herzen hatte, so muß die Sache ihr eigenes Dcwandniß haben. Daö jüdische Bcttclwescn, wie es noch heutigen Tages zum Kummer jedes Menschenfreundes florirt, und dem Vorurthcil so vieler, die da glauben, daß aller Reichthnm unter den Inden stecke, ein ziemlich deutliches Dementi gibt, ist nur noch ein Schatten von dem, welches in der Zeit unserer Erzählung als eine wahre Landplage oft in kleine Gemeinden cinfiel, um da Unruhe und Bei Wirrung zu verbreiten. — Ganze Züge solcher Wanderer, ganze Bcttlersamilicn, Bettler von jeder Sorte und Onalität durchzogen das Land, und ihr Kompaß verfehlte nie sie in Orte zu führen, die von Glaubcusbrüdcrn bewohnt sind. —Wenn nun ein ivlcher S chwarm seinen Einzug in eine kleine Glmeinde hielt, da gab cs die liebe Noth, die ungeladenen Gäslc cinzuguarlircn und zu verköstigen. — Die sogenannte „Cälalstältc" die suherdc Herberge der Orchim, konnte nicht immer die Zahl der Gäste fassen und mit der Verköstigung hatte cs mitunter auch seinen Haken. — Der Armenvalcr, der die Einquartirungsbillets „Plätten,, genannt, austhcilte, mußte alle sseine Weisheit und Erfahrung zusammennehmcn, um cs nicht bei diescin amtlichen Geschäfte mit den Hausfrauen der Gemeinde »u, verderben, und dadurch seine Popularität in Gefahr zu bringen. Frau £ wollte durchaus von einem zerlumpten unreinlichen Individuum nichts wissen, sie nahm immer ein Prachtexemplar der Bettelzunft für ihren gastlichen Tisch in Anspruch. Madame 9) die kinderlose Gattin des oft verreisten Herrn A, konnte nur Weiber oder Mädchen brauchen. Frau Z.. hatte wieder entgegengesetzte Wünsche. Es war keine Kleinigkeit alle zu befriedigen, abgesehen von jenen die in diesem Punkte gar nicht zu befriedigen waren, die jede solche schriftliaie Anweisung auf eine oder mehrere Mahlzeiten mit Widerwillen und Mißmuth entgegennahmen. Fand eine solche Plüttenverthcilung am Rüsttage des Sabbat, und noch dazu etwas spät am Tage statt, da stand dem Arrncnvater ein Sturm bevor, dessen Ausbruch ihm leicht den ganzen Schabbes verstören konnte. Viele Billets wurden da aus allerhand triftigen und untriftigen Gründen zurückgcwiesen. Eine Frau war nicht gerichtet, bei der zweiten hat die Magd plötzlich einen wehen Finger bekommen, eine Dritte hatte ohnedieß einen Gast ans dem dritten oder vierten Verwandschaftsgrade erhalten lt. s. w. und selbst wo die Plätten angenommen wurden, fehlte es nicht an nachträglichen Reklamationen, Vorwürfen und Verdrießlichkeiten. Man sieht demnach, daß eine solche Armcnvatcrschaft nicht zu den beneidenswcrthen kommunalen Ehrenämtern gehörte, und findet es begreiflich, daß sich nicht so leicht ein Candidat für diesen Vcrwaltungsposten fand. ‘— In Weilcuheim hatte man einfach den Gemeindeomnibus Simon Frohmann mit diesem Geschäfte betraut, und der sonst überbürdete Mann konnte keine öffentliche Thätigkeit von sich weisen. — Zu seinem Glücke hatte er in detz Person der kleinen Rebbezin einen treuen und eifrigen Adjunkten zur Seite, die willig einen Theil der Last von den Schiiltern ihres geplagten Mannes abnahm. Sie war eigentlich mehr als Mitarbeiterin, sie war Mitregentin in dem ausgedehnten Reiche pastoraler Thätigkeit, womit die Gemeinde Weileuhcim ihren frommen Sceleuhirten versorgte. — Es kam selten ein Gegenstand zur Erledigung, bevor nicht Frohmann das mündliche Parere seiner Gattin eiugeholt hatte. Selbst bei Ritualfragen die nur nach den strikten Vorschriften des Codex entschieden werden können, hatte sie, mit Humbold zu sprechen, den Muth einer Meinung. Oft wenn es sich um das Schicksal einer Gans handelte, die bereits dem Tode unter dem Schlachtmesser erlag, an der jedoch nachträglich die Anatomie der Köchin einen Krankheitsstoff vorfand, die auch ohne Hinzuthun des Messers die andauernde Lebensexistenz des armen Thicres in Frage gestellt hätte, sagte die kleine Rebbezin zu ihrem Manne; Simon mein Kind! nimm dir ein bischen Mühe, damit die Gans koscher werde, sie gehört einer blutarmen Frau. Närrchen, entgegnete Frohmann lächelnd, hängt denn das von mir ab, ich muß paßkencu (entscheiden) nach dem Schulchan Aruch (Codex). — „Ich weiß das, rcplicirte Rösel, aber ich habe dich doch oft gesehen, 5 oder 6 Folianten aus dem Bücherschrank zu dem Schulchan Aruch herausnchmen, so muß er doch nicht immer das letzte Wort haben. — Frohmann schmunzelte in den Bart, und das Resultat war häufig wie es Rösel wünschte, was ihr Selbstbcwußtsein über die Bedeutung ihrer Rathschläge sehr erhöhte. — Das Geschäft der Plättcuvcrtheilung hatte Frohmann ausschließlich in das Departement der Wirksamkeit seiner Gattin verwiesen, und obgleich sich die gute Rebezin mit allem Geschick und aller Unparthcilichkeit ihrer Aufgabe entledigte, fanden ihre Leistungen selten die verdiente Anerkennung. Oft wenn sie Samstag Morgens in die Synagoge kam, zeigte ihr der mürrische Blick der einen Nachbarin, oder die leise unvcrnehmlichc Antwort aus den freundlichen Sabbathgruß von Seiten der andern Nachbarin, daß man cs bei einer öffentlichen Wirksamkeit niemals allen recht machen könne. — Der Leser wird es nnn begreiflich und auch verzeihlich finden, wenn der Rebbezin an einem Freitagnachmittage ohne irgend welche böse