Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1866-11-01 · 21 (1.11.1866) · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
21 (1.11.1866)
Date
1866-11-01
Page
Seite 166 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9050333-9088929-9050835--0513-9050841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

166 jetzt blüht dir, edler geplagter Mann! ein neues schöneres Leben; alle überstandenen Mühen und Qualen sind in daS Meer der Vergessenheit gesenkt, du w rsl nicht mehr der Tau schnng, der Aftrsührnna, der schändlichsten Absichten angeklagt, das Volk wird rcnmüthig zu deinen Füßen liegen, wird bir Abbitte thnn wegen dcS vielen an dir begangenen Unrechts, und du, der du nicht zu verzeihen brauchst, weil du me gegrollt, du wirst anfncbmen daS Volk in deine Arme, und ein unauflösliches Band der Liebe und der Einigung wird dir hohes Alter, wird die letzten Tage deines ErdcnlebcnS beglücken. Moses stlbst wagt von einer solchen Zukunft zu träumen x*nn nn ’i 7X pnnxi. „Ich flehete zu Gott in jener Zeit." Er, der nie etwas für sich verlangte, er lag ans den Knien, weinte, flehete und betete. Das war daS Ziel seiner Sehnsucht, in dieser Kammer seines Herzens lagen alle seine Wünsche vereinigt. — Doch ein höht rer Wille, dem sich alles beugt und beugen muß, der Fromme mit Hingebung und Nahe, der All agsmcnsch mit Schmer; und Gram, der Sinucnmensch mit Verzweiflung und Wahnsinn, der Böse mit Wnlh und verbissenem Grimme; ein höherer hatte cs anders bestimmt. Moses sollte mit seinen Augen das ersehnte Zitl schauen, aber nicht erreichen. Und welcher Gedanke beschäftigte jetzt, nachdem er sein unwiderrufliches Snafurlhtil vernommen, seinen h.hrcn Geist, welches Blümchen Pflanzte er noch auf das geschlossene Grab seiner Hoffnung n, woran dachte er noch in seiner Sterbestunde? Nicht an seine Person, nicht an s ine leibliche Nachkommenschaft, nicht an sein Haus, er dachte an die Gemeinde Gottes, denn das waren feine Kinder Sy trx "tra rrnrn TtSx 'i *ipa' D~vn. „Es setzte der Ewige der Goit der Güster alles Fleisches einen Mann über die Gem inde." So eben hatte er Israel im Namen Gottes die mSru rma die gesetzlichen Bestimmungen über die Erbfolge verkündigt, ob auch er seinen Kindern irdische Güter zurnckließ, darüber schweigt die Schrift, das ist ihr unwichtig; allein die Nachfolge seiner Größe, seines Ruhmes, seines Amtes, sein r Würde fand er nicht in seinem Hause, nicht in seiner Familie, nicht in feinem Stamme, es fiel ihm auch licht ein, sie da zu suchen, er sorgte nur njn anS | x tx sxrca 'i r~y '*nr xSi. „Daß die Gemeinde Gottes nicht sei, wie Schafe ohne einen Hirten." Solche Größe können wir nur anstaunen und bewundern, ihr zu folgen, ist der schönste Beruf des Menschen, sie zu erreichen ist nur wenigen Sterblichen gegönnt. Wie wir oft von dem Großartigen in der Natur wie in der Kunst so ergriffen und bewegt werden, daß unsere Zunge keinen Ausdruck findet, so gilt auch von diesem Ideale aller menschlichen Tugenden der Satz des Dichters nSrn n*on fr. „Schweigen ist dein größtes Lob. Ein solcher Eindruck will verstanden, gefühlt, aber nicht bewiesen und besprochen werden. Wir werden daher niemals rechten mit jenen übernüchtcrnen Wciseil und Thoren, die in der Bibel bloß eine Zusammenstellung gewöhnlichcr Ereignisse oder gar Abgeschmacktheiten erblicken, die, wie sehr sie sich bestreben vorurtheilesrci zn sein, oder doch zn scheinen, durch das starkgefärbtc Glas der Vor« urtheile sehen und lesen, ihnen fehlt der Sinn, das GotteSwort zn verstehen, denn ihnen fehlt daS Gemü h. Uns ist die heilige Schrift der Inbegriff alles Schönen und Edlen im Menschen und am Menschen, uns ist sie die Grundlage unseres ganzen moralischen Lebens, Trägerin unserer bedeutungsvollen Vergangenheit. Trösterin und Freundin unserer Gegenwart, Bürgschaft und Sehnsucht unserer Zukunft, unS ist sie Schatz und Kern unseres ganzen Menschcnadcls, uns ist sie daS hohe Ideal Hoch und fast unerreichbar, und doch liegt Alles so nahe, alle Töne und Klänge kommen auS den Saiten des menschlichen GemütheS, alle Farben und Tinten aus dem Kreise menschlicher Anschauung, Nichts unwahres, nichts erkünsteltes nichts Fremdartiges, alles nrairna mp JT.1 auf heiligem Boden entsprossen." — Wir haben gehört von der Größe dcS MoseS, wir haben ..uS dem unerschöpflichen Born der Menschenliebe einen Tropfen gekostet, allein auch daS Leb.'n bitthet grr viele Bezi h lngen zi diesen seltenen Tugenden unseres großen Gesetzgebers. So stirbt auch ein treuer Vater, so verlässt auch eine liebende Mutter ihre zarten unversorgten Kleinen. Sie haben die chenern Sprößlinge mit unermüdlicher Sorgfalt aus der Verpuppung der Kindheit gezogen, ous dem Traumleben der ersten Jahre geweckt, sie haben gesäct, und den Samen in der Hoffnung aus eine spätere Erndte ansgcstrcnt, sie ertrugen alle Mühen und Plagen in dem Gedanken, cS werden für sie noch bessere-Tage kommen. Da schlägt auch schon die Abschiedsstunde, alle Hoffnungen sind in eiinm Nn abgeschnittcn, vernichtet, und auch sie denken wie MoseS. „Möchte doch dieses kleine Hänflrin nicht dastehen, wie Schafe ohne Hirten" und er, der sich Vater der Waisen nennt, erhört das Gedeih der Unglücklichen, und die verlassenen Küchlein finden Pflege Schutz und Hilfe, unter Gottes Beistand, unter Gottes Segen. Feuilleton. Die Tante. Eine Erzählung von Siegfried Hölder. 1. Die Karavane. Man zählte den Monath Juli 1801; eS war also noch die gute alte Zeit. DaS neue Jahrhundert war kaum geboren, cs hatte erst wenige Monde zurückgrlegt, und wer konnte cs dem Wicgenkinde anschcn, welche Veränderungen und Umwälzungen cS in alle Schichten des geselligen Lebens bringen werde, welche Richtungen und Wandlungen der ganze Gedankenkreis der. Mensel heit durch dasselbe erhalten sollte. Die während der letzten Lebensjahre seine - Vorgängers im Westen Europa'S aliSgestreute Saat der Humanität und bürgerlichen Freiheit warzu sehr mit unschuldigem reinem Blute genährt und getränkt, alo daß sie zum Heile der Menschheit hätte reifen und gedeihen können. Die neue Offenbarung hatte Feuer und Schwcrdt als Apostel ihrer Lehre durch die weite Welt geschickt, und für die Spräche dieser Sendbothen haben die Menschen selten ein geneigtes Ohr. Die Kricgsfurie, welche durch den Welttheil zog, versetzte Alles in Unruhe und Schrecken, und niemand hatte Sinn und Empfänglichkeit für die höhere Mission zu deren Werkzeug sie vielleicht auserkoren war. Die Welt war in Aufregung und die Politik beschäftigte die Gemüthcr; allein jene war noch in den naiven Kindcrjahren der sozialen Entwicklung, in denen sich die äußeren Eindrücke noch nicht so festsetzcn, um unvcrlösch- , liche und unverwüstliche Spuren im Gemüthe zurück;,.lassen, und diese war noch damals mehr eine Fachwissenschaft, nicht wie in unfern Tagen Gemeingut aller Gebildeten und Ungebildeten, damals hatten noch nicht unzählige ZeitnngSblätter durch Dichtung und Wahrheit ihre Leser in stetter fieberhafter Spannung erhalten, es war nicht wie jetzt, wo sich der ärmste Taglöhner der Lösung brennender politischer Fragen mit einem Eifer hingibt, als ob er allen Ernstes einen verzweifelten Minister aus seinem Fautcnille verdrängen wollte. Unter solchen Verhältnissen darf eS nnS gar nich benaschen, daß die lange Indengasfe, die am Ende deS großen Dorfes Weilenheim ihre Lage hatte, an einem Freitagnachmittage der obcnangcfnhrtcn Zeitrechnung dem Beobachter dieselbe Physognomie bot wie etwa 50 Jahre früher an demselben Wochentage. Wir wünschen nichts sehnlicher, als daß die dazumal noch nicht erfundene Photographie die beiden durch den Zeitraum eines halben SckulumS getrennten Bilder der Nachwelt Übermacht hätte, um unserer historischen Glaubwürdigkeit die Krone anfzusctzen. Vorläufig wollen wir dem Leser daS Bild entrollen, wie cS mit seinen Hellen und dunklen Farben in unserem Geiste lebt, mag ihm dessen eigene Phantasie die gewünschte Lebhaftigkeit geben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.