Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 21 (1.11.1866)
- Date
- 1866-11-01
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Die lange Gasse in Wcilcnheim, die mit einigen wenigen Aufnahmen von Juden bewohnt war, und daher ohne ein legalisirtrs Ghetto, welches sonst in Böhmen, dem Schauplatze unserer Erzählung außer in der Landeshauptstadt niemals eingerichtet und abgegränzt war, zu sein, den Namen: „Judengässe" führte, war heute ziemlich bewegt, nnd man konnte leicht merken, daß die Braut Sabbath in wenigen Stunden ihren Einzug halten werde, um in die armseligen Wohnungen der Gläubigen die Gemülheri he nnd den Seelenfrieden zu bringen. — Die Gasse wurde rein gemacht von geschäftigen Händen, und jeder kehrte buchstäblich nach dem Sprichwortc vor seiner Thüre. Bor manchen Häusern war dieses Werk der Säuberung bereits vollzogen, und eine oder die andere vor der Thüre stehende sauber gekleidete Person war ein deutlicher Beweis, daß die Insassen dieses Hauses zeitlich früh mit dein Rüstungswerke zum allwöchentlichen Ruhetage begonnen haben. — Hie und da sah man kleine Jungen in ihren Festgcwändern gekleidet nnd ihre Gebetbüj cher in der Hand tragend, stolz einherschreiten, besonders jene j unter ihnen, die zusällig heute von der elterlichen Liebe mit < einer neuen Mütze oder ein paar neuen Beinkleidern bedacht j waren, die konnten kaum die Stunde der Abendandacht erwarten, um ihren Anzug von allen Besuchern der Synagoge mustern zu lassen. — In einer solchen Jungenscele steckt die ganze Eite'keit und Putzsucht einer modernen Weltdame. Ernste gelehrte Männer, die bei der Bedeckung ihrer Staubhülle niemals ein Modejournal zu Rathe ziehen, erzählten uns, daß sie als kleine Knaben über die mißlungene Fayan oder unbeliebte Farbe eines Nockes, Tagelang weinen und schmollen konnten. — Trat man aus dem Kreise dieses jugendlichen Schwarms, so mahnte ein anderes Bild an das Trübsal tes Lebens. Bon der Laudstrasse einher schritt ein Mann in mittleren Jahren, unter der Last semes schweren Packes keuchend und schwitzend, das Zeichen des Mißmuthö über unablässige und selten lohnende Plage in den Runzeln der Stirne tragend; im Dorfe angelangt, in der Nähe seines Hauses) verdoppelt er trotz der Last auf seinem Rücken seine Schritte, er richtet sich auf, nnd eilt mit erhobenem Haupte seiner Wohnung zu; er will den Nacken nicht beugen, er will der kalten Welt das Mitleid ersparen. — Einige Schritte von seinem Hause sieht er sich von den 5 jungen Sprößlingen wie von einem Bienenschwarm nmbraust, er weiß kaum, welchem er zuerst seine väterliche Zärtlichkeit zuwenden soll und gewinnt kaum Zeit nach der Mutter seiner Kinder zu fragen, die indessen geschäftig im Hause waltet. Machen wir uns über das Schicksal des Mannes keine besondere Sorgen. Sein Unglück scheint nicht unermeßlich zu sein. Zwei Stunden später scheu wir ihn in der Synagoge als einen ganz anderen Menschen, seine hübsche Gestalt, sein hiteres Antlitz, dem der mittlerweile glatt rasirte Bart einen Zug der behäbigen Gutmüthigkcit verleiht, und endlich sein einfacher aber sauberer Anzug lassen kaum den abgejagten Dorfgehcr von zwei Stunden früher erkennen, und als ihm vollends der Synagogcuvorsteher den Vortrag des Eingangsliedes zum Sabbath „Lecho do li“ verehrte, da war der Mann übcrsclig, nnd vergaß vielleicht selbst daran, daß er erst gestern in einem benachbarten Dorfe alle seine Beredsamkeit und alle Künste nnd Schliche Merkurs aufbiethen mußte, um ein Restchen Cotton mit einigen Groschen Gewinn nicht an den Mann — aber an die Magd des Meicrhofs zu bringen. Doch wir sind unv rmerkt mit unserer Erzählung in den Sabbath hineingerathen und wir haben rs noch mit dem Freitag zu thun, wir haben die freitäglichen Zustände Weilen Heims noch nicht die Revue passiren kaffen, und dieser Tag hat seine Rolle in unserer Geschichte noch nicht ausgespiclt. Wir müssen dem geistlichen Oberhaupte der jüdischen Gemeinde zu Weilenheim noch einen Besuch machen, bevor die Sabbathlampe angezündet wird. Die Gemeinde hatte in der Person des Herrn Simyn Frohmann einen Rabbiner. Dieser Titel ist jedoch nicht in der modernen Bedeutung des Wortes zu nehmen, wo der jüdische Seelsorger öfters zu predigen. Ritualsragen, die selten Vorkommen, zu entscheiden und nebenbei einige Stunden wöchentlich Neligionsunterricht zn cUheilcn hat. So war cs überhaupt vor 60 Jahren nicht, und Weilcubeim war eine kleine, nichts weniger als reiche Gemeinde. Zwei oder drei ihrer Mitglieder hatten nebst einem guten Auskommen einige Ersparnisse ihres Fleißes nnd galten in jener idyllischen Zeit als Crösnsse in der Gemeinde, ein großer Thcil derselben hatte eben zn leben, ein anderer Thcil hatte kaum zn leben, wie man gewöhnlich sagt, lebte aber dennoch und am Sabbath sogar frisch und munter wie die andern St rbl-eben in Wcilcnheim. Frohmann besaß das Wissen nnd die Fähigkeitcn eines tüchtigen Rabbiners jener Zeit, er hätte der größten Gemeinde mit Ehren vorstehen können jedoch der Schicksalssturm hatte ihn nach Weilcnheim verschlagen, wo er daS religiöse Faktotum der Gemeinde wurde. Er be'chuitt die achttägigen Knäblein und schlachtete V eh nnd Geflügel, er unterrichtete die Mädchen im Buchstabiren nnd Sifllabiren nnd die Knaben in Torah und Talmud, er betete für die Kranken und sang für die Gesunden, er crmahrttc und belehrte die Lebenden, begrub und segnete ein die Todtcn, kur; was nur irgendwie mit dem religiösen Leben des Juden in einer Beziehung stand, ging durch seine Hand oder durch seinen Mund. Er war wegen seines biedern Charakters und seiner Gu.müthigkcit allgemein beliebt, und wenn auch sein schlagfertiger Witz, den er eigenthümlichcr Weise niemals unterdrücken konnte, zuweilen dem einen oder andern etwas cmpfi dlich wurde, so verzieh man bald dem braven Manne diese Schwäche, und war mehr der vielen Eigensckaflen eingedenk, d e sein edles Herz schmückten. Frohmauu stand im Al er zwischen 35 bis 40 Jahren. Er war der Sohn ein S reichen Mannes, und hatte in frühester Jngend eifrig das S ndium der jüdischen Theologie betrieben, ohne im Geringsten zu ahnen, daß er einst sein Wissen materiell verwerthen werde. Mit 17 Jahren verließ er die damals in Blüthe stehende jüdische Hochschule zu F., wo er als einer der scharfsinnizst-n und tüchtigsten Studiosen galt, nm das ausgedehnte Geschäft seines plötzlich verstorbenen Vaters in seine Leitung zn nehm'n, seiner Mutter rathend und thütig zur Seite zn stehen, und an seinen jüngern unversorgten Schwestern Vaterstell: zu vertreten. Mehrere Jahre später heirathete er ein hübsches braves, kluges und arbeitsames Mädchen ans reichem Lranse. Rösel, so hieß die Jungfrau, besaß wohl wenig Geistesbildung. Das war für jüdische Mädchen früherer Zeiten mehr als ein Luxusartikel, es war sogar ein Fehler. — Dafür hatte sie einen geweckten Geist, einen praktischen Verstand, ein reifes Unheil, sie hatte besonders die Gabe sich in alle Verhältnisse hineinzufügcn, und wer ihr häusliches Walten in Wcilcnheim beobachtete, mußte schweren, daß sie eine geborue Rebizin (Rabbineriu) sei. Frohmann verlebte mit ihr mehrere Jahre des Glückes und der Zufriedenheit, seine Ehe war mit Kindern gesegnet, sein Geschäft blühete und sein Wohlstand mehrte sich mit jedem Tage. Doch dieses Glück hatte keinen Bestaid, es traten G schäftskrisen ein, die sein Vermögen verschlangen und ihn zum arnien Man e macht n. Vor dem Bettelstäbe schützten ihn seine Kenntnisse, und als gerade um dieselbe Zeit der R.rbbincrposten in Weilenheim durch den Tod seines Inhabers erledigt wnrd', richtete die Gemeinde ihr Angenmerk auf Frohmann, und zwei von der Gemeinde nach dem 10 Meilen weit entfernten Hcimathsorte Froh nauns abgesandte Dcputirte brachten diesem unerwartet das Anstellnngsaiplonr ins Haw, ohne diß vo i einer Conkursausschreibung, von einer Proberede oder von einer sogenannten Prüsungsbeschau die Rede war. Sehen wir uns nun in der Wohnung Frohmanns nm. Die Wohnung ist im schönsten Sabbathschmncke, der Boden des Wohnzimmers ist blank geschciert nnd mit grauen lei- " nernen Tüchern bedeckt, der Tisch hat seine schöne weiße Decke, auf ihm liegen die beiden Wcizendrode, die zu jener Zeit bei dem ärmsten Manne für den Sabbath nicht fehlen J durften, über ihn hängt die glänzende achtzackige Messinglampe, kur; eS ist Alles so. wie wir es schon oft ge chen und in der novellistischen Ghettolitcratur ausführlich zcschil-