Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 20 (18.10.1866)
- Date
- 1866-10-18
- Page
- Seite 156 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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150 ter Männer, wo von allem und jedem, was die Menschheit interessirt und nicht interessirt gesprochen wurde. — Freund £., dieser joviale Gesellschafter, war auch anwesend, — X. unser einstmaliger Schullollege hat nicht nur durch seine literarischen Leistungen einen guten Namen als Jurist, er ist sonst ein Mann von vielseitigem gründlichem Wissen, und wer sich in wissenschaftlichen Angelegenheiten an seine Adresse wendet, der hat den Weg nicht umsonst gemacht.Allein, er hat auch eine Achillesferse, — das ist die Mathematik. — Er hatte als Student viel zu schwitzen, um von dem gutmüthigen Professor in mathesi, der nebenbei ein kleiner Pedant war, eine leidliche Note zu erhalten, und es hat wenig gefehlt, so wäre er ans der pythagoreischen Eselsbrücke durchgefallen. Er hat jedoch seither nicht Muße gefunden die nun schon verrostete Scharte auözuwetzcn und er bleibt ein gelehrter Mann trotz dem lieben Professor, der seiner wissenschaftlichen Zukunft ein mehr als bedenkliches Prognostikon stellte. In unserem erwähnten Zirkel kömmt nun auch die Wissenschaft /MT’ aufs Tapet, und ein junger Mann, der eben mit den Anticedentien unseres Freundes nicht vertraut ist, wendet sich an diesen mit der Bitte um Lösung eines mathematischen Problems, denn nach seiner Meinung müsse ja Herr X Alles wissen. — Unser Freund, wird durchaus nicht verlegen und antwortet eben so bescheiden als wahr: Wozu fragen Sie mich das, ich weiß ja kaum, daß 2 mal 2 4 ist, — da fragen Sie lieber meinen jTischnachbar Hrn. J, der kann Ihnen Aufklärung geben. — Herr D löste in der That das schwierige Problem. — — Frage: Wußte 'Freund X wirklich nicht, daß 2 mal 2 vier sei? Oder kam es einem aus der Gesellschaft in den Sinn dessen Worte buchstäblich zu nehmen? — Dasselbe Bewandniß hat es mit unserer Stelle im Talmud: R. Chia war eben kein Agadist und in seiner Ablehnung der Frage ist neben der allzugroßcn Bescheidenheit auch die Ironie nicht zu verkennen. — Er will gleichsam sagen: Mit derartigen Untersuchungen habe ich mich nie befaßt, da mußt du dich an R. Tanchum wenden. Biethet nun die Stelle noch Schwierigkeiten? — Wir glauben kaum. Unsere vorliegende Arbeit ohne einen gelehrten Apparat von Citaten dürfte gar vielen unbedeutend erscheinen. — Das wollen wir gerne gelten lassen, nur wolle man die Bedeutung der Methode für die wissenschaftliche Talmudforschung nicht unterschätzen. Es ist eben das Ei des Columbus. — Correspondritz. Prag. Am 10. d. M. wurde Herr Simon Ausch, als ein hervorragender Talmudgelehrter in unserer Gemeinde bekannt, zur Erde bestattet. Er starb nach kurzer Krankheit im 71. Lebensjahre. Zu Prag von biedern wohlhabenden Eltern geboren, widmete er sich frühzeitig nach dem Beispiele seines gelehrten Vaters dem Talmudstudium, dem er mit unermüdlichem Fleiße oblag, und in dem er auch glänzende Fortschritte machte — Sein Wissen in diesem Fache war ein sehr umfangreiches — Mit einer immensen Belesenheit in der einschlägigen Literatur verband er einen glänzenden Scharfsinn und eine reiche Produktivität — Bei seinem geschäftlichen Berufe, dem er früher eine lange Reihe von Jahren angehörte, zeigte "er wenig Neigung zur Veröffentlichung seiner Geistesprodukte, doch stand er mit vielen berühmten Rabbinen seiner Zeit im brieflichen geistigen Verkehr — Die schon vor mehr als 40 Jahren gedruckten Rechtsgutachten des bekannten prager Oberjuristen Eleasar Flekeles beantworten bereits eine von Ausch angeregte und diskutirte halachische Frage, und auch in der Responsensammlung des gelehrten Rabbiners Hirsch Ehajes wird sein Name zu mehreren Malen ehrenvoll genannt— In inniger Freundschaft mit unserem gelehrten Obcrrabiuer Rappoport lebend, dessen Umgang er mit eifriger Liebe pflegte, fand die jugendliche Regsamkeit stets reichliche Nahrung für das Denken und Forschen im Bereiche der jüdischen Wissenschaft — Der Verblichene, der auch durch mehrere Jahre Mitglied des Gemeindevorstauds war, zeichnete sich jedoch nicht blos als Talmudist aus, er besaß auch anderweitige Kenntnisse und allgemeine Bildung, die seinen Umgang bei allen intelligenten Schichten unserer Gemeinde zu einem angenehmen und anregenden machten — Er schrieb ein vortreffliches Hebräisch und auch ein gutes Deutsch. — Unser „Abendland" hat einen kleinen Aufsatz aus seiner Feder, der seinem deutschen Style zur Ehre gereicht — Von strenger Religiosität und dabei von sanftem Charakter hatte er Sinn für die Fortschritte und Bedürfnisse der neuen Zeit, deren Berechtigung er anerkannte, war aber ein erbitterter Feind aller tiefgreifenden Reformen, gegen die er ohne Ostcntation aber mit Energie eiferte — Er war in erster Ehe Schwiegersohn des berühmten Talmudgelehrten Wolf Wert- Heim ans Dobruschka, dessen Andenken er nicht blos aus verwandschaftlicher Neigung, sondern aus inniger Pietät hochverehrte — Die Achtung, deren sich der Mann zu erfreuen hatte, zeigte sich bei seinem Leichenbegängnisse — Ein ungemein zahlreiches Geleite folgte seinem Sarge. — Unser würdiger Oberrabbiner, Herr Rappoport hielt die Leichenrede, bei welcher er zum öfter« seiner inner« Bewegung nicht Meister werden und seinen Thränenstrom nicht aufhalten konnte — In der sonst schüttern Reihe der talmudischen Capacitäten unserer Gemeinde hat der Tod des Herrn Simon Ausch eine nicht leicht auszusüllende Lücke gebracht — Der moderne Nachwuchs ist kaum geeignet trotz Talmud-Tora und Quasi- Seminar einen einstigen Ersatz zu versprechen. — Friede seiner Asche— R. Smichmv. An den letzten Tagen des Laubhütten - festes (Schemini Azeretli) hatte unsere Gemeinde das sonst leider ungewohnte Vergnügen, den solennen Gottesdienst mit einer Festpredigt ausgeschmückt anzuhören. Ein einheimischer junger Mann, Doctor der Philosophie aus dem anerkanntermaßen gediegenem Bresslauer Seminar, Herr Gabriel Perlitz betrat an diesem Tage die Kanzel, entbot hiemit aufs Würdigste den Gemeindemitgliedern seinen Gruß und wählte als gelegenheitliche Dissertation die Doppelbedcutung des Schemini- Azereth Festes, worüber ich die geehrte Redaction in Kenntniß setzen will, indem ich jedoch das Ansuchen hiemit verbinde. Sie mögen einem aus objcctiver Feder fließenden Urtheilc einen Raum in Ihrem viclgelesenen Fachblatt gönnen. Den Haupteffcct hatte die Predigt — und einen solchen hatte sie factisch errungen — sicherlich der leichten Fasslichkeit (in Form und Inhalt) zu verdanken. Die schönsten Gedanken, die, laut gedacht, in einer schwungvollen Redeweise hervorquollcn, waren in einem Plane geborgen, der wohl seiner Gediegenheit halber von Jedermann durchschaut werden konnte. Die Einleitung, glücklicherweise baar aller anekdotischen Bei- und Zuthaten, einfach und vorbereitend auf den noch schöneren Stoff, schlug sich rasch eine Brücke zum eigentlichen Thema und in 4 Absätzen, gradativ spannend, rechtfertigte der angenehme Redner seine in der Einleitung präcis ausgesprochene Ansicht, daß das Fest, so wie es an dem Tage begangen, seiner Natur nach von einer doppelten, Bedeutung sei; man lehne sich nämlich noch einesteils rücklings in die Laubhütten, anderseits aber entringe sich ^wohl dem Auge eines Jeden ein Strom von Thränen, in Folge der Rückerinuerung an die Verstorbenen, deren Seelenfeier dem Feste ein rein geistiges Gepräge verleiht. Zur Begründung dieser zwar von Niemand angezweifeltcn Ansicht führte er die Mängel an, die die bloße Verehrung der Natur mtt sich bringt und gab dem Ganzen Fleisch und Blut durch würzhafte Repräsentation der heidnischen Völker die nur rem