Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 20 (18.10.1866)
- Date
- 1866-10-18
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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155 moralischen Todtschlagens schuldig macht, gegen den sich Niemand wehren kann! — Sei dem aber, wie ihm wolle, da er die Correstondenz nickt zum Drucke bestimmt habe, nicht wahr? so war ihm sein Urthril wie sein Jrrthum verzeihlich! Uebrigens soll Lessings Privat-Korrespondenz in d.r größten Ordnung sein. Gut und nickt gut si.r diejenigen, die es betrisst, wie man's nehmen will!- Diese Aufzeichnungen nehmen für sich nur den Werth in Anspruch, Daten zu enthalten, die dem angestrcbten Zwecke „Lessing und seine jüdischen Freunde" der Kenntniß und dem Verständniß unserer Nation nahe zu bringen, förderlich sind; denn sorgfältig sollte stets alles gesammelt werden, was hier und da von berühmten Zeitgenossen über unsere berühmteren Glaubensgenossen gesagt worden ist, und wer noch Beiträge der Art liefern kann, der möge sich verpflichtet halten, dieselben nicht zurückzuhalten, sondern sein Schärflein zu diesem guten das Judenthum ehrenden Werke beizutragen. Dir Grift drr talmudischen Diskussion von Dr. Kleist. Bei der Erklärung vieler schwierigen Talmudstellcn ist zuweilen die einfachste Deutung, die sich von allen scharfsinnigen Combinationen fern hält, die richtigste, und vom Standpunkte der wissenschaftlichen Erforschung dieses unwegsamen Meeres ist es häufig von Gewinn, wenn die Lösung an das Ei des Columbus erinnert. Man kennt genng die Art der alten Darschanim (Prediger), denen zu jedem Vortrage wenigstens ein sogenannter herber Midrasch ebenso unentbehrlich war, wie einem modernen Prediger einige talmudische Brocken unerläßlich sind— Dieser Midrasch, was in der technischen Ansdrucksweise unserer alten Prediger soviel bedeutete als Midraschstelle, dem gar nichts weiter als der Sinn zu fehlen schien, wurde so lange gewendet und gedreht, so lange mit andern paralellen und nicht paralellen Talmudu. Midraschstellen in Verbindung gebracht, bis endlich eine Lösung zum Vorscheine kam, die meistens mehr Witz als guten Geschmack verrieth— War das Publikum zuerst über den vermeintlichen Unsinn der Stelle erstaunt, so wurde es hierauf von dem scharfsinnig hincingcbrachten Sinn überrascht. Es konnte nicht anders sein, denn wie die Stelle, verstümnielt und aus dem Zusammenhänge herausgerisscn vorgcsührt wurde, forderte sic allerdings zur Erklärung heraus, und mit der geistigen Unterhaltung mischte sich beim Zuhörer die Befriedigung, einem Satze der so pietätvoll verehrten Talmudlehrer die Verständlichkeit vindicirt zu haben — Das gleiche Loos mit dem Midrasch theilte auch der Talmud, auch er mußte sich häufig unschuldiger Weise allen möglichen kasuistischen Operationen unterziehen — Sah man jedoch der Stelle näher ins Auge, suchte mau sie in ihrer Heimath aus, und las sie in ihrem Zusammenhänge mit vorgehenden oder nachfolgenden Stellen, da fand man sie in ihrer wahren Gestalt, sie bot keine Schwierigkeiten, es that ihr, wie sich noch unsere Väter und Großväter bildlich ausdrückten, kein Kopf weh — Der ganze Geistesbau des Darschan fiel übereinander und behielt nur seinen ephemeren und zweifelhaften Werth für die Kanzel — In der neuern Zeit hat diese ganze exegetische Schule ihre Beliebtheit verloren, und muß einer nüchternen wissenschaftlichen Erforschung des Talmud den Platz räumen — Diese letztgenannte Erforschung, die sich gerne Wissenschaft des Judenthums nennt, ist noch zu sehr im Stadium der Versuche, um von ihr schon bestimmte Gesetze der Interpretation, bestimmte Axiomata, von denen sic ausgehen muß, bestimmte Gränzen, die sie nicht überschreiten darf, verlangen zu können. Mit einem Worte es hat die jüdische Wissenschaft noch nicht den nöthigen Pragmatismus gefunden, sie hat noch zuviel von der alten Methode an sich, sie ist noch zu scharfsinnig, und der Scharfsinn schießt zumeist über das Ziel hinaus. Je löblicher und bedeutungsvoller ihr «Ltreben ist, da Talmud und Midrasch in der That noch viele unerschlossene Schütze enthalten, um so wichtiger ist es ihren Verirrungen nachzuspürcn, um sie in die rechte Bahn einzulenfcit — Und hier ist es besonders ein Punkt auf den wir aufmerksam machen wollen, auf den Geist der talmudischen Diskussion — Die Talmudlehrer behandelten gewiß jedes halachische Thema mit dem Ernst und der Weihe, den eine ihnen so heilige Sache verlangt, und wenn sie auch im Eifer der Diskussion die Waffen des Geistes zuweilen allzuspitz schärften, so wäre es doch lächerlich zu behaupten, sie hätten blos ein Spiel treiben, ein geistiges Tournier abhalten wollen.— Ganz anders ist es in der agadischen Diskussion, da war ihnen wohl die Sache gleichfalls voller Ernst, das Streben war ein reines, das Ziel war die Wahrheit, das Resultat war ein ethisches oder wissenschaftliches; allein die Behandlung des Thema wurde nicht so streng nach logischen Regeln und allgemeinen festgestellten Grundsätzen vorgenommen; es war mehr eine mit Esprit geführte Conversation, wie sie zu allen Zeiten und auch heutigen Tages in gebildeten geselligen Cirkeln vorkömmt, es wird da nicht jedes Wort auf die Wagschale der strengen Kritik gelegt, es ist nicht jeder Satz der da gesprochen wird, wörtlich zu nehmen, sondern in dem Sinne, wie ihn die Zuhörer ohne weiteren Commentar verstehen — Die unschuldigen armen Talmudlehrer hatten keine Ahnung davon, daß ihre Worte nach Jahrhunderten der Sylbenstecherei und Combinationssucht so reichlichen Stoff bieten würden, sonst wären sie gewiß ebenso besangen und verlegen gewesen, als in unfern Tagen die Mitglieder eines kleinen geselligen Zirkels, die besorgen müßten, daß ihr harmloses Privatgespräch am andern Morgen in allen öffentlichen Blättern reproducirt würde — Wollte man diesen Umstand gehörig würdigen, so würde man leicht den Schlüssel zur Erklärung vieler schmierig scheinenden talmudischen Stellen gefunden haben — Der Schlüssel ist allerdings kein künstlich gearbeiteter, kein aus der Offizin von Wertheim und Wiese hervorgcgangener, und zu der Weisheit, die wir in dieser Darstellung Vorbringen, mußte nicht erst ein Aristoteles geboren werden, dennoch ist der Schlüssel zur Erschließung des talmudischen bunten Baues, und die Beachtung unserer Bemerkung für die talmudische Forschung von höchster Wichtigkeit — Wir wollen unsere unscheinbare Methode durch ein Beispiel illustriren. Ihr geschätztes Blatt, Herr Redakteur, enthielt in einer der letzten Nummern die Erklärung der schwierig sein sollenden Talmudstelle Baba Kama 54 von dem wackern Rcligionslehrer, Herrn M. Adler, die, so geistreich sie auch ist, so sehr sie von der Belesenheit und Kombinationsgabc des Verfassers Zeugniß ablegt, kaum den schwarzen Punkt in der Zielscheibe der Wahrheit getroffen haben dürfte. Wir glauben fest, daß die Erklärung Raschi's zur Stelle, wornack sich das Wort aiö auf die Stelle “jS ass” im zweiten Dekalog bezieht, die einfachste und allein richtige sei. Es bleib: nun allerdings die Schwierigkeit, an der Raschi, dieser unvergleichliche Talmudkomentator, der meistens soweit es den Sinn und nicht das Wort betrifft mit einem gewissen Wahrheitsinstinkt das Richtige trifft, unschuldig ist, daß ein Talmudlehrer nicht einmal den Inhalt des Dekalogs gekannt haben sollte? — Wir wollen diese Schwierigkeit nach unserer Methode zu lösen suchen, und zu diesem Ende die Stelle in treuer Uebersctzung dem Leser nochmals vorführen: „Rabbi Chanina fragte den Rabbi Chia, warum steht im ersten Dckalog das „Wohlergehen" (airr) nicht auch wie im zweiten. — Wozu fragst du m i ch, eutgeguete der andere, warum es nicht steht, frage mich lieber ob cs steht, denn ich weiß kaum, ob es steht oder nicht, da mußt du dich an R. Tanchum wenden, der ist in solchen agadischen Fragen heimisch." — Wir wollen uns nun zur Lösung der Schwierigkeit eine kleine Indiskretion zu Schulden kommen lassen, und ein kleines Bruchstück einer unlängst stattgefundcuen Privatkonversation der Veröffentlichung preis geben. Wir befanden uns unlängst in einent kleinen Zirkel wissenschaftlich gcbilde- 20*