Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 19 (4.10.1866)
- Date
- 1866-10-04
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9050333-9088929-9050817--0493-9050821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
148 Mannes bewirkte, daß er in einer Art Ueberfluß sich fühlte und demgemäß sich auch benahm- — „Wer sagt Euch, daß ich über mein Iecholcs thue?" — fragte er einst gutmüthig und behäbig zugleich einen würdigen Supplikanten, der von ihm eine Gabe erhalten hatte, die er selbst als über das „Jecholes" eines Rabbiners gehend bezeichnen mußte. — Man muß gestehen, wenn es einen berechtigten Stolz giebt, so ist es dieser. Wenn aber seine übrige Berufsthätigkeit keineswegs der erweiterten Wirkungssphäre des Kreisrabbinates entsprach und als minder wohlthätig bezeichnet werden muß, so lag die Schuld keineswegs am guten Willen des Mannes, dessen Eifer in Wahrheit nie erkaltete, sondern an dem mit lavinenartiger Schnelligkeit sich vollziehenden Entwicklungsprozesse der Zeit und der hiedurch, wie wir bereits früher angedeutet, täglich sich erweiternden Kluft zwischen seinen Anschauungen, Wünschen und Strebungen und denjenigen seiner Mitlebenden. Vor fünfzig Jahren noch wäre Markus Pollak als Kreisrabbincr, wie man sagt, „nichtzu bezahlen gewesen." Es ist ein eigenes Gefühl, welches den sinnenden Geist zeitlich beschleicht und mit den vorrückenden Jahren wohl stets mehr sich geltend macht, wenn er immer neue Geschlechter der Menschen, wie blühende Saaten um sich herum sich emporheben sieht, während er selbst langsam zuvörderst, dann immer rapider abwärts sinkt, Geschlechter, deren Lehrer er nur so eben gewesen und die schnell den Hosmeisterton gegen ihn annehmen, — Wie mag es erst einem würdigen Greise zu Muthe sein, dessen Herz im Wechsel der Jahre nichts an seiner Temperatur eingebüßt, der in sich noch immer die volle Thatkraft des Mannesalters fühlt, daher streben und wirken möchte, aber von den „naseweisen" Zeitgenossen höflich zwar, aber mit aller Entschiedenheit ablehnend in den Winkel geschoben wird, wohin man eben alles altmodische Zeug schiebt— brauchbares Material für den Antiquitätensammler und den Historiker. Wie Viele mögen namentlich in unserem schnelllebigem Zeitalter, dieses wenig beneidenswerthe Schicksal theilen? — Markus Pollak war jedenfalls einer unter ihnen und sicherlich keiner der unwürdigsten. Für ihn galt wohl bis zum letzten Lebenshauchc der Talmud als ausschließliches Repertorium aller Weisheit. Wie oft sprach er den Schreiber dieses, der mit besonderer Vorliebe den Umgang des Greises pflog, und sich mit ihm trotz des nahezu contradiktorischen Verhaltens der Ansichten recht wohl vertrug, eine Üeberzeugung von der Bedeutung des Talmud aus, die mit dem mehr bekannten als historisch sicher gestellten Ausspruch des Kalifen Omar betreffs des Koran so ziemlich auf Eines hinauslief. — Hiemit soll nicht etwa gesagt sein, daß Markus Pollak Obskurant genug gewesen wäre, die Wichtigkeit und Größe neu entdeckter Wissenschaft und Weisheit zu leugnen, aber im Widerspruche mit dem Talmud konnte und durfte sie ihm doch nicht stehen.— Diese Üeberzeugung hatte nichts Verletzendes und man verzieh sie dem Manne gern, weil man sie als eine aufrichtige und ehrliche anerkennen mußte. Rührend war daher auch seine Hingebung an diese Dame seines Herzens, für welche er stets bereit war nicht bloß Mühe und Zeit sondern auch sein irdisches Habe zu opfern. Kaum Kreisrabbiner geworden, war es sein Lieblingsstreben, eine Jeschiwa in Breznitz zu begründen. Und um so leichter fanden sich anfangs, trotz des laxen Sinnes des Zeitalters, Jünger ein, als er sie nicht bloß mit geistiger sondern auch mit irdischer Kost zu versehen alle Vorsorge getroffen hatte. — Dennoch hatte die dem Zeitgeiste allzu sehr widerstrebende Schöpfung keine lange Dauer. — Dennoch ermüdete Markus Pollak in seinem Eifer nicht, die „Thorah in Israel zu verbreiten." Er war eine rastlos thätige Natur. Stets sah man ihn mit Vorliebe mit der Jugend sich befassen, und ging es nicht mehr mit dem Talmud, so suchte er wenigstens Geschmack an „Raschi" beizubringen. So konnte man ihn allabendlich im Kreise von Kindern sitzend finden, denen vielleicht mehr die altjüdisch gemüth liche jWeise als de Inhalt seiner Vorträge selbst behagte. Ucbrigcns erfüllte sich auch au ihm das Los der meisten Formen auf Erden. — Sehr bittere Familienunglücks - fälle hatten ihn in der letzten Zeit genöthigt, Zuflucht bei einer Tochter in Strakonitz, das ihm immer der geliebteste Aufenthalt geblieben war, zu suchen. Hier verbrachte er denn den Abend seines Lebens stets regsam, stets auch in alter gewohnter Weise anregend bei nie welkender Frische des Geistes. Trotz mancher körperlichen, noch mehr aber geistigen Leiden leuchtete stets eine seltene Heiterkeit von dem in der vollsten Spätblüthe des Alters strahlendem Antlitze und predigte triftiger als die beredetesteu Worte dies vermocht hätten von der tief beseeligenden Macht eines unschuldigen und lautern Bewußtseins, wie denn Markus Pollak überhaupt mehr durch seine Persönlichkeit und sein ganzes Wesen als durch seine eigentliche Berufsthätigkeit erbaulich auf ein Zeitalter wirkte,welches mit Rechtsordert,daßFrömmigkeitmehr in der ganzenGesinnungsweise als in akkuratester Beobachtung des Cercmonialgesetzes sich manifestirc. Das Leichenbegängniß des Mannes, welches, .wie wir mit Genugthuung vernehmen, in wahrer Großartigkeit vollzogen wurde, gab den redendsten Beweis von der allgemeinen Verehrung deren würdiger Gegenstand er war. Nach einer in letzterer Zeit anfgekommeneu Sitte wurde seine Leiche in den Tempel zu Strakonitz getragen, wo sein Sitz schwarz dekorirt war; nicht nur waren die meisten isr. Gemeinden seines Kreises vertreten, sondern auch die christche Bürger- und Beamtenschaft von Strakonitz manifeftirte bei diesem Anlässe eine sie höchst ehrende lebhafte Theilnahme; ja wenn wir recht berichtet sind, soll sogar eine Abtheilung des k. k. Militärs dem Verblichenen das letzte Ehrengeleite in das „Haus des Lebens" gegeben haben. Um die Charakteristik Pollaks vollends zu einer lehrreichen zu gestalten — denn wahrlich nicht um einen eitlen Panegyrikus ist es uns hier zu thun, sondern aus ganz guten und triftigen Gründen vielmehr glauben wir einmal auch das Bild eines auch durch seine Tugendhaftigkeit bedeutenden Lebenswandels vor der Oeffentlichkeit entfalten zu sollen — möge noch folgende Bemerkung hier Platz finden : Wie kam cs doch, daß diese Gestalt mit durchaus altjüdischem Gepräge in der Denk- Handlungs- und Sprachweise so sympatisch selbst ans nicht jüdische Kreise wirkte? Aus seinen ebenso anspruchswie harmlosen Mittheilungen habe ich nämlich oft mit lebhaftem Interesse entnommen, wie sehr maßgebende, christliche Behörden, ihm unverkennbar den Vorzug vor manchen modernisirten Rabbinen gaben. Das zeigte sich namentlich bei Gelegenheit seiner Bewerbung um das Prachiner Kreisrabbinat. Eine Menge „Studenten," nach der überaus naiven Bezeichnung des alten Mannes war damals mit ihm in Concurrenz getreten.— Ihren Doctorendiplomen, ihren Attesten über absolvirte „Philosophie" Weltgeschichte, Ethik oc. oc. hatte Markus Pollak nicht viel mehr entgegen zu setzen als den lebhaftesten Ausdruck des Vertrauens nicht bloß seiner Lokalgemeinde Strakonitz, sondern auch der benachbarten Gemeinden, und seine imponir ende Erscheinung, in welcher aus jedem Zuge Wahrheit, Ehrlichkeit und eine altjüdische Bonhomie um so gewinnender hervorstachen, je unbeholfener er sich in dem ihm fremden Kreise vornehmer Bureaukraten bewegen mochte. — Einmal nur hätte ihm seine „Jüdischkeit" bald einen bösen Streich gespielt. Als er sich dem damaligen Präses des Prachiner Kreises Baron M. zum ersten Male vorstellte, munterte ihn dieser mit aller Entschiedenheit auf, sich um das Kreisrabbinat zu bewerben, und sagte ihm in der freundlichsten Weise jede mögliche Unterstützung zu. — Um so größer mußte daher die Bestürzung des ehrlichen Mannes sein, als er bei seinem nächsten Vorsprechen bei Sr. Gnaden, welches mehrere Monate später erfolgte, wie er sagte: „einen ganz andern Kreishauptmann" fand Dieser behandelte ihn in sehr schroffer Weise und Se. Gnaden fertigten ihn so ungnädig