Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 19 (4.10.1866)
- Date
- 1866-10-04
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Messing hat sich nämlich schon seit 14 Tagen, daß er in Braunschweig war, nicht wohl befunden, immer starke Brustbeklemmungen gehabt, davon auch eine von seinem Arzt schon für tödtlich gehalten worden. Diesen Tag war er noch ausgewesen, legt sich aber in Gegenwart Davessons um 7 Uhr „Abends wieder übers Bette, dieser fängt an, ihm vorzulesen, „hört auf einmal den Ton eines Röchelnden, sieht ins Bett— „und findet ihn sterbend." Ein Brief derselben an denselben am 27. Mar 1781 enthält folgende Mitteilung: „Von seinen letzten Tagen haben wir noch einige interessante Umstände aus eines sicheren Freundes Hand erfahren. Er ist schon seit 14 Tagen, daß er in Braunschweig gewesen nicht wohl und einmal gefährlich gewesen. Am Sterbetage außerordentlich heiter, ungeachtet er seinem Lohnlaquai, der den Tag eine Reiche auszurichtcn hatte, zweimal sagen lassen „er solle machen, daß er damit fertig „würde, um die seine auch zu besorgen". „Kurz vor seinem Tode läßt er sich von Davesson aus „Schlözers Briefwechsel, das Proclam der Jülich und Ber- „giscken Synode vorlcsen, springt auf einmal aus dem Bette, „geht in ein anderes Zimmer, kömmt zurück, den Todcs- „ schweiß an jedem Haar hängend, legt sich selbst nieder ins „Bett, sagt zu seiner bestürzten Tochter: „Sei ruhig, Mal- „cken, reicht dem Wundarzt seinen Arm, und indem man ihm „sagt, sich nicht zu ängstigen, entschlummert er gestützt auf „Davesson mit lächelndem Blick". Daß ihn alle Goez-en gesehen hätten, diesen Blick, damit sie von ihm lernen, ohne Verzerrung des Gesichtes zu sterben und sterben zu lassen. Dieselbe an denselben den 13. April 1781. Mendelssohn wird, wie es heißt, über seinen Charakter etwas schreiben, und der kann's. „Als Davesson ihm einige „Minuten vor seinem Tode aus dem Schlözerischen Brief- „wcchsel die das Iülichische Toleranzwesen betreffende Stelle „vvrlas, da hat er noch einige sehr scharfsinnige Bcmcrknn- „gen gemacht." Dieselbe an denselben den 28. August 1776. Wohl uns, wir haben Moses und die Propheten, und die wollen wir hören. Hätte doch Ihr Tcdeum über MeNdelssohns Anwesenheit in Dresden zu keiner Zeit kommen können, wo unsere Gemüther sympathetischer gestimmt gewesen wären, als eben damals Lessing war, bei uns und zwarallein, denn sonst kann man dieses überall belagerten Mannes nicht recht froh werden, sich nicht durch und durch an seinen überschwenglichen Geistesfeuer wärmen, und muß um in einem Bilde zum andern überzugehen, hart an der Quelle Durst leiden. Wir hatten ihm eben einige Stellen aus Ihrem vorletzten Briefe vorgelesen, eben von der Unsterblichkeit der Seele und der Sterblichkeit gewisser Meinungen gesprochen, und nun kam Ihr Brief. Sie wissen, was Lcssing von Mendelssohn hält. Es befremdete ihn, daß er jetzt in Dresden sei, befremdete ihn, daß er sein eigenes Haar trägt, nur Ihre Freude, ihn bei sich zu sehen, befremdete ihn nicht! Ihre Unterredung mit dem Pfarrer gefiel Lessing, doch hielt er dafür, daß Sic Unrecht hatten, mit Meinungen dieser Art so frei herauszugehen, sowohl um Ihrer selbst, als um der guten Sache willen, welches ich Ihnen zu bedenken gebe. Siehe Lessings Beiträge, Bercngarius, u. s. w. sammt Mendelssohns Antwort an Lavater. — Daß die Gedanken von der Freiheit zum Irrthum verleiten, oder verführerisch sein können, wollte Lessing nicht zugeben, und glaubte, dieses müsse sich auf ein Mißverständniß gründen, welches er aufzuklären wünschte. Er glaubte auch unsere Anhänglichkeit au die Freiheit nicht dadurch gekränkt zu habe«, da wir bei diesem System nicht weniger als sonst, Wahl und Entschließung, als von uns selbst abhängig behalten. Nur der Mechanismus würde dadurch noch größer, wir nicht kleiner. Ja er setzte zum Beweise seines Satzes noch die traurige Erfahrung hinzu, daß es ja in der That nicht in unserer Macht stände, zu denken, was wir wollten. — Ich überlasse es Mendelssohn u. Leffing sich über diesen Punkt zu vereinen, wenn ich nur nicht gezwungen werde, eine Goezc höher als Mendelssohn zu schätzen.-In Ansehung des Verfalls des deutschen Geschmacks äußerte Lessing sich, sehr tolerant. Nicht, daß er daß Froschgequäcke nichl auch für Gequäcke hielte, aber er sagte: wer es denn Erben wollte, daß diese Leute mld ihre Nachbeter Epoche mm^M? Vielmehr sollte man sie kn ihren Sümpfen ruhig schreien lassen, und dadurch nicht aus Aerger die Nachtigall überhören, die zwar einsamer, aber tz»ch hie und da noch in den Gebüschen so gut als ehemals schlage.— Lessing, kömmt vielleicht in einigen Wochen wieder her, um die Wittwe König als seine Frau nach Wolfenbüttcl zu führen. Mendelssohn rechnet es zwar irgendwo in seinen Briefen mit*unter die Zeichen von düsteren Zeiten, wo die Philosophen heirathen, aber er selbst hat doch schon reuelos das Beispiel davon gegeben.— Schwalbe hat Oesers Kopf von dem Leipziger Kauksdorf ähnlich und schön auf einem Ringe. Sehen Sie doch zu, für sich und wo möglich für mich so eiuen Kopf von Mendelssohn zu erhalten, lieber alle Antiken werde ich ihn setzen. Moses Mendelssohn an Hennings. Berlin 20. Juni 1780. Sagte ich's Ihnen nicht gleich Anfangs, bester Freund, daß Ihnen der Streit mit den Theologen bald lästig werden wird. Man muß, wie Lessing, ein abgehärteter Kämpfer sein, um es mit ihnen auszuhalten. Ich für meinen Theil wäre eher geduldig und standhaft genug, einen crboßtcn Bienenschwarm von meiner Haut abzuwchren, als diese streitsüchtigen Friedcnsverküuder!- Derselbe an Denselben. Berlin 8. Mai 1781. Was ich Ihnen zu sagen habe, gehet bloß mich an.— Mich beschäftigt itzt der einzige Gedanke, Lessings Tod. Er macht mich nicht traurig, nicht tiefsinnig, aber er ist mir immer gegenwärtig, wie das Bild einer Geliebten. Ich schlafe mit ihm ein, träume von ihm, wache mit ihm auf, und danke der Vorsehung für die Wohlthat, die sie mir erzeugt hat, daß ich diesen Mann so frühzeitig habe kennen lernen, und daß ich seinen freundschaftlichen Umgang so lange genossen habe. Die Welt kennt seinen schriftstellerischen Werth, wenige aber kennen nur seinen freundschaftlichen Werth; ja ich finde, daß sein moralischer Werth von Vielen sogar mißkannt wurde. Auch die Begriffe von Tugend und Sittlichkeit sind der Mode unterworfen, und wer sich nicht nach den Modebegriffcn seines Jahrhunderts schmiegen kann, der wird von seinen Zeitgenossen verkannt und verschrieen. So viel scheint mir indessen außer allem Zweifel zu sein: Wenn irgend ein Mensch besser war, daß er sich in seinen Schriften zu erkennen gab, so war es Lessing. Die am meisten wider ihn eingenommen waren, wußte er in einer Stunde persönlichen Umganges zu gewinnen, und gleichwol ist ihm meines Wissens nie eine geflissentliche Schmeichelei aus dem Munde gegangen; ja er hatte sogar die— wie soll ich es nennen?— Bizarrerie, ein abgesagter Feind von der äußeren Höflichkeit zu sein. Seine gesellschaftlichen Tugenden bestanden vielmehr in echter Theilnehmung, aufrichtiger Dienstbeflissenheit, in der äußersten Entfernung von Eigennutz und Eigendünkel und in der milden Bereitwilligkeit, einem Jeden mit seinem Reichthum an Begriffen, so zuvor zu kommen, daß man sich in einer Unterredung mit ihm allezeit scharfsinniger glaubte, als man wirklich war, ob man gleich nicht unterlassen konnte dessen Ueberlegenheit innerlich reckt sehr zu fühlen. Sarkastisch und bitter gegen jeden Geck, der sich die Wahrheit allein gefunden zu haben einbildete, war er liebreich und bescheiden gegen jeden, der Wahrheit suchte, und zu allen Zeiten bereit, ihm mit seinem Vorrathc zu dienen.— Ich habe mich übrigens recht sehr gefreut von meinem Schwager zu vernehmen, daß Sie, mein Freund, itzt in einer häuslichen Glückseligkeit leben, die allein Ihnen bisher gefehlt zu haben scheint. Am Ende ist diese doch die wahre Bestimmung des Menschen und die bewährte Glückseligkeit des Weisen. Auch Lessing ist dieses nach langem Widerstreben inne geworden, aber leider zu spät, und zu einem sehr kurzen Genüsse!— Elise Keimarus an Hennings. Hamburg 29. Mai 1781. In dem ganzen Briefe von Mendelssohn welch' ein