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Das Abendland · 1866-10-04 · 19 (4.10.1866) · p. [Seite]

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
19 (4.10.1866)
Date
1866-10-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Nr- 19. Irag dm 4. Hktobtl 1866 in. ZMang. DaS'Aben-lan-. Lrnkal-Grgait für alle MgrmSße« Zutcressen Verleger, Eigenthümer und verantwortlicher Redakteur: -es Äudenlhurns. I. Ltjrmann. «^..merationöbetra, MMiadria li fl., halbjährig! fl. 50 kr., vierteljährig 80 kr. mit Postzusendnng und Zustellung in’* -a ü ' Aus .d san 2 lhlr halbj.1Ihlr. 15 Gr. - Erscheint am 2. und 4. Ä-unerftag des Monat*. - 9ans, fürs «nsiu ij,“1 *! ..L^i _: hiiii.ift- Lessiug und seine jüdischen Fremde von Leopold Wolf in Prag, i ' Bon allen Reformatoren, die zu Anfang und um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich der Aufgabe unterzogen, oder mindestens doch zu unterziehen strebten, den Genius des deutschen Volkes für Freiheit und Humanität zu entflammen, ihn zum Bewußtsein der höchsten idealen Empfindungen und Anschauungen zu bringen, und den leuchtenden und zündenden Lichtgedanken der allgemeinen unbeschränkten und unbegrenzten Menschenliebe und der daraus resultirenden religiösen Toleranz beredten Ausdruck zu geben, ist keiner von so tiefgehender und zugleich von so reichhaltiger Bedeutung gewesen, als Lessing. Aus diesem Grunde gibt es auch über das Leben Lesings zahlreiche Mittheilungen, und insbesondere sind es die Bekenner des JudentKmns, die, so sehr sie auch die Heroen der classischen Periode unserer deutschen Literatur hochverehren, und für die Autochthonen des Genies, für Schiller und Göthe, die das Phantasieleben der Kunst zur höchsten Schönheit rythmischer Formen entfaltet, sich begeistern, dennoch zumeist zu Lessing, dem Dichter der Prosa, wie ihn Herrmann Kletke treffend und bezeichnend nennt, in dem Dichter und Denker wunderbar Eins geworden, sich herzinniglich und mächtig hingezogen fühlen, und zu ihm, der in Allem ganz und charaktervoll, ein liebender Lehrer der Menschheit war, lernend und liebend sich kehren, und lauschend auf seine anregenden und männlich kräftigen Worte mit ihm die Wege wandeln, auf denen er redlich nach Wahrheit forschte und den Tiefgchalt aller Schönheit und Freiheit zu ergründen strebte! Mit der edelsten Begeisterung erfüllt jeden gebildeten und denkenden Juden das milde edle Dichterwerk, das uns am Sinnigsten das Gemüth Lessings zurückspicgelt, und uns sein religiöses Glaubensbekenntniß darlcgt, insoweit dies die dramatische Gestaltung zuläßt. Lessings „Nathan der Weise" ist die höchste Apotheose der Humanität! Den Dichter des Nathan nun in innigem Freundschaftsverhältnisse mit Juden zu wissen, kann uns den Epigonen jener Zeit gewiß nur zu freudigem Stolze und selbst bewußter Erhebung gereichen, und nachstehende nur sehr wenigen Literaturfreunden bisher bekannt gewordene vom Archivar vr. W. Wattenbach in Breslau im Lausitzschen Magazin veröffentlichte Correspondenz von Lessings Freunden möge dazu beitragen diesen großen Mann in seiner geistigen Verbindung mit Männern unserer Nation, und diese wieder in Verbindung mit andern berühmten Persönlichkeiten jener Periode darzustellen und zu zeigen, wie der ideale Geist, der lim Nathan die höchste Frage der Menschlichkeit im Sinne der Liebe zu lösen versuchte, nach und nach seine Fittige über weitere und immer weitere und edlere Kreise ausbreitete, und wie die hervorragendsten Männer und Frauen jener elastischen Blüthezeit sich gern und willig dem Einflüsse eines Mendelssohn, eines Wessely Hingaben, und ihre hervorragende Intelligenz allenthalben anerkannten, «.dazu beitrugen denselben allgemeine Achtung zu verschaffen! Wir finden eben in diesem Freundeszirkel eine Mischung von Religionselementen, die vollgiltiges und gewichtiges Zeugniß dafür ablegt, wie sehr die damals so sehr gepflegte elastische Bildung der alten Zeit auf dem Boden der Humanität über das was bisher Schranke oder fanatische Reibung gewesen war, sich hinweggehoben fühlt, und den Menschen nichts anderes als — Menschen sein läßt. Allgemein bekannt ist, wie werth Lessing und Mendelssohn sich einander waren, und nachstehende Briefe werden diese wechselseitige Werthschätzung, auch noch im weiteren Verhältnisse zu Wessely anschaulicher machen; eine bisher aber noch nur in den engsten Kreisen bekannte Thatsache ist es, daß Lessing in den letzten Jahren seines Lebens noch einen andern Juden und zwar einen Schauspieler Namens Alexander Davesson mit seiner Freundschaft auszeichnete, „und es „ist ein durch Mittheilungen glaubwürdiger Zeitgenossen con- .^-statirtes Factum, daß Lessing in den Armen eines Juden, „und zwar in den Armen des jüdischen Schauspielers Ale „xander Davesson gestorben ist." Elise Reimarus, die bekannte Freundin Lessings — eine Tochter des Herrmann Samuel Reimarus, berühmt als Verfasser der „Wolfenbüttelschen Fragmente und seit 1727 Professor der hebräischen Sprache am Gymnasium zn Hamburg welche Professur er in der Folge mit jener der Mathematik vereinte, und über dessen Anempfehlung Lessing bei seinem Aufenthalte in Berlin 1773 mit Mendelssohn bekannt worden war — in deren elterlichen Hause Lessing in den letzten Jahren seines Lebens, so oft er nach Hamburg kam, einkehrte und sich da heimisch fühlte, wo er als der liebe Gast und der theuerste Freund immer willkommen war, und wo besonders Elise ihn leidenschaftlich verehrte und alle seine Bestrebungen mit der lebhaftesten Theilnahme begleitete, gibt von diesem hier mitgetheilten Factum in Betreff des Todes Lessings, dem Schwager ihres Bruders, dem 1826 als Administrator der Grafschaft Ranzau verstorbenen Kammerherrn von Hennings Nachrichten in folgendem Briefe. Hamburg den 12. März 1781. Ich schicke Ihnen auf der morgen fahrenden Post ein Paquet verschiedener merkwürdiger Sächelchen das Toleranzfach betreffend -zu, worunter auch ein Artikel, daß Lessing in Gegenwart von Abt Jerusalem und Hofprediger Schulze gestorben sein soll.. Ob dies Seelmesse oder Spott sein soll, weiß ich nicht, aber daß es nicht wahr ist, weiß ich gewiß. „Er ist in Gegenwart eines „einzigen Mannes gestorben, der sein Freund war, und der „auf die Frage eines andern wie Er gestorben, geantwortet „hat, so wie er gelebt, als ein Weiser, entschlossen, ruhig, „voll Besinnung bis in den letzten Augenblick. Daß nur nie- „mand komme, der von Seinen letzten Stundm etwas an- „deres behaubte, oder ein zweideutiges Licht darauf fallen „lasse; denn das ist Wahrheit. Und dieser Mann ist ein Jude, sein Name ist Davesson."

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