Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 18 (20.9.1866)
- Date
- 1866-09-20
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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gehorsame Sklaven der Convenienz und der sogmannten .Sittewären! . r r So wird wohl ein großer Theil der Leser dieses geschätzten Glattes bei Erwähnung des Namens „Markus Pollakvor Allem fragen: „War der Mann ein großer Gelehrter?" Wir antworten: „Ja ein Gelehrter in der noch ^vor fünfzig Jahren in jüdischen Kreisen fast ausschließlich geltenden Bedeutung dieses Namens — aber ein ächter Israelit war er, ein edler und guter Mensch im Sinne aller Zeiten. — Was sein Andenken den Mitlrbcnden wcrth macht, war weniger seine Wissenschaft als sein Charakter, weniger sein Geist als sein Herz. mc.tr kann es nicht oft genug wiederholen, wie unrecht man thut, über die Wissenschaft und den Geist die Eigenschaften des Charakters und des Herzens völlig zu übersehen und zu mißachten. — .Nicht die Lehre ist das Wesentliche sondern die Thal" hat schon ein ächter Weise im grauen Alterthrme gesagt. Die biografische Skizze des Mannes ist fei tut! Umrissen. Markus Pollak war geboren in Lieben bei Prag. Sein Lehrer im Talmud war der bekannte R. Bezalell Ronspurg. Im kräftigsten Mannesalter kam er nach Snakonitz als „Lokalrabbiner," wenn man diesen Titel nicht zu stolz findet für eine damals eben so armselig dotirte, wie reichlich mit Funktionen ausgestaltete Stellung. Cs war eben noch die gute Zeit, wo jeder Rabbiner von Pike auf dienen musste, und jeder „Mclamcd" das Diplrm zum Loudtalbiuer in der Tasche trug. — Auch Pellak bcguemte sich dal er mit Freuden dazu, Vvrbcter, Schächter, geistlicher Rath —und endlich auch Kinderlehrcr zu weiden, (rerficht sich so weit die andern Bcrufspslichtcn dicß gefiatteirn,) und da er allen diesen Funktionen mit seltener Treue und hiugcbendfiem Eifer sich unterzog, so zögerte man nicht als Dank und Anerkennung hicfür — ihn noch mit andern zu versorgen. — ' So avancirte er schnell zum vollständigen Faktotum der Ge meinde. Auch konnte dem guten mit seltener Ri fiigkcit vom Himmel gesegneten Manne nie zu viel anfgrbütdet werden, er suchte sich immer noch selbst Arbeit hervor und drängte sich gradezu zu Allem, was leschem scLomajim geschehen konnte. Dabei „lernte" er immer fleißig für sich und ganze Nächte durchwachen, sei es im Dienste der Gemeinde oder der „Thorah" war ihm eine wahre Kleinigkeit, wie es ihm denn überhaupt voller Ernst mit dem Judrnthum und mit den minutiösesten Gcbvthcn desselben war, die er beobachtete, ohne viel drüber zu rcfiektiren. Bei Alledem jedoch erscheint" Ein Zng seines Wesens, wiewohl er tief jüdisch ist, als ein seltsamer Anachronismus, so zu sagen, gegen die überaus bescheidenen Beihältnisse eines damaligen Khilc-Rebbe — das ist sein Wohlthätigkcitssiun, in dessen Pfiege er mit einem gleichgesinnten, biedern Weibe wetteiferte. Es lebte und webte Etwas in ihm, was die aristotelische Ethik mit „Großgeziemeudhcit" — Mcgalopropic— bezeichnet, und was sich zunächst seinen Verwandten, alsbald aber auch jedem Fremden gegenüber sehr kräftig manifcstirte. Sehr rührend sind einzelne Züge der Art von ihm. aus denen ich hier nur Einen hervorhebc, dessen Zeuge ich selbst als Knabe gewesen. Hart vor Eingang des Schrbuoth Festes hatteeinst die ^Gemeinde zu BrrZnitz, in deren Mitte er später als Kreisrabbiner fungirte, vermnthlich zur Verzweiflung gebracht durch den überaus lästigen Andrang ungeladener sogenannür „Gäste" den Beschluß gefasst, keine Verköstigungsbilletie (sogenannte .Plcttcn") mehr auszuthcilrn. Am ersten Fasttage nun trat plötzlich und ganz unerwartet — denn gepredigt pflegte damals am Schcbuoth-Feste nicht zu werden—in einer geeigneten Pause des Gcbethes der Rabbiner vor den Aron hakodeech, ergoß sich in seiner herzlichen und einfachen Sprache in bittere Klagen über Abnahme des Wol lthätigkutssiuncs in Israel, aber nicht zufrieden mit der hiedurch bewirkten entschiedenen Umstimmung der Gemüther ging er nach Beendignng ' des Gottesdienstes mit dem Beispiele voran, und ein gu er Theil der eben nicht in bescheidenen Verhältnissen anwesenden »Orchim" fand an seinem eigenen Tische Verköstigung. Daß der gute Mann selbst mit seiner eigenen Familie an diesem Tage den Freuden des Festmahles entsagte, erfuhren eben nur die Hausgenossen. — Ist das nicht ein ächter, altjüdischer Zug? Daß ein solcher patriarchalischer Charakter sich schnell die Sympathien namentlich einer Gemeinde altern Schlages erwerben musste, ist ganz natürlich. War er doch ein Seelenhirt im vollen Sinne des Wortes, ja er scheute sich nicht seinen Einfluß zuweilen selbst in ziemlich belästigender Weise geltend zu machen, wenn es nur nach seiner Meinung galt für etwas Gutes und Rechtes einzustehen. Das machte sich besonders in seinen spätern Jahren recht fühlbar, wo der Gegensatz zwischen seinen Ansichten und Ueberzeugungen und denjenigen eines jungen „aufgcklärtern" Geschlechtes immer entschiedener hervortrat. Jndeß war glücklicher Weise Frieden und Versöhnlichkeit der Grundzug seines Wesens, so daß man ihn endlich mit den vorgeschrittensten Reformen sich vertragen sah. Kaum war daher nach 13 jähriger Wirksamkeit in Strakonitz im Jahre 1835 das Kreisrabbinat des damaligen Prachiner Kreises erledigt als seine Lokalgemeinde, lebhaft fühlend, daß sie selbst nicht im Stande war, dem Manne eine seinem Verdienste würdige Stellung zu biethen mit aller Energie sich dafür verwendete, um ihm das Kreisrabbinat zu verschaffen. Dieses gelang endlich, trotz mannigfacher Opposition mit Hilfe der kräftigsten Unterstützung aller benachbarten Gemeinden, deren Hochachtung Pollak gleichfalls schnell sich erworben hatte, und die daher in wärmster Weise bei den maßgebenden Behörden mit Petitionen für ihn einschritten. (Fortsetzung folgt). Siographische ZlchM. der hervorragendsten Wilnaer Rabb. welche durch die in den Jahren 1648—49, so wie bald darauf in den Jahren 1654— 55 entstandene Judenverfolgung in der Ukraine, Lithauen, Podolien )c. nach Deutschland auswanderten, von David Holub. (Fortsetzung). Auch Wilna, die Pflanzstätte des talmudischen Wissens und der Sitz der rabbinischen Intelligenz damaliger Zeit, blieb nicht von den Verfolgungen jener Barbaren verschont. Jung und alt wurde von einem panischen Schrecken ergriffen, hörend was ihren Glaubensgenossen in der Ukraine und Podolien widerfahren, ergriffen sie schleunig die Flucht und planlos wanderten sie zu Tausenden nach verschiedenen Gegenden, um anderswo ihr Asyl zu finden. Aber die über Alles waltende Vorsehung, welche wie immer das Laster strenge ahndet, konnte auch diese Gräuel nicht länger ungerochen lassen. Am 20. Siwan 1649 demselben Tage, an welchem er vor einem Jahre ein schreckliches Blutbad in Niemierow anrichtete, wurde Chlnm in Schneidemühl in der Provinz Posen gefangen genommen,,auf ein ho res kupfernes Pferd mitten auf dem Markte gesetzt, dessen Höhlung man zuvor mit glühenden Kohlen anfüllte, und in diesem schmachvollen Aufzuge, nachdem man ihn durch alle Strassen SchneidemühlS hcrumgcführt und gepeitscht, hauchte er unter gräßlichen, Martern seine schwarze Seele aus. Allein kaum hatten die Juden des Polenlandes von den Schreckensscenen sich ein wenig erholt, kaum durften sie ein wenig freier athmen; so zog sich wiederum zum zweiten mal ein neues Gewitter über ihr Haupt zusammen. Im Jahre 1654 fielen die Kosaken wiederum von Polen ab und begaben sich unter russischen Schutz. In Verbindung mit denselben fiel der Czar mit seinen Moskowiten in Polen ein und richtete daselbst schreckliche Verheerungen an. Viele jüdische Gemeinden wurden mit Stuntpf und Stiel auSgerot- 18*