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Das Abendland · 1866-08-09 · 15 (9.8.1866) · p. Seite 119

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
15 (9.8.1866)
Date
1866-08-09
Page
Seite 119 (sequence 7)
Language
German
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119 - fallen, die jeder gerne von sich ferne halten möchte. Daher der Schrecken des Krankheiten, die häufig als Borboten des Todes erscheinen, daher der Abscheu vor Verbrechen, die schon einen großen Fortschritt im Vaster beurkunden. Allein sowohl der Körper als die Seele leiden an unzähligen versteckten und geheimen Krankheiten, sie breiten sich aus und schleichen unter einer täuschenden Decke, oft erkennt man sie gar nicht, oft hält man sie für unschuldig und unwichtig und doch sind sic häufig die Quellen und Ursachen der größten Gefahren, man gelangt an den Abgrund und weiß nicht, wie man dahin gekommen, sie sind ansteckend, weil man nicht daran denkt sie zu meiden und zu fliehen, weil mau sich oft mit ihnen befreundet; darum erscheinen sie gewöhnlich nicht bei einzelnen ALenschen, sondern epidemisch bei ganzen Klassen bei ganzen Nationen, bei ganzen Zeitaltern. Zum Tröste der Menschheit giebt es auch Einsichtsvolle, deren Natur noch unverdorben ist; ihrem Scharfblicke entgeht das Ucbel nicht, sie mahnen und warnen so viel sie können, aber es ist keine leichte Arbeit, oft vermag es nur ein Gottesstab oder eine Gottesruthe Wasser aus dem Felsen zu locken — sie haben zu kämpfen gegen Borurtheile aller Art gegen die Macht der Gewohnheit, gegen unbewegsame Trägheit, gegen unersättliche Genußsucht, gegen Falschheit gegen Bosheit, selten finden sie Theilnahme noch seltener dringen sie durch, und man ist versucht mit Moses auszurufen: „Wie, eure Brüder ziehen in den Kampf und ihr wollt müßig hier sitzen? Euere bessern Brüder ziehen in den Kampf für Recht und Wahrheit, für Tugend und Gottesfurcht, und für wen? für euch! und ihr sitzt da ohne Theilnahme und ohne Beherzigung?" Alle Menschen können nicht in ihren Lagen und Verhältnissen gleich sein; außer den Vorzügen, die der kurzsichtige Mensch dem sogenannten Zufall zuschreibt, gibt es noch andere, die mancher durch Fleiß, Thätigkeit, Verstand, Erziehung, Erbtheil und Fürsorge der Eltern, Treue der Freunde und andere Umstände erlangt, auf die der andere mit oder ohne seine Schuld nicht Anspruch machen kann, und dasselbe Bewandniß hat es auch mit den Glücksgütern der Erde, der eine hat sie im Ucberflusse, der andere kennt sie bloß dem Namen nach p«n a*ipa pax Sirr k1? o — „Es wird nie fehlen an Bedürftigen im Lande" — Es ist auch natürlich und billig, daß die Bedürfnisse sich nach den Verhältnissen richten können und sollen. Die Zeit ist erfinderisch und sorgt vorzüglich für die Bequemlichkeit und Behaglichkeit der Menschen, und auch dieses Feld der Erfindungen sofl picht brach liegen. •— Wem der Herr die Mittel gegeben der freue sich des Lebens und genieße. — Jedoch darf aus diesem gewissermaßen natürlichem Verhältnisse kein grelles Mißverhältniß werden, lieber die Kluft bürgerlicher Verhältnisse muß eine Brücke gehen, damit die Annäherung zwischen Bruder und Bruder möglich werden könne, damit nichteine gänzliche Entfremdung und Absonderung eintrcte. Wenn aber auf der einen Seite Hunderte und Tausende vergeudet werden für einen thörichten Lupus, für überflüssigen Aufwand, für eine Schaustellung, die auf andere berechnet, nicht einmal den eigenen Wünschen entspricht, wenn erkünstelte Bedürfnisse, die unserer Natur nicht Zusagen, sie nicht befriedigen, sie im Gegentheil in einen Rausch und einen Taumel versetzen, die einer Krankheit so ähnlich sind, daß man nach verschlafenem Rausche selbst seine Schwäche gesteht, wenn solche Bedürfnisse eine Masse von Schätzen verschlingen, die zur Hilfe der Menschheit angewendet, viele beglücken und dem Stifter ein ewiges Denkmal setzen würden, während in der nächsten Nähe ein Elender unter Gram und Leiden gebeugt weder dem Verlangen des Körpers für Nahrung und Kleidung noch dem Verlangen des Geistes für Unterricht und Ausbildung — die seine Kinder an ihn stellen, befriedigen kann, dann muß man jenen Ueberglücklichen der Erde Zurufen : — „Euere Brüder ringen und kämpfen gegen die Ungunst ihres Geschickes und ihr sitzt hier, und fröhnt der Wohllust? Wir sind zur Geselligkeit bestimmt. — Das ist eine ausgemachte Sache. — Wenn jemals manche aus Menschcnhaß und Schwärmerei sich absondertcn und in die Einsamkeit zogen, so war dieß gewiß eine Verirrung ihres sonst vielleicht trefflichen Charakters; aber cs ist ebenso ausgemacht, daß nicht jede Gesellschaft uns von Nutzen, daß manche von Schaden ist. — „Wer mit Weisen umgeht, wird weise, wer sich zu Thoren gesellt wird böse." (Sprüche Salomons) — Wir sondern und theilen uns ab nach Klassen, Ständen, äußerlichen Merkmalen und diese Sonderung hat schon viel Unheil in der Welt gestiftet. Wir nehmen aber nie als Grund der Annäherung oder Trennung den sittlichen Werth oder Unwerth. — Wir gehen ohne Scheu mit Menschen um, deren Handlungen oder Grundsätze verwerflich sind, oft sehen wir das selber ein, und doch sind wir nicht auf unser eigenes Heil bedacht. Mancher denkt selbstgefällig: Ich stehe fest und unerschütterlich, was kümmert mich der andere, ich weiß schon meinen Charakter zu hüten; allein das ist Täuschung! Der geistige Sinn gewöhnt sich nach und nach eben so wie die andern Sinne an das Widrige und Unschöne, was anfangs Eckel uud Widerwillen erregt, erlangt bald unsere Gleichgiltigkeit, etwas 'später unsere Nachsicht uud in kurzer Zeit unfern Beifall. Mancher erkennt das Verwerfliche alö solches, aber er hat den Muth nicht es anszusprechcn, ein anderer bemerkt seine Schwäche, und weiß ihn nach und nach so zu drängen bis dieser gegen sein Bewußtsein und gegen seine Ueberzeugung zu demjenigen seine Billigung ausspricht, was er im Innern mißbilligt. — Wir meinen damit nicht, oaß man einen Menschen seines Fehlers oder seiner Fehler wegen gleich verdammen und fliehen sollen; denn es ist kein Mensch so heilig, daß er ganz mackellos wäre. — Wenn jedoch ein Mensch anerkannt schlechte Grundsätze hat, uud zur Schau trügt, wenn er öffentlich der Sittlichkeit Hohn spricht, dann ist eine Sünde, ihn nicht unsere Verachtung zu zeigen, eine größere, ihm sogar Achtung bezeugen, und die größte seine Gesellschaft zu suchen. Besonders ist beider Jugend, die sosehr für das Böse empfänglich ist, darauf zu sehen, bei ihr müssen wir strenge ihre Gesellschaft beaufsichtigen und genau nachforschen, ob sie nicht in eine Umgebung gerathen, wo so vieles geschieht und gesprochen wird, was ihre Unschuld verpestet, da nützt nicht die trockene Lehre — denn auch die Kinder verstehen cs zu täuschen, sie stellen den Eltern immer die bessere Seite heraus, und verbergen schlau ihre sittlichen Gebrechen. Wenn aber einmal das Kind zum erwachsenen Jüngling gereift, wenn die Schranken der häuslichen Beaufsichtigung gefallen, dann erfahren wir erst, was unter der Decke geschlummert hat, dann wundert man sich, wie Plötzlich der tödtliche Sprung von der jugendlichen Unschuld zum au-sgebildeten Laster geschehen sei; allein es war kein Sprung, cs war ein stuffenmäßiger Uebergang. Jeder Vater, jede Mutter, jeder Lehrer, jeder Erzieher ist ein ausgestellter Hüter im Weinberge des Herrn, er muß ihn sorgsam pflegen, er darf die jungen Reben nie vernachlässigen, damit sie nickt verderben, er ist streng für sie verantwortlich, so weit ihm nur irgend eine Nachlässigkeit zur Last gelegt werden kann. Wohl dem, welcher sprechen kann: 'N'v'x 'ö-dS ir; rmpjÄ ns (Jesaias) Was könnte ich thun meinem Weinberge, das ich nicht gethan hätte?" Wer aber seine Pflicht vergißt, an den ergeht das Wort des heiligen Gottesmannes. — „Euere jungen Brüder sollen ziehen in den ernsten Kampf, des Lebens, und ihr sitzet da ohne Regung, und wollt sie nicht ausrüsten mit den Mitteln, die ihnen Kraft und Muth verleihen?" Zsak und Emil pereire. Eine biographische Skizze. Beide in der obigen Aufschrift genannten Brüder ^sind spanischer Abkünft und wurden in Bordeaux geboren, der erste

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