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Das Abendland · 1866-08-09 · 15 (9.8.1866) · p. Seite 115

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
15 (9.8.1866)
Date
1866-08-09
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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115 roag er einerseits als Staatsbürger gewonnen, das verlöre er wieder anderseits ans dein (Gebiete der Religion. V)enn also der jnngc Israelit nicht vom Hause aus mit festen religiösen Grundsätzen ausgerüstet ist, wankt der Boden unter ihm, und jeder Windstoß droht ihm Gefahr. Daher fragt cs sich/ wie wir unsere Kinder erziehen sollen, damit sie zu erden- und himmlischen Bürgern zugleich heranwachsen, damit sie gebildete Menschen und zugleich fromme Israeliten werden? Blicken wir vorerst auf den Ursprung des jüdischen Unterrichtes wie er in der talmudischcn Zeit sich entwickelte. Anfänglich war Erziehung und Unterricht, beides den Eltern überlassen, denn cs heißt Dn*jn nx D,nx DmaSi „ihr sollt sie (die Religion) lehren eueren Kindern". Dann errichtete man in Jerusalem Uuterrichtsschnlen, dahin mußten die jüdischen Väter vom ganzen Lande ihre Kinder zum Unterricht bringen. Da aber dies mit Schwierigkeiten verbunden war, errichtete mau Bezirksschulen. Da aber auch dies nicht anging, führte der damals lebende Iosua den Gamla Stadtschulen ein. (B. Bathra 21). Von dieser Zeit au, konnte der Unterricht von der Erziehung getrennt werden. Der Unterschied zwischen Erziehung und Unterricht besteht in Folgendem: Die Erziehung ist mehr Sache der Natur. Darum sagt der Weise: 1211 Sy nyjS ‘lil „Erziehe den Knaben nach seiner natürlichen Anlage" Sp. 22, 6. Der Unterricht ist mehr Sache der Kunst und Wissenschaft. Die Erziehung muß frühzeitig beginnen und darf nicht verabsäumt werde,,; der Unterricht darf später beginnen und kann nachgeholt werden; denn die Erziehung ist Sache des Herzens, das Herz des Kindes muß aber bald gebildet werden. Darum sagt wiederum der Weise °pS nifi iatf‘8 Sna „Vor jeder andern Vorschrift bewahre zuerst dem Herz" Sp. 4, 23. Der Unterricht ist Sache des Geistes. Der Geist des jungen Kindes gleicht oftmals einem verwikelten Knäul daß cs einer längeren Zeit bedarf, um den Faden der Ariadne auffiuden zu können. Die Bibel deren Worte für ewige Zeiten unvcrlöschlich fmd, und dem Menschen in jeder Lage den treuesten Rath erthcilt, zeigt uns in ihrer erhabenen orientalischen Bildersprache, wie die Erziehung unserer Kinder beschaffen sein soll. Denn so sprach Gott zu Moses 'am Sy aanx xtwn D’ijreS Trt?y ipx cn'xi an« 'Sx onrix x'nxi D'irr>) „Ihr habt gesehen, was ich den Egypten, gethan habe; euch aber trug ich aus Adlerfittigen und brachte euch zu mir" 2. B. M. 19, 4. Als Gott die Israeliten aus Egypten führte, wollte er sie zu einem Volke der Gerechtigkeit, der Sittlichkeit und der Religion erziehen, darum führte er sie aus dem finstern Lande des Aberglaubens und der Knechtschaft; so sollen auch wir unsere Kinder zuerst aus der Dunkelheit der Bewußtlosigkeit ins Licht des Selbstbewußtseins führen, sollen sie von den Banden der bösen Begierden und Leidenschaften, die schon im Herzen des Kindes ruhen, befreien. Darum muß zuerst von Seiten der Erziehung auf die Veredlung des Herzens gewirkt werden, weil selbst die Bildung des Geistes nur eiu Hilfsmittel ist, um das Herz zu veredeln. Als einst R. Iochanan ben Saccai seine fünf Schüler fragte, welche die ausgezeichneteste Eigenschaft des Menschen sei? gab er, nachdem jeder seine Meinung äußerte, seinen Beifall dem R. Elieser ben Aroch, dem als des Lebens höchster Schatz ein gutes Herz galt. Spr. d. D. Absch. 2, 13. Denn Mensch sein heißt, sittlichen Charakter haben.; Mensch sein heißt, Achtung für seine Pflichten haben, für die Pflichten gegen sich selbst, gegen seinen Nebenmenschen und gegen Gott; Mensch sein heißt, ein gutes Gewissen haben und demselben unbedingt folgen; Mensch sein heißt, aus freiem Willen die Gebote Gottes erfüllen, nicht aus Zwang oder aus sklavischer Gewohnheit; Mensch sein heißt, über seine bösen Leidenschaften herrschen können. Ein solcher Mensch ist aber nur derjenige, dessen Herz veredelt ist. Zu solchen Menschen wollte Gott Israel erziehen, darum führte er sie aus dem Sklavenlande Egypten. Sodann führte Gott Israel 40 Jahre in der Wüste, wo sie oft Hunger und Durst litten, um sie abzuhärten, damit sie gegen künftige Gefahren und Kämpfe nicht verweichlicht seien; so sollen auch wir unsere Kinder in die Jugend abhärten, sie nicht verzärteln, damit sic sich einst in jede Lage des Lebens zu fügen wissen, und gegen die herben Schlüge des Schicksals kämpfen können. Das Bild des Adlers, das besagte Stelle bringt, soll uns weiters ein Muster der Erziehung sein. So wie Gott Israel auf Adlerfittigen trug, um sie vor jedem gefährlichen Pfeil des Verderbens zu beschützen, so müssen auch wir unsere Kinder vor jedem lasterhaften Umgang warnen, und nicht warten bis sie in die Schlinge des Verderbens fallen, wo es schon um ihr Lebensglück geschehen ist. So wie der Adler mit seinem scharfen Späherblickc seine Ji«gen bewachtso sollen auch wir unsere Kinder bewachen vor jedem falschen Vorurtheil, Aberglauben, Eigensinn. wie der Adler unter allen irdischen Geschöpfm den höchsten Flug nimmt; so sollen auch wir unsere Kinder gleich in der Jugend zum Nachdenken gewöhnen, damit ihr Geist sich einst in die Höhe schwinge, daß sie selbst forschen, prüfen, vergleichen und urtheilen, damit sic Wahrheit von Falschheit, Wirklichkeit von schein unterscheiden lernen. Mit dem Knaben muß schon die selbstständige Haltung, das Denken und Fühlen, die Thätigkeit der Seele" hervortreten lSya 12>' bxi "jt dx iyj imw vSSyan di „Schon im Spielen gibt sich der Knabe zu erkennen, ob rein ob gerade seine Handlungen sein werden" Sp. 20, 11. So wie des Adlers Blick in die weite Ferne reicht; so muß der Blick der Eltern in die ferne Zukunft schauen für das Wohl ihrer Kinder. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß die Eltern ihren Kindern den künftigen Lebensberuf im Vorhinein bestimmen sollen, dadurch würde man den jungen Menschen gleichsam zwingen einen Beruf zu ergreifen, dem er oft nicht gewachsen ist, sondern die Eltern sollen die Kinder so erziehen, daß diese geeignet sein sollen sich einst auf eine anständige Weise zu ernähren. Endlich so wie Gott hier an die Strafen erinnert, mit denen er das ungehorsame Egypten züchtigte, und an die Wohlthaten mit denen er die folgsamen Israeliten belohnte, so sollen auch bei der Erziehung das Verdienst belohnt und die Fehler bestraft werden. II. Auch der Zweck der Erziehung wird dem Israeliten wie mit ehernem Griffel in unverlöschlichen Zügen auf ewige Zeiten in der angeführten Bibelstclle vorgezeichnet. 'Sx nnnx x'nxi „und ich brachte euch zu mir" sagt Gott. Nur darum, spricht Gott, führte ich euch aus dem abergläubischen Egyptenlande und trug euch auf Adlerfittigen, um euch zu mir zu bringen, und euch für meine Lehre zu erziehen. Denn wer das Judenthum kennt und mit seinen Satzungen vertraut ist, der wird cs wohl wissen, daß der wahrhafte Israelit auch Mensch im schönsten Sinne des Wortes ist. Das'Judenthum sagt: nnnn_Sm SS: rn -pan pyiS nnnxi „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist der wichtigste Grundsatz unserer Religion." Die zehn Gebote und mehr dergleichen humanitäre Gesetze bildeten die Grundlage der ganzen zivilisirtcn Welt und eines jeden sittlichen Charakters. Dies beweist die älteste und neueste Geschichte. Wir erinnern nur an den frommen und edlen Menschenfreund LI. Montefiore. Aber mit der Größe des Verdienstes für eine fromme Erziehung wächst auch die Schwierigkeit derselben, darum wird auch da am meisten Behutsamkeit gefordert. Der religiöse Keim der in manchem jüdischen Kinde Wurzel gefaßt hat, wird bald vom Mchlthau einer verderblichen Umgebung zerfressen; bevor cs noch seine religiösen Gefühle äußern kann, sicht cs sich schon von gefährlichen Verführungen umschlungen mxa iyM yT Dian' 'n naixn myn man nnm ym „Bevor der Knabe noch weiß das Böse zu verachten und das Gute zu wählen, wird ihm schon der feste Boden (der Selbstständigkeit) entrückt. Jsaias 7, 16. Es muß also das religiöse Gefühl des Kindes frühzeitig geweckt, belebt, verstärkt und richtig geleitet werden. Da heißt es irn .i)n Sx mySi *jyii yn ipnn „Schon mit dem frühen Morgen streue den Samen (der Religion) aus und des Abends ziehe deine Hand nicht zurück" Koheleth 11, 6. Vor Allem müssen die Eltern mit dem guten Beispiele vorangehen. Exem- 15*

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