Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 13 (21.6.1866)
- Date
- 1866-06-21
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 den als gottcsfürchtig*). Aus allen Gegenden eilten lernbegierige Schicer mit Hast und ohne Rast herbei, um E. Vorträge zu hören, und Belehrung aus der unerschöpflichen Quelle seines Mundes zu schöpfen. Folgende waren seine vorzüglichsten Schüler: Chajim Rabbiner zu Wlosin, Verfasser mehrerer Werke, dem man nachrühmte, daß er zu 22Jahren den Talmud inne hatte. Er entschied als Rabbiner niemals über einen wichtigen Gegenstand, ohne seinen von ihm hochverehrten Rabbi E. zu consultiren, dem er nachzusagen pflegte, daß die Wahrheit über dem Schulchan Aruch steht; Salomon Salman, der kritische Bemerkungen zu Alsasi cdirte. E. empfahl nämlich vorzüglich Alsasi mit Raschikommentar nach den Quellen zu studieren, was Salomon besonders beherzigte; Saadia, ein Schwager des letztern, der Haus und Hof verließ, um Elias Unterricht zu genießen; Salomon aus Tlotschin, später Prediger in Wilna, großer Kabbalist; Elias soll ihm manches Kabbalistische verheimlicht, und dieß nach seinem Tode bereut haben; Zebi Hirsch aus Simializ, Verfasser mehrer berühmter Werke, von dem man sagt, daß er in jeder Beziehung dem Meister ähnlich war; endlich Salomon aus Mohilow, der armen Kindern Unterricht ertheilte. Nicht nur Jünglinge, auch Männer und Greise besuchten E. Lehrhaus, und labten ihren Wissensdurst an seinen Vorträgen. E. zeichnete seinen Jüngern folgende Methodik vor: Vorallem ein gründliches Bibelstudium. E. selbst besaß eine solche Vollkommenheit und Geläufigkeit in den 24 Büchern der h. S. daß er schnell angeben konnte, wie oft sich ein beliebiger Buchstabe in einem gewissen Abschnitte befinde, und daß er im Stande war, jede Halacha in der h. S. zu finden. Mit dem Bibelstndium müsse man die Pflege der hebräischen Grammatik verbinden; nun kommt die Reihe an die Mischna, der eine allgemeine Einleitung vorangehen und wobei man aus die Lesearten Acht haben müsse. Dann beginnt das Talmudstudium mit den klassischen Commentaren, in welchen oft ein leiser Wink Berge von Pilpul weghauchen. Würde man, Pflegte er zu sagen, die Methode des urim wetumim von I. Eibeschitzer benützen, so könnte man die Dialektik ins Unendliche fortspinnen, und am Ende sich hochmüthig in die Brust werfen, dagegen man an der Lehrweise der rischonim zur Demuth und Bescheidenheit geleitet wird.**) Diesen großen Mann war W. in Gefahr noch bei seinem Leben zu verlieren, denn er trat die Reise nach Palästina über Deutschland und Ungarn an, und sandte von Königsberg seiner Familie eine Epistel von weisen Lehren und Verhaltungsregeln, mit der Ueberschrift alim literufa (Blätter zur Heilung) zu; allein er gab die Reise wieder auf, und kehrte wieder in seine Heimat zurück, denn er fühle, sagteer einmal, es sei der Himmel mit dieser Reise nicht einverstanden, er stellte sofort allen die Zehrpfennige zurück, welche ihm auf die Reise mitgegeben wurden. Als E. in die Jahre des hohen Alters kam, nahmen seine Kräfte ab, und seine Säfte versiegten. Er suchte lediglich Stärkung und Erholung in dem Umgänge mit den trefflichen Predigern seiner Zeit, zu welchen in's Besondere der berühmte Redner aus Dubna gehörte. Bei Gelegenheit einer solchen erheiternden Conversation fragte er diesen, wie er es anfange, daß er durch treffende und treffliche Gleichnisse und Parabeln schwierige Stellen aus der heiligen Schrift p zutreffend erkläre. Der berühmte Parabeldichter gab ihm wieder durch ein Gleichniß Aufschluß. Aerztlichen Beistand verschmähte E. Es war am Rüsttage des Versöhnungstages, im 78. Jahre seines Lebensalters als er seine Familie z: sich ries, sie segnete, und sie auf seinen baldigen Tod vorbereitete. Alles vergoß heiße Zähren, besonders als er seine Hände segnend über das Haupt seines ältesten Sohnes breitete. Am darauf folgenden Sucothfeste, am 3. Halbfeiertage verschied er, währender mit dem Feststrauße betete. Daß der Tod dieses großen Mannes die allgemeinste aufrichtigste Trauer, tiefe Bestürzung, die ' *) s. Luchot Haedut ed. Prag 8. 73. **) Er machte es auch seinen Schülern zur Pflicht mindestens einen Traktat ad verbum zu lernen, damit man während des Gehens oder Fahrens sich mit Thora beschäftigen könne. sich in vielfachen Leichenreden und Elegien kund gaben erweckte, braucht kaum erwähnt zu werden. Seine auf talmudischem Gebiete hervorragenden Söhne, Arje Löb und Abraham verfassten das Epitaph für den Grabstein. An seine Seite wurde später sein intimer Freund Noa Mendes begraben, der ihm in demselben Jahre 1798 nachstarb. Auf Beider Grabstein findet sich daher die. Jahreszahl Seine Schüler folgten den Fußstapfen des Meisters" und verbreiten seine Lehren und seine Lehrart weit und breit, einige gingen sogar nach Palästina, wo sie eine hervorragende Stelle einnähmen. Dem verwaisten Bet Hamidrasch präsidirte aber sein hervorragendster Schüler Chaim ans Wlosin, dasselbe hat sich einer immer lebhaftern Teilnahme und Munificenz seitens der Gemeinde zu erfreuen. Ein Stein in der nördlichen Wand gibt der Nachwelt Kunde, daß Elia Wilna der Gründer dieser Lehrstättc war, und 40 Jahre darin unermüdet lernte und lehrte. — Wenn wir nun ein unbefangenes Urtheil über E. Wilna fällen und abgeben sollen, so dürfen wir seine Schattenseiten ebenso wie seine Lichtseiten nicht übersehen. E. war eine Encyclopädie aller damals herrschenden Kenntnisse und Wissenschaften, er hatte das ganze ausgeführte Gesetz nach allen seinen Quellen mit Klarheit, Deutlichkeit und Gründlichkeit inne. Er war ein Charakter, er wollte keinen Nutzen von seiner Gottesgelehrtheit ziehen, er war kein Rabbiner, und konnte sich daher mit der Lehrmethode seiner Zeitgenossen in Opposition setzen, gegen den Pilpul zu Felde ziehen, und auf ein eingehendes wissenschaftliches Talmud - Studium dringen, wozu auch die Beschäftigung mit externen Wissenschaften gehört. E. nahm auch keinen Anstand, dem Lestulellan aruest zu opponiren und zuwider zu handeln, wo ihn Gründe der Wahrheit dazu veranlassten. „Ich liebe Plato ich liebe Aristoteles, aber die Wahrheit über alles," warsein Grundsatz. „Liebet die Wahrheit, liebet den Frieden erst die Wahrheit dann den Frieden," pflegte er zu sagen. Er hatte den Math, viele Auswüchse ans den Gebeten zu tilgen, und sich zu bestreben die Liturgie auf zweckmäßigere Weise zu gestalten. Der Gottesdienst begann bei ihm mit Baruch scheomar; das Gebet sestomer Jisroel ließ er nur an Fasttagen sagen; mit Alenu und einem Kadisch für Leidtragende schloß der Gottesdienst ein für allemal; kiutim und selichot ließ er dem Gebete nicht einschalten, zwar ließ er an den 4 Sabbaten im Adar und an den 3 hohen Festen Piutim zu, allein sie durften erst nach dem Schluffe des Morgengottesdienstes gesagt werden; am Sabbat ließ er nie mehr als die vorschriftsmäßigen Sieben zur Thora rufen. Au den Bußetagen vor dem Neujahr und Versöhnnngstage ließ er das Sündenbekenntniß aschainnu nicht 3 mal, sondern nur einmal sagen; die in den Machsorim befindlichen oder sonst üblichen Formeln, jehi razoa, vor, während oder nach dem Posaunenblasen am Neujahr wurden bei ihm weggelassen, auch kein Psalm wurde vor dem Blasen gesagt. Ebenso wurden die 13 Midot beim Ansheben der Thora weggelassen. Er verrichtete nie das sogenannte lasest lieft am Neujahr, diese Neuerungen erlaubte er sich in Wilna, dem Sitze der krassesten Qrtodoxie*) Um so mehr ist es zu bedauern, daß E. der Mystik und der Kabbala so sehr zugethan war, und sich mit ihr so sehr beschäftigte, daß seine Phantasie erhitzt wurde, und ihn zu kabbalistischen Ausschreitungen und Schwärmereien führte. Er stützte die minutiösesten Gebräuche, die oft Erzeugnisse des Aberglaubens sind, und von seinen Zeitgenossen aufgegeben wurden, durch die morschen Säulen der Mystik, und glaubte ihnen dadurch neues Leben einznhanchen. Er berief sich oft auf Visionen, und erzählte von dem Verkehr, in welchem er mit den heiligen Männern der Vorzeit stehe. Was seine wissenschaftliche Ausbildung betrifft, so zeigte er oft naive Unwissenheit. Er behauptete z. B. steif und fest, die Erde sei nicht rund, sondern bilde ein Viereck, die Finsterniß sei nicht Mangel an Licht, sondern wesentlich, die Planeten bewegen sich in einer *) s. Maase Rab. Wilna und Grodno 1832.