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Das Abendland · 1866-06-21 · 13 (21.6.1866) · p. Seite 99

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
13 (21.6.1866)
Date
1866-06-21
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99?■ V f 1 •h kabbalistsichen Schriften ganz allein und mit einem solchen Fleiße daß er in 6 Monaten den sohar nichts weniger als mechanisch sich zu eigen machte. Um einen Begriff von einer schnellen Auffassung und der Geistesschärfe, zu welchen sich ein Eifer und ein beispielloser Fleiß gesellte, zu haben, mag angeführt werden, daß er in einer Nacht des Gesetzesfreude- Festes die zwei Traktate über die Opfer, Sebachim und Menachot — so gründlich durchnahm, daß er einen Gelehrten, der ihn bei der Studirlampc überraschte, und an ihn einige Fragen richtete, um sich zu überzeugen, ob es möglich sei, in einer so kurzen Zeit solche schwierige lund weitläufige Themata zu bewältigen, in Staunen versetzte, und ihm den Ruf entlockte: „Dieß geht nicht mit natürlichen Dingen zu." E. hatte aber auch nicht nur einen ungewöhnlichen Scharfblick, sondern auch einen solchen scharfen Blick, daß er noch im hohen Alter eine ganze Folioseite des Talmuds in einem Nu überblickte, und mit seinem Blicke verschlang, so daß er in einigen Minuten einen ganzen Traktat rekapitulirte. In seinem 12. Jahre hatte er Gelegenheit sein hervorragendes Genie auf dem Gebiete der Astronomie zu beurkunden. Ein Kreis von Gelehrten, welcher Maimunis Abschnitt über den jüdischen Kalender-Liäusell-Haelloäeseli behandelte, ließ sich zu diesem Zwecke einen Globus verfertigten, der aber so verfehlt war, daß die Gelehrten eher dadurch verwirrt als aufgeklärt wurden. Als der kleine 12 jährige E. davon Wind bekam, studirte er einige Tage den betreffenden Abschnitt, verfertigte einen Globus, und erschien, mit einer sehr bescheidenen Ansprache in dem Gelehrtenkreis, den Globus in der Hand, und ertheilte den befriedigendsten Aufschluß?) Nachdem E. das 13. Jahr zurück gelegt, und das große Gebiet des Talmuds inne hatte, fing er an, den Talmud kritisch und wissenschaftlich zu behandeln und zu beleuchten. Er verwendete seinen Fleiß und seine Muße durch 12 Jahre auf die Sicherstellung des Textes, aus die klare Auffassung des Talmuds, seiner Commentatoren und Decisoren und aus die einschlägigen externen Doktrinen. Je unwissender, dieß war seine Aeußerung, man in den profanen Kenntnissen ist, desto befangener stndirt man den Talmud. In der That beschäftigte sich E. mit Mathematik mit der Harmonielehre, mit Medicin, mit Astronomie, in welcher Disciplin er einmal während seiner Anwesenheit in Berlin, der Akademie in einem schweren Probleme Aufschluß gegeben haben soll, und durch welche Kenntniß er die von einem Rabbiner, dem Verfasser der „Mauern Jerusalems" beanstandete Richtigkeit des Kalenders herstellte; mit Philosophie, und sogar mit der Mantik. Selbst Salomon Maimon konnte nicht umhin über die hohe Geisteskraft dieses Mannes in einem Briefe an Mendelssohn sich auszusprechen, obgleich er wegen einer Aeußerung, daß der Midrasch weit entfernt von gesunder Exegese sei, auf E. Veranlassung in Wilna mit der Bannstrafe heimgcsucht ward. Als einst ein gewisser R. Treitel mit der vehementen Klage zu E. eilte, daß einige sich im b. Hamidrasch mit dem „Lehrer der Verirrten" von Maimuni beschäftigen, antwortete E. ganz gelassen: Ich wünsche mir einen Theil an ihnen. E. gönnte aber auch seinen Augen keinen Schlaf und seinen Wimpern keinen Schlummer, und war ebenso unermüdet im Forschen, als er genial war. Vom 13 Jahre an schlief er nicht mehr als 2 Stunden täglich, l1/2 Stunden während der Nacht, und eine halbe Stunde des Tages, gleichwohl, obgleich er nur die allerkärglichste Nahrung zu sich nahm, that dieß seinem blühenden Aussehen keinen Abbruch. Nie ließ er sich in ein profanes Gespräch ein, nie ging ein profanes Wort über seine Lippen, und um ungestört seinem Studium obzuliegen, studirte er an einem verborgenen Orte, der Niemanden als seinem Weibe bekannt war, das ihn mit hingebender Liebe und Resignation ') Er soll auch, während seines Aufenthaltes in Berlin dem Prädentcn der Akademie Aufschluß über ein astronomisches Problem gegeen haben die ganze Akademie wollte ihm die Honneurs machen aber E. war verschwunden. hegte und pflegte?) So er aber in seinem eignen Hause studirte, schloß er sein Studirzimmer vom Tageslichte ab, und ließ eine Kerze brennen, damit er von der Außenwelt nicht gestört werde. Dabei führte er eine kümmerliche Existenz, denn er hatte zur Erhaltung seiner Familie nichts weiter, als was ihm die Mildthätigkeit der Gemeindekassa zukommen ließ. Durch mehrere Jahre hatte ihm der Gemeindediener, welcher ihm daß Fixum der Unterstützung bringen sollte, die Gaben vorenthalten, so daß seine Kinder betteln mußten, E. gab sich lieber dem Hunger und der Noth preis, ehe er es über sich gewinnen konnte, den Betrüger zu entlarven, was aber dieser aus dem Todtenbette selbst offenbarte. E. hatte sich aber für diese Resignation durch ascetische Lebensweise in seiner frühesten Jugend genügend vorbereitet und abgehärtet; denn bis zu seinem 22. Lebensjahre führte er ein Wanderleben und ging aus Buße von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, auf welchem selbst auf gelegtem Exile er manches Abenteuer zu bestehen hatte. So ersuchte er einst den Wagenlenker, daß er einige Minuten stille halte und ihm E. gewähre das Abendgebet zu verrichten. Der Rosseleiter ließ ihn gewähren. Während aber E, andächtig betete, fyhr ihm sein Führer mit Sack undPack davon. Ebenso rigorös war E. in der Ausübung der religiösen Vorschriften, kein Jota ließ er unbeachtet, das Kleinste wie das Größte war ihm heilig und unverletzbar, für ihn gab es nichts Veraltetes und Ueberlebtes, alles hatte, nach wie vor für ihn seine Bedeutung. Wasser, welches unverdeckt gestanden war, und das man in Gegenden, wo sich giftige Schlangen befanden aus Besorgniß nicht trank, es könnte eine Schlange davon getrunken haben, verabscheute er, obgleich diese Besorgniß nicht mehr statt findet. Während eines stürmischen Wetters konnte einmal sein Diener nicht zur Quelle gehen, er brachte ihm daher aus einem offenen Gefäße, einen Trunk. E. hatte später dich erfahren, und behauptete, es habe ihm dieser Umstand die rechte Andacht im Gebete benommen. Für E. gab es keinen Gebrauch, den der Aberglaube erzeugt hätte, II). 179 war ihm so verbindlich, wie der übrige Schulchan aruch. Selbstverständlich stählte seine unbcgränzte Gottesfurcht seinen Muth, 'der von nichts gebeugt werden konnte, und bewahrte ihm ein ungetrübtes harmloses, in allen Lagen sich gleichbleibendes Gemüth, unbekümmert, ob der Nahrungsquell seiner Familie fließe oder versiege; Gott und das Göttliche galten ihm mehr als alles, galten ihm mehr als die irdischen Bande des Blutes. Sein Kind, ein Knabe im sechsten Jahre erkrankte einst, E. um in seinen frommen Betrachtungen und in seinem Torastudium nicht gestört zu werden, entfernte sich von seiner Familie, und begab sich in eine Einöde. Erst nach einem Monate, während er badete, erinnerte er sich seines kranken Kindes, und konnte dem Vatergefühle nicht mehr widerstehen, nach Hause zu eilen. E. war gefeit gegen alle Schicksalspfeile, weder Kälte noch Hunger afficirten ihn. Was Wunder, daß ihn schon seine Zeitgenossen, obgleich er mit den Gelehrten in Opposition stand, da er den Pilpul (dialektisches spitzfindiges Talmudstudium) perhorrescirte, und auf die Pflege anderer Wissenschaften so wie überhaupt auf ein wissenschaftliches Talmudstudium drang, vergötterten; sie nannten ihn: Unser Lehrer, der Gaon (Excellenz), der Chasid. E. war aber auch die liebenswürdigste Persönlichkeit, bescheiden und selbstverläugnend, er widersprach, ohne den Widerspruch merken zu lassen, er berichtigte Jrrthümer, ohne jemals den Namen des Irrenden zu nennen. An jedem Tage, wenn er sich ins Lehrhaus begab, sammelte sich eine Schaar von Verehrern um ihn, von weit und breit strömten Neugierige herbei, um ihn kennen zu lernen, und auf die Worte seines Mundes zu lauschen, von Nah und Fern holte man seine Gutachten ein, selbst Jonathan Eibensch, übersandte ihm die Kamea (Amulet) welche ihn in den Geruch des Sabbatianismus brachte, E. äußerte sich darüber ebenso beschei- 3) Sie hieß Ehana, und war aus Sidau. Auf ihren Grabsteine setzte er folgendes Epitaph: Chana starb am 5. Kislew 5543. Sie hatte auf Erden ihres Gleichen nicht, sie zn schildern eS am Wort gebricht. 13* I »

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