Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 12 (7.6.1866)
- Date
- 1866-06-07
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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93 — tfiren Scharfblick beim Aufsuchen der Wahrheit getrübt hätte. — Der Talmud, so reich an historischen und antiquarischen Notizen und Raritäten, biethet gerade für die Literaturgeschichte seiner Zeit eine äußerst geringe Ausbeute. — Außer den biblischen Büchern kennt der Talmud nur sehr wenige Schriftwerke, er verbrämt selten seine Meinungen und Ansichten nach Art moderner Weisheit mit dem Aufputz von Citaten, er beruft sich selten auf ciueu Autor als Gewährsmann. — Die wenigen Bücher, die er citirt, sind der Nachwelt nicht erhalten geblieben, und haben wir dieselben an einem andern Orte zusammengestellt. — Unter den sehr wenigen außerbiblischen Büchern, welche uns im Talmud vorgeführt werden, nimmt das Buch Ben- Sira, wegen der vielen daraus genommenen Stellen, den ersten Platz ein. — Es war dieses Buch wahrscheinlich dasjenige, welches wir in den apokryphischen Büchern besitzen, obwohl die im Talmud citirten Stellen nicht alle in dem Apokryphenbuche Sirach zu finden sind. — Das ursprüngliche Original, welches als ein beliebtes Volksbuch vielen Zusätzen, Interpolationen und Aenderungen unterworfen war, mochte beiden als Grundlage dienen. — Man war geneigt zwei Bücher unter diesem Titel anzunehmen, weil die verschiedenen aufbewahrten Sätze dieses Buches einen zweifachen Charakter an sich tragen, einen ernsten aus Weisheit und Lebenserfahrung geschöpften, und einen allzu populären, mitunter frivolen. Ein Umstand, der sich nur aus den angedeuteten Zusätzen erklären läßt. Solche Zusätze mochten auch bei einer Übersetzung in eine andere Sprache statt gefunden haben. In der That sind auch die im Talmud angeführten hebräischen Stellen sehr gediegen, während die wenigen aramäischen den Charakter der Frivolität verrathen. — Aus der nachfolgenden Erörterung dürfte es beinahe bis zur Evidenz hervorgehen, daß Sirach ursprünglich in hebräischer Sprache abgefaßt wurde und erst durch Uebersetzung und Paraphrase die syrische und griechische Gewandung erhielt. — Der zweifache Charakter des Buches hat auch ein entgegengesetztes Urtheil des Talmud über dasselbe hervorgerufen.— Aus der einen Seite wird es als Belege zu den wichtigsten Wahrheiten angeführt, und sogar zu den biblischen Büchern unter die Klasse der Hagiographen D'nini — gezählt (sieh Tosafoth B. Kama 92), anderseits wird es zu den verpönten Büchern auf den Index gesetzt — freilich ist Rabbi Josef, der eifrige Bibelforscher, mit diesem Anathema nicht einverstanden, er erklärt, daß die schönen Stellendes Buches wohl lesenswerth seien, da doch der Talmud selbst viele Stellen daraus citirt (Sanhedrin 100.) Fassen wir die im Talmud angeführten Stellen aus dem Buche Ben-Sira näher ins Auge, so müssen wir dieses als eine populäre Paraphrase zu den Sprüchen Salomo's erkennen, auf die der Verfasser an mehreren Stellen ausdrücklich hinweist. — Alle Tage des Armen sind elend (Sprüche Sal. 15.) Ben-Sira fügt hinzu. Auch die Nächte, sein Dach gehört zu den niedrigsten, dagegen liegt sein Weinberg auf den höchsten Spitzen — Der Regen fällt von fremden Dächern auf sein Dach, dagegen fällt der Dünger seines Weinberges auf die fremden Weinberge (Ketuboth 110) Auch eine andere aus Ben-Sira angeführte Stelle zeigt die Beziehung dieses Buches zu den salomonischen Sprüchen — „Ich habe Alles mit der Wage abgewogen und nichts leichter gefunden als Kleyen etc, am Allerleichtesten aber ist derjenige, welcher antwortet, bevor er die Frage recht ausgehört, so heißt es auch: Antworten ohne die Frage zu hören, ist Thorheit und bringt Schande (Sprüche Sal. 28) — Sogar die stilistischen Formen der salomonischen Sprüche werden nachgeahmt—„Drei (Dinge) hasse ich, und ein viertes liebe ich nicht" (Nida 16) Wie der weise König Israels beschäftigt sich auch Ben-Sira viel mit den Weibern, und wie sein Muster, läßt auch er in dieser Beziehung Licht- und Schattenseiten abwechselnd hervortreten. — „Eine gute Frau ist ein kostbares Geschenk für den Mann, so heißt es auch: Die gute ist für den Gottesfürchtigen bestimmt. — Eine böse Frau ist für den Mann ein Aussatz. — Wie kann ihm geholfen werden? Er schicke sie fort, so ist er von seinem Aussatze geheilt. — „Eine schöne Frau, Heil dem Manne, die Zahl seiner Lebenstage ist doppelt." — „Entziehe dein Auge dem anmuth'igen Weibe. Du könntest von ihren Netzen umstrickt werden, suche nicht Freundschaft bei ihrem Manne um mit ihm Gelage bei Wein und scharfen Getränken zu halten, denn durch die Figur einer schönen Frau sind schon viele zu Grunde gegangen, mächtig viele hat sie getödtet.,, Der letzte Passus in diesem Satze ist wörtlich den Sprüchen Salomo's entlehnt. — „Die Schminkekrämer haben manche jWunde aufzuweisen, von den Ehemännern, weil sie den Weibern die erste Anleitung zum Ehebruch geben, wie der Funke die Kohle anfacht." — Sie fördern die Gefallsucht der Frauen. — „Gleich einem Neste voll von Vögeln ist ihr Haus voll Täuschung." (Iebamoth 63) — „Eine Tochter ist für den Vater ein eitler Schatz, wegen Sorgen um sie kann er des Nachts nicht schlafen. — Ist sie ganz jung — sie kann leicht verführt werden — wächst sie heran, sie kann leicht entehrt werden, wird sie etwas älter, sie könnte keinen Mann bekommen. — Ist sie verheirathet — sie könnte kinderlos bleiben. — Wird sie ganz alt, sie könnte sich mit Zauberkünsten abgeben." (Sanhedrin 100) — „Kümmere dich nicht mit Sorgen um den morgigen Tag, du weißt ja nicht, was heute noch geschehen kann. — Es kann der Morgen kommen, er ist nicht mehr da, was kümmert ihn eine Welt, die ihm nicht gehört?" (Iebamoth 63) — „Laß' keine Sorgen in dein Herz kommen, denn starke Männer hat schon die Sorge getödtet." Entferne viele aus deinem Hause und bringe nicht alle in dein Haus, mögen sich viele nach Deinem Wohle erkundigen, dein Geheimniß entdecke nur einem unter Tausenden." Alle diese Sprüche hatten sicher ursprünglich Tendenz und Gnomenform den salomonischen ähnlich, und erhielten durch spätere Zusätze ihre Erweiterung. Ein kritisches Auge wird ohne Schwierigkeit ans der Fassung wie aus den einzelnen Sprachelementen dieser Sätze erkennen, was an ihnen dem ächten Ben Sira gehört. Manche vom Talmud angeführte Sprüche, werden nicht ausdrücklich dem Ben-Sira zugeschrieben, scheinen aber doch diesem Spruchdichter anzugehören. „Im Schmerze soll man keine gesetzliche Entscheidung ertheilen" (Erubin 65) „Was dir verborgen ist, untersuche nicht, über das Geheimnisvolle forsche nicht nach (Chagiga 13) Jeder Vogel zu seinem Geschlechts und der Mensch sucht seines Gleichen, nicht umsonst geht der Sarsir zum Raben, er weiß, daß er seines Gechlechtes ist. — (B. Kama 92.) In diesem letzten Spruche ist der erste Theil offenbar originell nach salomonischen Muster, der zweite Theil hingegen eine Amplification aus späterer Zeit. Als Anhaltspunkt für die Kritik ist auch die Bemerkung nicht unwichtig, daß Ben-Sira wie sein königliches Vorbild die zweizeiligen Sprüche liebt, so daß man den Ueberschuß beinahe überall als spätern Zusatz betrachten darf. Schenken wir nun den aramäischen Sprüchen, die der Talmud dem Ben - Sira vindicirt, unsere Aufmerksamkeit, so zeigen Inhalt, Sprache und Form deutlich den spätern Ursprung, lassen aber dennoch theilweise die Beziehung zu den Sprüchen Salomo's erkennen. „Ziehe den Fisch nicht am Ohre, sonst geht die Haut zu Grunde, sondern brate ihn am Feuer und esse 2 Brode dazu." Ein dünner Bart ist ein Zeichen von Klugheit, dichter Bart zeigt von Thorheit, einem getheilten Bart kann die ganze Welt nicht beikommen." Ein kleiner Beitrag zur Physiognomik jener Zeit — „Wer in den Becher hineinbläst, hat keinen Durst, wer Sauce zum Brode verlangt, dem nimm auch das Brot weg." (Sanhedrin 100.) König Salomo hat für die Tendenz dieses letzten Spruches die gewiß edlere Form: „Der Satte tritt Honigseim mit Füßen, dem Hungrigen schmeckt das Bittere süß." Wir haben bereits oben gesehen, daß Ben-Sira sich ausdrücklich auf die Sprüche Salomo's bezieht. — Auch zu dem Salomonischen Spruche— „Leben und Tod sind in der Gewalt der Zunge" gibt Ben- Sira eine Erklärung. — Er holt den Vergleich von einer Kohle, bläst man hinein, so brennt sie, speit man hienein, erlischt sie (Rabbo Levitic. 33) —