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Das Abendland · 1866-05-24 · 11 (24.5.1866) · p. Seite 86

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
11 (24.5.1866)
Date
1866-05-24
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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86 schen Blätter widmen wird, um an das eigentliche Herz des Judenthumes das Ohr zu legen, und dessen Herzschlägen zu lauschen. „Was doch der „Draußigc" nicht Alles auf dem Herzen hat" dürste mancher Leser dieser Blätter lächelnd ausrufen, nachdem er nachstehenden Wunsch gelesen, und doch kann und will ich ihn nicht unterdrücken. — Es ist ein erfreulicher Beweis des Fortschrittes auf religiösem und gesellschaftlichem Gebiete, daß selbst in jenen Curorten in denen früher keine Kosthäuser für Israeliten bestanden, seit Kurzem solche entstanden sind, so in Ischl, in Gleichenberg und wenn ich nicht irre auch in Hall, nur unser schönes liebliches Io hannesbad das alljährlich an Comfort zunimmt und sich immer schöner schmücket, um neben den bevorzugten älteren Schwestern ebenbürtig stehen zu können, entbehrt trotz der bedeutenden Frequenz seitens jüdischer Curgäste noch immer eines jüdischen Kosthauses und zwingt so manche jüdische Familie entweder auf den Aufenthalt zwischen seinen grünen Bergen und duftigen Wäldern zu verzichten, oder ein wahres ascetisches Leben daselbst zu führen. — Hat denn Niemand den Muth der jüdischen Küche daselbst eine Stätte zu gründen? ich glaube doch es wäre ein verdienstliches Werk den vielen jüdischen Curgästen Gelegenheit zu geben nebst ihrer Körperflege auch ihrem religiösen Gewissen Rechnung tragen zu können, und auch der materielle Lohn dürfte nicht ausbleiben. — Dichtung und Wahrheit. Wer Zeitungen von der heterogensten Richtung und Tendenz liest, entgeht dem Schicksale nicht, auf Zeitungsenten zu stoßen. Auch im Talmud begegnen wir solchen Enten. Wenn R. Iirmiahu die casuistische Frage aufstellt, wie da das Recht zu sprechen wäre, falls eine Taube sich mit einem Fuße in das Gebiet des Einen, und mit dem andern Fuße in ein anderes Gebiet stellt, (B. B. 23, 2.) was ist diese Taubesrage anders als eine Ente? diese Enten gehören in das Reich der spitzfindigen Dialektik. Die Erzählungen Rabba dar dar edanäs sind nichts als Zeitungsenten. Der Vogel, der bis an den Knöcheln im Wasser stand, während sein Kopf bis an die Wolken reichte, war gewiß nichts anders als eine Ente. Da über dieses vielgebrauchte Wort selbst das Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm keine genügende Aufklärung gibt, so mag hier eine Notitz darüber Platz finden. Jakob Grimm sagt: (III. 309), man nennt eine in Zeitungen verbreitete, gleichsam fortschwimmende, wieder auftauchende Fabel oder Lüge heute gewöhnlich Ente. Früher hieß es blaue Ente (folgen Belege aus Luther, Murner, Seb. Brandt, Frank u. a.) Blau ist nebelhaft, nichtig einem etwas Blaues vormachen, blauen Dunst machen, bedeutet vorlügen." Das letzte ist sicher, mit der Ente aber hat es eine andere Bewandtniß. Wurzbach bietet in den „Historischen Wörtern" nichts zur Erklärung, wenn nicht die Wiederholung der oben mitgetheilten so heißen darf, wohl aber eine ganz spaßhafte Geschichte, die werth ist, gekannt zu werden. Zur Persiflirung der Napoleonischen Schlachtbuletins nämlich, habe der Brüssler Egide Norbert Cornelissen folgende Geschichte erfunden, die von Zeitung zu Zeitung gegangen, wie die Seeschlange. Wie groß die Gefräßigkeit der Enten sei, lehrt ein Experiment, das man mit ihnen anstellte. Man nahm aus zwanzig derselben eine, zerhackte sie sammt Federn und Knochen, und gab die Stücke den neunzehn übrigen zu fressen. So fuhr man fort, eine nach der andern zu schlachten und den Schwestern vorzusetzen, bis nur mehr (d. h. nur noch) eine einzige vorhanden war, gemästet mit dem Fleiscke und Blute ihrer Genossinen". Wurzbach bemerkt richtig, daß dieser Schwank des Pudels Kern nicht treffe. Wir bemerken, daß dieß eine Ente gewesen sein müsse, wie sie Raba b. b. Ehana schilderte. Wurzbach citirt sogleich „Schellmuffsky" 1696: — so wußte ich allemalen so eine artige Lüg - Ente vorzubringcn" und sieht das Richtige noch nicht. Unsere Leser werden gemerkt haben, daß Lüg-Ente nur eineu witzige Umdeutschung für Legende sein kann, und mit den talmudischen Lügenvogeln nichts gemein hat. Der Reformation lag es nahe, indem sie sich mit einem bedeutenden Schritte dem Judenthum näherte, und die Heiligenverchrung als Abgötterei verwarf, auch der Legende den Glauben aufzukündigen, und so sprach schon Luther von einer „Lügend von St- Chrysostomus. Daraus ward bald eine Lüg- Ente, und war man so weit, so ward auch die „Ente" allein als Lüge verstanden. Wo Dichtung und Wahrheit mit einander verschmolzen sind, und die Dichtung als solche sogleich zu erkennen gibt, und als mit der Wahrheit unverträglich in die Augen springt, da nennt man ein solches Amalgama Kötu. Dieses Wort hat noch keinen Erklärer unsers Wissens gefunden. Wir glauben folgendes, gv: heißt Regen, aber auch Festes, chald. «etm Spr. 5, 11. PvLM ppa -lan ip Das ist im Rabbinischen der allgemeine Begriff von allen besonder» belebten und unbelebten Wesen. Daß ein Wort Feuchtes und Festes zugleich bedeuten kann, findet seine Analogie in dem lateinischen materia, Substanz, Urstoff, mittelbar durch mater vonmaäeo triefen, abgeleitet ebenso cvoy regnen Wasser ‘i^ Holz, Festes, eine Etymologie, welche in dem Philosophen, daß alles Feste aus dem Feuchten sich gebildet, ihre Begründung findet. Xvw—xvrr>U heißt Verkörperung desjenigen, was flüssig, was Dunst war, es drückt auch den Gegensatz zwischen dem festen Wahren und der dunst-flüssigen Dichtung aus. Dr. M. Duschak. Correspondemen. Marrokko. Die Juden in Marokko. Aus einem Schreiben des Herrn Guedalla an die Redaktion des Jewisch-Ehronicle entnehmen wir folgende statistische Daten: Die Synagogen von Tanger, Tetuan, Mogador, Marokko find Eigenthum von Privaten, und werden von diesen wie eine komcrzielle Geschäftsunternehmnng behandelt. In Tanger sind solcher Synagogen 6, die so nahe an einander stehen, daß sich die Betenden einander hören können— Sie sind für die männlichen Individuen der Gemeinde nicht ausreichend, die Frauen besuchen nie den öffentlichen Gottesdienst. Daher wird auch am Sabbath zu verschiedenen Stunden der Gottesdienst abgehalten, damit alle theilnehmen können. Alle diese Andachtsstättcn sind wie erwähnt, Privatcigenthum und werden von Privaten zum geschäftlichen Zwecke geleitet. Der Eigenthümer sorgt für einen Vorbeter und Synagogendiener auch für einige Oehllampen, dafür fällt das Erträgniß vom Mizwothverkaufe in seine eigene Tasche—Zuweilen führen zwei oder mehrere Personen das Geschäft in Gesellschaft, zuweilen wird es gegen eine gewisse Provision in Regie gegeben— Ass ich gegen einige die Bemerkung machte, daß man das in Europa als einen Skandal betrachten würde, daß der Eultus nicht als ein Gegenstand der Spekulation betrachtet werden sollte, daß das ganze System über den Haufen zu werfen wäre, daß man auS den vielen kleinen Synagogen eine große den Bedürfnissen entsprechende Synagoge machen möge, die als eine öffentliche zu erklären wäre, und man könnte mit den bisherigen Privatunternehmern ein Abkommen treffen, wurde mir folgendes geantwortet: 1. Kann ein schon seit Jahrhunderten bestehendes System nicht aufgcgcben werden. 2. Kann niemand sich einen Eingriff in Privateigenthum erlauben. 3. Steht der größte Theil der Unternehmer unter dem Schutz der Regierung und der Eonsulen, die ihnen Beistand leisten— 4. Ein Apell an das religiöse Gefühl oder an den Gemeinsinn wäre unnütz, weil er nicht verstanden würde. 5. Eim große Synagoge würde schon darum die Gemeinde nicht befriedigen, weil man dann wenig Mizwoth hätte, um jene zu beehren, die zum Tempel beisteuern würden. , In Tetuan sind 16 solche Privatbethäuser, deren Unternehmer aus Gewinn spekuliren—

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