Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 11 (24.5.1866)
- Date
- 1866-05-24
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 man sagen kann, cs sei nicht ein Pfleger der philologischen Studien, nicht ein Bücherlieberhaber, nicht ein Freund der hebräischen Literatur, der ihm nicht Rath, Belehrung und Beistand verdankt— Das eine aber darf ich nicht unerwähnt lassen, daß der berühmte Geschichtschreiber Bianchi Giovini, dem er einige Betrachtungen über die Geschichte und Lehren der Hebräer mittheilte, diese Mittheilungen so hoch schätzte, daß er sie als Anhang seinem eigenen Werke einverleibte — Auch darf ich die Entzifferung eines in Sicilien gefundenen hebräischen Amulets nicht unbemerkt lassen— Mehrere Mitglieder des in Venedig versammelten wissenschaftlichen Congresses hielten die Inschrift für griechisch, andere glaubten die Keilschrift zu erkennen — Endlich sei noch hervorgehoben daß in dem vielsprachigen Album zur 600jährigen Dantefeier, sich von ihm ein hebräisches Sonett findet, das ein herrliches Bild von dem unübertrefflichen Sänger und Verkündiger der Geschicke Italiens liefert. Ich werde mich nun über seine Privattugenden nur kurz fassen— In ihm war vollständige Harmonie zwischen Glauben und Wissen, zwischen Denken und Handeln— Das Pflichtgefühl war so stark in ihm, daß seine unermüdliche geistige Thätigkeit nicht gestört wurde, weder durch seine erschütterte Gesundheit, noch durch häusliche Leiden, noch durch die härtesten Unglücksfälle, mit denen ihn der Wille Gottes heimsuchte— Er sah erschlaffen, hinsiechen und endlich verscheiden seinen 25jährigen Sohn Philoxenos, jenes Wunder frühreifer Gelehrsamkeit, gesucht und geehrt zu Paris von den berühmtesten Orientalisten, der sich durch viele literarische, sprachliche und geschichtliche Arbeiten bereits einen europäischen Namen erworben hatte —> Einige Jahre später starb ihm seine einzige Tochter aus zweiter Ehe, Marianna, ebenfalls ein Muster aller Tugenden, von der wir nicht mehr zu sagen brauchen, als daß sie, bemerkend die eintretende Augenschwäche des Vaters, sich im Geheimen mit dem Studium der Sprachen befaßte, um eines Tages dem geliebten Vater in seinen Arbeiten behilflich sein zu können — Gewiß, das bezeugen seine niemals durch das Mißgeschick gestörten Ar-' beiten.— Er wahrte beim Schmerz den Geist unbesiegt; allein der Körper konnte den widerholten Schicksalsstreichen nicht Widerstand leisten— und so erlosch vor der Zeit ein Leben, das nach dem Loose großer Männer schwere Kämpfe zu bestehen hatte, aber wie kein anderes, makellos blieb. — Feste Willenskraft und Reinheit der Absichten waren seine Hauptcharakterzüge ■— Ruhig von Natur, bescheiden, zurückhaltend, war er unerschrocken bis zum Heroismus, wenn es galt die Wahrheit zu verkünden und zu behaupten. Als seine Ansichten über das Alter der Kabbala ihm von Seiten der blinden Anhänger des mistischen Buches heftigen Tadel zuzogen, stand er unerschüttert, und fand seinen Lohn in dem reinen Bewußtsein und in dem Urtheil der Gelehrten, die ihm von dem einen Ende Europa's bis zum andern das verdiente Lob zollten. Bei all' dem hatte er sich wenig öffentlicher Auszeichnungen zu erfreuen, da er, weit entfernt solche zu suchen, sich ihnen vielmehr entzog— „Meine Wahl, so schrieb er, als korrespondirendes Mit. lied des venezianischen Instituts, danke ich dem Prof: Balthasar Poli, der mich hiezu ohne mein Wissen in Vorschlag brachte"— Gott weiß es, wie sehr es mich freut, es rühmen zu können, daß dieser Vorschlag einem Manne zur Ehre gereichte, der sich um die ernste Studien in Italien so hohe Verdienste erwarb, und den ich als dankbarer Schüler verehre. In dessen Haus lernte ich Luzzato kennen, und seine hohen Tugenden schätzen. Unter diesen ist besonders seine Theilnahme für jedes Unglück hervorzuheben— Selbst arm, war er verschwenderisch gegen die Armen, und gab ihnen nicht von seinem Ueberflusse, den er nie besaß, sondern von dem, was kaum für den Bedarf seiner Familie hinreichte. Gerade zur Zeit als durch die politischen Ereignisse das Einkommen seiner Professur geschmälert wurde, nahm er seine arme zur Wittwe gewordene Schwester mit ihren kleinen Kindern zu sich ins Haus, und theilte mit ihnen das kärgliche Brod seines Tisches. So übte er das große Princip der Wohlthätigkeit welches er mit Recht als die Grundlage des Judenthums betrachtete. Wer ist wohl würdiger als er, den Lohn dieser Handlungen zu Gunsten seiner hinterlassenen Familie zu ärnten? Einst fragte ihn Prof Poli: Ob das rabbinische Institut auch den Wittwen seiner Lehrer Pensionen bestimme?—„Ich habe nie daran gedacht, antwortete Luzzato, aber ich zweifle nicht, daß meine Glaubensgenossen dafür sorgen werden — Dieses Vertrauen ward auch vollständig gerechtfertigt, und die bereits von einzelnen Gemeinden beschlossenen Unterstützungen wie die in ganz Europa eröffnete Snbscription sind glänzende Zeugnisse, man kann kaum sagen ob mehr von den hohen Verdiensten des großen Todten oder von dem israelitischen Edelsinn. Jedenfalls zeigen sic, daß zu diesem unermüdlich thätigen Leben die Wohlthätigkeit seines Volkes den Impuls gegeben habe. Dieses Volk, berühmt, nicht durch seine Waffengewalt noch durch seine Denkmäler, sondern durch ein Buch, welches die Schule des Verstandes, die Flamme des Gefühls, die Verbrüderung der gesammten Menschheit ist, dieses Volk haben wir, uneingedenk seiner ruhmvollen Vergangenheit und der Wohlthaten, die wir ihm schulden, mit Füßen tretend die Rechte, die das größte Unglück, das, ein Vaterland verloren zu haben auf uns hat, im thörichten Stolze, uns für Rächer des Friedenslammes haltend, gequält, für vogelfrei, erklärt, gejagt wie eine unreine Heerde von Land zu Land, mit jedem Zeichen der Schmach gebrandmarkt, es der Gewalt des Schwerdtes und des Feuers preisgegeben, und als dieß alles nichts nützte, um es zu vernichten, hat man die schlaue, langsame unausgesetzte Verfolgung in Anwendung gebracht, um die in ihm liegende Geisteskraft zu schwächen, und den Opfern nicht bloß die Vertheidigung, sondern auch die Theilnahme zu entziehen— Ich spreche es aus als katholischer Christ, glücklich meines Glaubens, weil nicht die reinen Vorschriften des Evangeliums daran schuld tragen, sondern einzig und allein jene, deren Gewohnheit es zu jeder Zeit war, ihre bösen Absichten mit der Religion zu bemänteln, während sie die erste Lehre derselben, die Nächstenliebe, verleugneten — Wahr ist es, daß diese zweite Verfolgungsart jetzt nicht mehr allgemein in Europa ist, auch ist ihr durch das Gesetz und die Volksbildung in vielen Staaten der Boden entzogen, aber dennoch existirt sie noch in den Vorurtheilen der Massen und in der Versagung der vollständigen bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung. Es handelt sich heute nicht, schrieb Luzzato, Verleumdungen zu widerlegen, es schenkt ihnen sonst niemand Glauben, und fände sich einer, so ist er schon gerichtet von dem Geist des Jahrhunderts, von dem Geist der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit — Es handelt sich nicht, das Recht zu vertheidigen, cs ist jetzt schon allgemein anerkannt— Es gilt bloß die Wahrheit ins klare Licht zu setzen— Das Judenthum in allen seinen Beziehungen zu beleuchten, in der Bedeutung seiner erhabenen Lehren, in seiner Literatur, in seiner Geschichte, in dieser nicht bloß von seinen Institutionen, sondern auch von der Nation und von den Individuen, die ihm einen Glanz verliehen — Das war das Ziel, welches ihm schon seit seinem Jünglingsalter im Geiste vorschwcbte. Das war das Tagewerk seines Lebens, das Ziel so vieler Mühen und Arbeiten— Diese Aufgabe hat er in seinem Werke „das beleuchtete Judenthum" vollbracht— Ein Werk aus dem ein Massimo d' Azeglio Beweise für die Gleichberechtigung der Juden schöpfte. Ich meinestheils habe den Israeliten nichts anderes anzubieten als meine Bruderhand und die aufrichtige Achtung gegen die vielen unter ihnen, die ich kenne, darunter einige meine Schüler waren, die jetzt die Zierden Italiens sind— Mögen sie diesen Akt der Pflicht mit demselben Herzen aufnehmen, mit dem ich ihn erfülle, und wenn ich über den betrauerten Luzzato nicht mehr sagen konnte, als was die auswärtigen Journale, und unter uns Lelio deüa Torre und