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Das Abendland · 1866-05-24 · 11 (24.5.1866) · p. Seite 83

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
11 (24.5.1866)
Date
1866-05-24
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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Geschick zulächeln muß— Er erhielt den Antrag einen hoffnungsvollen Jüngling zu unterrichten, und entledigte sich seiner Aufgabe mit solcher Meisterschaft, daß die Zahl seiner Schüler zünahm. Dieser Unterricht verschaffte ihm das höchste Glück— Er konnte durch den Lohn seiner Mühen dem theuern Vater die letzten 4 Lebensjahre versüßen — In jenen glücklichen Tagen gab er unter dem Titel „Xinor Naim“ einen Band hebräischer Dichtungen heraus, theils Originalien, theils Uebersctzungen aus verschiedenen Sprachen. Auch begann er in einem Wiener Jahrbuche seine Untersuchungen über hebr: Synonyma zu veröffentlichen, welche Arbeiten schon erprobten Gelehrten den künftigen Meister zeigten. Die allgemeine Erwartung sollte bald befriedigt werden. Die isracl. Gemeinden des lombardisch-venezianischen Königreichs gründeten im Jahre 1829 allhier ein Institut zur Heranbildung von Radbinen, und beriefen ihn, den die öffentliche Meinung schon dafür ausersehen hatte, als Professor an dem Institute zugleich mit Lelio Delta Torre, einer zweiten noch lebenden Zierde der jüdischen Wissenschaft. Dieses günstige Ercigniß both Luzzato Muße und Gelegenheit Werke von größerem Umfange zu unternehmen— So ungern ich es thue, muß ich zu Ehren der Wahrheit einen Vergleich anstellen — Es war unter uns eine Zeit — und wer erinnert sich deren nicht? — wo die Lehrstühle der socialen Fächer als reine Sinekuren betrachtet wurden— Unter den wenigen Auserwählten, welche die Hoffnung aus bessere Zeiten in Eifer erhielt, gaben sich viele einer bequemen Ruhe hin, speisten ihre Zuhörer mit leeren Gemeinplätzen, mit rhetorischen Possen, wobei mitunter ein Scherz, eine Ironie aus die Leere des Unterrichts hinwies. Ganz das Gegentheil von diesen Lehrern der Schönrednerei war Luzzato— Sparsam an Worten, weil er während des Unterrichts dachte und zum Denken anleitete, eifrig bestrebt die Schule zu einem fruchtbaren Boden für die geistige Bewegung zu machen, tief überzeugt von der Bedeutung der Wissenschaften für's Leben, ließ er während seines 35jährigen Lehramts keinen Tag verstreichen, ohne einen Gewinnst für die Wissenschaft zu erreichen, ohne sich des Segens seiner Schüler zu erfreuen, die nun zerstreut in allen Gegenden Italiens seinen Ruhm verbreiten. Einsam, ernst, gesenkten Blickes, von kleiner Statur, mit hervorstehenden Augen, eine breite stets heitere Stirne, .so sah man den unermüdlichen Denker. Wenn er sich jedoch zwischen den häuslichen Wänden von dem kleinen aber auscrwählten Kreise seiner Schüler umgeben sah, die seinen Worten lauschten, da entflammten sich seine blitzenden Augen, seine Physiognomie erhielt einen ehrwürdigen, leutseligen Ausdruck, und man wähnte eine patriarchalische Gestalt vor sich zu haben. Am rabb'nischen Collegium hielt er Vorträge über hebräische Grammatik und die verwandten Sprachen, über Geschichte der Israeliten, Moraltheologie und Dogmatrk — Diese Gegenstände alle wurden in den gründlichen Werken behandelt, die er in den ersten 3 Jahren seines Lehramts skizzirte und später verbessert, erweitert und vervollkomnet, der Oeffentlichkeit zuführte. Anfaugs nahm er als Grundlage seines grammatikalischen Unterrichts ' das Lehrbuch von Gesenius, dem er jene Forschungen hinzufügte, die bereits von ihm in den Jahrbüchern — Bikure Haitim veröffentlicht waren, doch schon nach 3 Jahren hatte er sich ein eigenes System über die Ableitung des Hebräischen geschaffen, das er in seiner trefflichen Grammatik niederlegte— Seinen Vorträgen über das Chaldäische und Syrische dankte das treffliche Werk „Oheb ger" über Onkelos seine Entstehung — Seine Leistungen auf dem Gebiethe der Bibelexegese zeichnen sich durch gründliche scharfsinnige Forschungen aus, und die dabei an den Tag gelegte Meisterschaft des Styls verschaffte ihm den Namen des ersten Hebräisten unserer Zeit— Hervorragend ist sein Commentar zu Jesaias— Bemerkungen zu einzelnen Stellen wurden bereits 1835 von Rosenmüllcr, einem der ersten Orientalisten Deutschlands, auf Anrathen des Gesenius, vollständig in seinen Scholien ausgenommen. Er war nahe daran die Uebersetzung der ganzen Bibel auszuführen, als ihn der Tod seiner Thätigkeit entriß — Einige Tage vorher schrieb er an Rabbiner Mainster in Rovigo „daß ihm ein einziges Wort eine ganze Nachtwache gekostet habe." — Zum Tröste der Gelehrten sei es gesagt daß die Uebersetzung durch seine tüchtigsten Schüler und durch seinen Sohn Jsaias, ein würdiger Sproß einer Familie, in der Gelehrsamkeit und Tugend erblich scheinen — zur Veröffentlichung gelangen werde. Gleichen Eifer wendete er der Geschichte seines Volkes zu, wobei er vorzugsweise die noch weniger bearbeitete Periode des zweiten Tempels zum Gegenstände seiner Forschungen machte. Von seinen philososischen Werken, zu denen er, wie bereits erwähnt wurde, in frühester Jugend den Grundstein legte, erschienen: Skizzen über die Fundamentalgrundsätze der Moralphilosophie und des Naturrechts. Eine neue Theorie der Moralphilosophie „Skizze über Antropologie" „Skizze über die Fähigkeiten des Menschen" u. a. m. Ich könnte noch von so vielen Arbeiten ausführlich sprechen, wenn mir nicht die zugcmessene Zeit Schranken setzen würde. Ich werde mit Stillschweigen übergehen den 2000jührigen hebräischen Kalender, die verschiedenen Reden und Aufsätze, die vielen alten Werke, die er der Vergessenheit entzogen, entziffert und mit eigner Hand abgeschrieben, die ausgedehnte Correspondenz, die er mit gelehrten Orientalisten, mit berühmten Collegen in Europa und Amerika führte, so daß nach in der Rubrik „Concnrse," die ihm momentan die schönste Zukunft versprechen. Wel- \ cher Druidenfuß jedoch bietet sich ihm dar, ' welche Klippe hat er zu überschreiten! Ein Pro- \ bebeten ist es oder wie wir es in der Schau- ( spielkunst nennen, ein auf Engagement abziel lendes Gastspiel. An diesem Stadium angelangt, ( beginnt sein eigentlicher Kampf um die Existenz und die Pforten der Leiden erschließen sich \ ihm entweder, tun ihn einzulassen in die Hallen (, der Zukunft oder nicht. ( Der zum Prüfstein bestimmte '"NI “üb hält in geweihter Stunde seinen Einzug und mit ) ihm der Cantor in Kutte und Kappe. Der Dem- ( pel ist überfüllt, jeder sucht vor Allem den sahrenden Scholasten kennen zu lernen, ob er was \ »or ft eilt und nach dieser Vorstellung wird auf s den ersten Ton gelauscht. Niemand wagt es noch ( sein Urtheil auszudrücken und gibt sich den be- ( sten Hoffnungen hin. Achselzucken gibt sich kund, ( dem Einen singt er zu hoch, oder besier gesagt ( schreit er zu stark, dem andern tremulirt er zu ( viel, ein Zweiter findet ihn zn wenig musika- ’ lisch, ein Dritter behauptet er kann nicht recht 1 Jwre. Bei btOC" ’jnc©* beginnt der eigent-? liche Wahlkampf, hier sucht der vom Schweiß ) triefende kantorische Chasan seine Gurgeltöne ) zu Hilfe zu nehmen und singt ein „Stückel pol- ) nisch". Während Entzücken ans der orthodoxen ) Rechte lautbar wird, erklärt es die linke aufge- ) klärte für einen Tempel nicht passend, und so? sieht man dem Kidusch entgegen, wobei der Kan- ) didat zur Einsicht gelangt, daß an seinem Au-? ditorium keine Broche ist. Die tortnrartige Abend- ( probe ist vorüber und das in Knaul vor den ) heiligen Pforten sich ansammelnde Auditorium? macht seinem Urtheile in verschiedenen ColoritS Luft und der Vorstand, der weder musikalisches ) Wissen noch ein Urtheil über Gesang zn schaf- ) fen weiß, lauscht ungesehen aus den Richterspruch ) der Majorität und hat in seinem Innern ent- ) weder den Stab über den Tönemeister gebro- ) chen oder seine Aufnahme beschlossen. Unter- ) dessen muß der Kandidat, den Bedingungen ) des Konkurses entsprechen und sein Gastspiel Tags darauf am Sabbat in mnr und rjw’C fortsetzen, bei dem das stark lückenhaft gewordene männliche Auditorium, durch das schwache Geschlecht auf der Gallerte ersetzt wird. Der auf der Folter des Urtheils gespannte moderne Chasan strengt sich doppelt an, um etwaige Niederlagen am verwichenen Abend gut zu machen, allein grade die verschiedenartigen Tonmodulationen und Modifikationen verleiden ihm den guten Willen und was er gestern en passant gehört hat, konnte er heute nicht einmal vernehmen, weil hinter seinem Rücken die Mimik, zum Ausdruck des Misfalleus geworden. Der Erfolg seines Debüt war sonach kein durchschlagender und der fahrende Sänger dem nicht einmal die Reisespesen vergütet werden, fährt fort Trost suchend in den Worten des Altmeisters Göthe: Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet Das Lied das aus der Kehle dringt Ist Lohn der reichlich lohnet. Jakob Brandeis. 11*

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