Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 11 (24.5.1866)
- Date
- 1866-05-24
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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82 das Buch Hiob las und dessen erhabene Schönheiten auf- ] faßte. — Die Zeit war damals besonders günstig, um die Geister zu wecken und die Thatkraft anzuspornen— Die stürmischen Bewegungen der französischen Revolution hatten aufgehört, aber ihre wohlthätigen Wirkungen waren geblieben, die ewigen Rechte der Völker wurden anerkannt, die französische Republik und das Kaiserreich hatten den Israeliten die gleichen Rechte wie allen andern Bürgern im Staate eingeräumt. An dieser Freiheitsepoche begeisterte sich der achtjährige Knabe, und seine jugendliche Seele, entflammt von den Ereignissen und von freudigen Hoffnungen für die Zukunft gab ihren Gefühlen in einer Ode an Napoleon Ausdruck. Kaum 15 Jahre alt hatte er schon die verschiedenen Doktrinen der Wissenschaften mit Klarheit erfaßt, und benützte selbst die Erholungsstunden um Gedichte zu machen oder in die schwierigsten Probleme des Talmud und der heiligen Bücher einzudringen. Wenig lernte er von Lehrern, viel aus sich selbst in Folge der ihm angebornen, durch Uebung im Beobachten und durch Nachdenken erhöhten geistigen Fähigkeiten. Mit den Jahren nahm auch sein Eifer für ernstere Studien zu. Die geistige Anstrengung drohete jedoch seinen Körper zu gefährden. In seinem 18. Jahre schwebte er in Lebensgefahr, und der besorgte Vater suchte ihn der wissenschaftlichen Thätigkeit abwendig zu machen und bewog ihn, seine eigene Profession das Drechslerhandwerk zu erlernen. Von der körperlichen Uebung versprach er sich eine günstige Entwicklung der j physischen Kräfte seines Sohnes.! Allein welches Hinderniß kann der Allgewalt des Genie's s Wiederstand leisten? L. widmete dem Handwerke eben nur , die Hand, nicht aber den Geist, dieser blieb gerichtet auf die! Gegenstände seiner Forschungen, und jede Frucht derselben, j war es nun die Erklärung eines heiligen Textes oder eine neue Idee, die seinen..Geist beschäftigte, zeichnete er, während der freien Stunden, welche andere Arbeiter, der Erholung weiheten, in ein Notizebuch— Diese Notizen, ein Gemische von Poesie und Prosa, von literarischen und philosofischen Skizzen, waren die ersten Keime der vielen Werke, die später seinen Ruhm weit hinaus über die Gränzen Italiens trugen. Ein weiterer Sporn für sein wissenschaftliches Streben war seine äußere bedrängte Lage— Wenn je der Spruch des Sallust „daß die Armuth fruchtbar an großen Männern sei" sich bewährte, so war es bei ihm der Fall — Ihm diente sie nicht bloß als Schutz gegen die Verlockungen der Welt, sie nöthigte ihn auch mit dem eignen Geiste die Bahn zu i beleuckten, die zur Erkenntniß führt, nachdem sie ihn in frü-! Hefter Jugend der Mittel beraubte, um sich das Wissen anderer anzueigncn. Wohl weiß ich, daß man besonders heutigen Tages bei der innern Verkettung der verschiedenen Zweige des Wissens nur eine beschränkte, unvollständige unsichere Kenntniß erlangt, wenn man die Ideen bloß durch das eigne Nachdenken schöpfen will, ohne sie durch dre Ansichten der belfern Schriftsteller, durch die unmittelbare EHahrungen der Gesellschaft zu befestigen; allein abgesehen davon, daß hier nur von den Studien des ersten Alters die Rede ist, wo man nicht genug der Gefahr ausweichen kann, durch überflüssige Lektüre die freie Entwicklung des Verstandes zu stören, spreche ich namentlich von einer Wissenschaft, nähmlich von der Philosophie, in welcher sich so viele unter einander und mit den Grundsätzen des gesunden Menschenverstandes in Widerspruch stehende Systeme finden, daß man beinahe versucht wäre, die Wirkungen des bekannten Dilemmas von Omar herbeizuwünschen, um den Prozeß der Denkthätigkeit durch Befreiung von dem Ballast der Schulen wieder in's rechte Geleise zu bringen. — Thatsache ist, daß Lnzzato indem er sich selbst und die eigenen Fähigkeiten geistig ausbeutete, gckrästigt aus jenem gymnastischen Cirkus, in den er den Geist einzwüngte, hervorging, und so die Uebung erlangte, selbst den Grund aller Dinge zu suchen, so jene Kriterien sich gewann, welche die ersten Bedingungen für den guten Erfolg der fortschreitenden Studien sind; was besonders in unserer Zeit bei der großen Masse von Büchern nothwendig ist, um die wenigen herausznfinden, die den Geist befruchten und zur Tugend führen. Daher die Originalität seiner Gedanken, die Wirksamkeit seiner Darstellung, die den Schmuck pompöser Worte verschmähte, und nur durch jene geistvolle Sicherheit glänzte, welche das Bewußtsein mühevoller Arbeiten ist. Kaum 14 Jahre alt führte ihn sein Geist zu ausgezeichneten Forschungen über das Alter der Kabbala, über die Vokalpunkte und Accentzeichen des Hebräischen. Und dieses Alles in der Einsamkeit seines ärmlichen Zimmers ohne das Licht, welches aus der Verbindung mit gelehrten Männern herrührt; denn erst mit Ende des 15. Jahres trat er mit den berühmten Jsak Reggio und Samuel Lolli aus Görz über manche strittige Punkte in Briefwechsel. Solche herrliche Wissenskeime schien die drückende Noth ersticken zu wollen— Aufgefordert vom Vater ein anderes Handwerk zu erlernen, wenn ihm die Drechslerprosession nicht gefalle, gieng er zu einem Uhrmacher in die Lehre, bei dem er ein Jahr blieb, ohne etwas zu lernen— Es erfüllt uns mit Schmerz diesen edlen Geist schon in der Blüthe der Jahre gebeugt und gedrückt von der Noth der Verhältnisse zu sehen, doch anderseits tröstet uns der endliche Triumph eines festen Vorsatzes, dem schließlich auch das unfreundliche ) Feuilleton. Leiden eines Kantors. Eine Humoreske. Der geschätzte Leser wird wohl gehört haben von den „Leiden eines Lehrers" von den „Leiden eines Gabbe" „von den Leiden eines Choristen" aber kaum von den Leiden „eines Cantor" und doch ist es so! Die Leiden eines Cantors find so mannigfach und so drückend wie sie in einem andern Stande weniger zu finden sind und wird der Cantor, der Interpret der Gefühle einer ganzen Gemeinde, der Fürsprecher derselben vor dem Throne des Allmächtigen ist, um seiner Stellung willen beneidet! Ach, beneidenswerther Cantor! Was hast Du nicht Alles in deinem Herzen zu verschließen, was in deinem Kopfe zu tragen, was in deiner Kehle zu bergen! Und welche Metamorphose muffte der alte Chasan erfahren, welchen Uebcrgang hat er durch- ( zumachen jener Chasan, der seine oft dishar- ( monischen Töne durch einen Druck auf der ( Wange hervorzuzaubern suchte, jener Chasan der durch den sogenannten Nigen die Aufmerk' - samkeit der Zuhörer zu fesseln suchte, jener Cha- ' san, dem Mantel und Bretel als das Idol galt. ■ Dieser Chasan steht heute als Cantor da (von? canere singen), der das Bretel mit der Kappe, > den Mantel mit der Kutte vertauscht. Ich will ) jedoch nicht daraus eingehen, was ein solcher Cantor leistet, sondern was er zu leisten hat ) und es ergibt sich hierin schon der Qualm von Leiden, ein ganzes Märlhyrerthum. Der große ' Themistokles sagte einst: Singen und spielen ) kann ich nicht, aber einen Staat groß machen > die Kunst versteh' ich. Unsere Cantprcn sind : zwar keine Themistokleffe, allein wenn sie es; wären, würde man sich mit diesem Problem ) nicht begnügen und es wird von ihnen geforbeet: „Singen und spielen kann ich." Der Can- ) tor hat viele Chancen durchzumachen, zuerst muß ) er schon als Knabe sich wie eine Raupe entpup- () pen, er muß eine „feine Stimme" entfalten, damit der Vater in dessen Knabenalter ein „gut s, Koll" entdecken kann, um ihn so dem geweih- ( ten Stande zu widmen, um ihn an jene Stufe ( zu führen, die ein Sulzer bereits längst erreicht hat, um die Freuden zu erleben, seinen Sohn so gefeiert zu sehen, wie jener Mästro der Wiet ner Gemeinde gefeiert wurde. Es wird gesun- ( gen, und wenn es seine Not, hat muß er Noten ( lernen, damit es heißt, „der Knabe fängt an C musikalisch zu werden." Selbsterklärlich darf ( die hebr. Literatur nicht vernachlässigt werden, ( damit der künftige „Orpheus" gut setzt." ( Bevor er also ein Tonsetzcr wird, muß er ein ( guter Wortsetzer sein. Das genügt nicht! Vor- < sicht ist die Mutter der Sicherheit und um die- ( sein Proverb gerecht zu werden, muß der Kunst- ( jünger die Thora leinen und gut "i’IiEp sas gen können, weil mit des Schicksals Mächten ( ist kein Bund zu flechten und — der Kore eic, ner Gemeinde wegen plötzlich eingetretener Heiserkeit seine Function nicht ausüben könnte. Factum est, und der sich plagende Kunstbeflis» < sene tritt ins praktische Leben, um als Chorsän- ( ger recte Tenor erst recht „geplagt" zu werden. ( Hat er diese Phase durchgemacht, werden jüdi-? sche Blätter seine Lieblingslektüre und er sucht