Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 10 (10.5.1866)
- Date
- 1866-05-10
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenstand eines Protestes sein kann. Es ist zwar etwas unartig, mit einem Proteste sich als Correspondent einzuführen aber „Gelegenheit", sagt das Sprichwort, „macht Diebe," und die Gelegenheit ist so augenfällig gegeben worden, daß sie nicht ignorirt werden kann. S. Ehrw. Herr vr. Sonneschein möchte in seinem Jubel, daß ein Jude in Szt. Marion zum Comitatsphysicus ernannt wurde, dem Ungarvolke einen Wunsch darbringen, dahin lautend: „daß die Czechen bei ihm in die Schule gehen sollen." Diese Ernennung ist in der That ein großer Fortschritt und zeigt von der Liberalität des H. Obergespans, die Niemand in Abrede stellen wird; alle gut- und freigesinnten Männer werden dankbar die Augen zu ihm erheben, der die Initiative ergriffen, das praktisch zu verwirklichen, was so Viele und so lange theoretisch blos anerkannten; deshalb aber das Ungarvolk als Meister auf das Katheder zu setzen und die Czechen in die Schulbänke um zu lauschen der ungarischen Gerechtigkeitsliebe, wäre denn doch eine große Uebereilung. Wir können wohl die jüngsten Vorgänge hier in Böhmen, die Eheste gegen die Juden nicht überkleistern, nicht beschönigen; doch müssen wir der Wahrheit die Ehre geben, daß sie nur von jenem Gelichter ausgingen, das zwischen Mein und Dein nicht sehr scrupulös ist, daß die bessere Klasse gar nichts damit gemein hatte, vielmehr so viel in ihrer Macht lag alles anwendete dem Uebel Einhalt zu thun. Das war keine Gehässigkeit gegen den Juden als solchen, das war bloß die Sucht nach des Juden Geld, wie ja in Unc arn die Betyaren oft genug ihr Unwesen treiben und wo das Standrecht zur Stunde noch in mehreren Comitaten publizirt ist. Die böhmischen Juden sind immer noch mehr bei ihren christl. Mitbrüdern emanzipirt als die ungarischen. So gering auch die Zahl der jüd. Einwohner in den Städten ist, so haben sie doch in der Regel ihr Kontigent beim städt. Ausschüsse. Hier im Orte z. B. ist das Verhältniß der jüd. Einwohner zu den christl. 1.30 und doch haben 3 Juden ihren Sitz im Ausschüsse. Rokotnitz, ein Städtchen dessen Seelenzahl ungefähr 3000 betragen wird, darunter nur 75 Juden, hat einen Juden H. Porgcs sich zum Bürgermeister gewählt; während in Ungarn und den Nebenländcrn, wo doch die jüd. Gemeinden oft Hunderte von Familien zählen, kein Jude im Magistrate seinen Sitz hat, selten ein Jude das Bürgerrecht erlangt. Nein, die Czechen brauchen bei dem Ungarvolke noch nicht in die Schule zu gehen! Dem einen freisinnigen Acktc, der Ernennung des H. vr. Haas zum Comitatsphysicus stehen viele Fälle mittelalterlicher Unduldsamkeit gegenüber: Sommerein duldet seinen'Stadtarzt H. vr. Diamant nicht in seiner Umfriedung; in manchen Gegenden sind Juden von gewissen Pachtungen ausdrücklich ausgeschlossen. Sollten sie etwa die stuhlrichterlich an den Juden aplizirten Stockprügcl in der ungarischen Schule ablernen? Die Czechen Hütten für solche Lehren kein Herz und kein Verständniß. V. München 18. April. lZur Statistik der Israeliten) Alexandrien hat unter seinen 150,000 Einwohnern 4500 Israeliten, darunter 3000 eingeborene und 1500 aus Europa eingewanderte, die zusammen fünf Synagogen besitzen. In den vier den Juden heiligen Städten Palästinas leben 8379 Juden; nämlich in Jerusalem 4346, in Hebron 513 in S äset 2113 in Tiberias 1407 Indem Konstantinopel hat eine große jüdische Gemeinde, 37 Synagogen und 90 andere Bethäuser. In Korfu beträgt die israelitische Bevölkerung den vierten Theil der Staatseinwohner, und bildet zwei Gemeinden, eine italienische und eine griechische. Die Moldau zählt 50,000 Israeliten; die Anzahl derselben in der W a l l a ch e i ist geringer. In O d e ssa gibt es 17,000 ansässige Juden und 6000, die sich zeitweilig dort aufhalten. Rußland und Polen zusammen haben gegen zwei Millionen Juden mit 616 Synagogen, 2435 „Betschulen" und 5109 „Geistlichen." Die Karäer (nur an die Schrift Glaubende) wohnen in fünf Gouveruements, am zahlreichsten im südlichen Rußland, wo es deren 12,000 gibt. Im österreichischen Staate beträgt die jüdische Bevölkerung circa 1 Million Seelen; in Italien 43,446, in Holland 62,647 und endlich in Preußen 250 Tausend. Nizza. Ein anglikanischer Pastor, der sich nach einer fruchtlosen zum Zwecke der Judenbekehrung unternommenen Bereisung Italiens hier niederließ, erregte durch sein unwürdiges zudringliches Betragen einen großen Skandal— Es war ihm darum zu thun, zu einer in der evangelischen Kirche abzuhaltenden Conferenz viele jüdische Zuhörer zu locken — Er begab sich zu diesem Zwecke am Sabbath Morgens in die Synagoge, verfolgte mit Aufmerksamkeit die Andacht aus einem hebräischen Gebetbuche, und vertheilte gleichzeitig Einladungen zu seiner Conferenz unter den Anwesenden. Obgleich Rabbiner Netter von der Kanzel herab gegen diese Verlockungen warnte, folgten doch gegen 15 oder 16 Personen dem Pastor in die Kirche, wo er eine Predigt in hebräischer und dann in italienischer Sprache hielt— Ein anwesender eifriger Israelit aus Marseille, Herr Cascoute replicirte hieraus in einer sehr energischen Rede, die er auch durch den Druck veröffentlichte — Die improvisirte Replik soll jedoch, wie die Archiv. Israel, versichern, mehr frommen Eifer als Geschicklichkeit beurkunden— Man sieht aus dem Ganzen zu welchen Mitteln die Proselytenmacherei greift. — New-Iork. Am 23. Februar starb in dem New-Iork Jsraelits Hospital vr. Brilliantowski, welcher 1826 in Micowdzki, einer kleinen Stadt Polens, geboren wurde. Seine Familie war zwar arm, jedoch ehrbar, Familienfreunde sandten den talentvollen Knaben nach Warschau aus die rm?', wo er sich bald auszeichnete. Zu achtzehn Jahren finden wir ihn im Gymnasium zu Hamburg, das er in seinem 21. Lebensjahre absolvirt hatte. An der Berliner Universität beendigte er seine Studien. 1848 war er Wundarzt der polnischen Legion, wo er sich seinen bedeutenden Ruf als Arzt und Chirurg erwarb. Aus politischen Ursachen mußte er nach Amerika flüchten. Hier trat er während des letzten Krieges als Wundarzt in das De Kalb Regiment ein. Seine furchtlose und unermüdliche Thätigkeit im Felde, als Brigade- Wundarzt der deutschen Division, hauptsächtlich seine ausgezeichneten Leistungen vor Charleston erwarben ihm bald die Zuneigung der Soldaten. Jedoch während er so das Leben und die - Glieder vieler braven Veteranen rettete, legte er wahrscheinlich den Keim zu der Krankheit, an der er starb. Das Leichenbegängniß fand am Donnerstag den 24. um 9 Uhr vom Hospital aus, statt. Das 96. Regiment, N. G. S. W. A., angeführt von seinem würdigen Obersten Z. D. Krebtchl mit sämmtlichen Offizieren die alle Trauerschürpcn trugen, begleitet von den umflorten Regimentsfahnen, war pünktlich am Platze, um dem Waffenbruder den letzten Ehrcntribut zu zollen. Auch die Veteranen dieses Regimentes waren vertreten. (Hebrew.) Locale und auswärtige Neuigkeiten. Wien. Vorgestern erhielt Professor S u lz e r vom Großherzog von Baden für die Uebereichung seines jüngsten Werkes eine schmeichelhafte Zuschrift mit dem Bemerken, die Beigabe „als Zeichen der Verehrung" anzunehmen. Diese Beigabe bestand in einem großen prachtvollen Brillantring mit der Namenschiffre des Großherzogs sammt der Krone.