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Das Abendland · 1866-05-10 · 10 (10.5.1866) · p. Seite 74

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
10 (10.5.1866)
Date
1866-05-10
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 immer von einem unheimlichen Gefühle beschlichen wird. Verfolgungen und Vertreibungen, Metzeleien und Schlächtereien wechseln fortwährend mit einander ab. Fast jede Stadt in Deutschland bietet hierin dieselben traurigen Momente und Erscheinungen dar. Es ist ein schreckliches, grausenerregendes Drama, das sich viele Jahrhunderte mit den ewig wiederkehrenden Gestalten abspielte bis demselben der edle und humane Geist der neuen Zeit zum Glück und Segen der Menschheit ein Ende machte. Noch hat die Geschichtschreibung, trotz der ausgezeichneten Arbeiten der letzten Decennien den ungeheuren Stoff nicht aufgesammelt. Es bleibt noch immer ungeachtet des darauf verwendeten Fleißes eine große und reiche Nachlese übrig, und es ist darum jeder noch so kleine Beitrag höchst verdienstlich, wenn er auch nur ein kleines Sternchen zu dem die Kräfte eines einzelnen Menschen bei weitem übersteigenden Ausbau der Geschichte des Iudenthums liefert. Bei einer Reise nach dem anmuthigen Franzensbad, 1865, wurden wir zufällig auf die Geschichte der Juden in Eger aufmerksam gemacht, wovon uns hie und da manches mündlich erzählt wurde. Endlich fanden wir in dem mit vieler Sorgfalt und Vorliebe bearbeiteten Werke: Eger und das Eg erlaub, histor. statist. und topogr. dargestellt von Vincenz Pröckl, Archivar der Stadt Eger 2 Bände Prag und Eger 1845, die nähern geschichtlichen Daten, meist aus Chroniken und Archiven gezogen, obschon dürr und unkritisch behandelt, gesammelt und zusammengetragen, woraus wir uns nur sämmtliche Stellen excerpirten, die die Juden und deren Geschichte betreffen. Wir lassen nun hier einige Auszüge folgen und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, um die Aufmerksamkeit jener Leser, die Gelegenheit und Muße haben die Studien fortzusetzen, die wenigen erhaltenen Inschriften gehörig zu copiren, darauf ernstlich zu lenken. Hr. Professor Or. Wessely in Prag hat ebenfalls gelegentlich einer Badereise einige sehr interessante Aktenstücke und Urkunden aus dem Egerer Stadtarchive copirt und dieselben im „Orient" Literaturbl. 'No. 40. 1846, veröffentlicht, deren Ergänzung und Vervollständigung gewiß wünschenswerth wäre. Die Gemeinde in Eger scheint im Mittelalter eine sehr bedeutende und einflußreiche gewesen zu sein, an deren Spitze vorzügliche Rabbinen, die sich eines ausgebreitcten Rufes erfreuten, standen. Besonders berühmt ist R. Nathan aus Eger und dessen Sohn R. Elieser, die von Maharil, R. Jakob Weil und R. Israel Bruna häufig genannt werden, und worauf wir später zurückzukommen gedenken. Ueber das Alter und die Blüthe der Egerer Gemeinde schweigt die Geschichte gänzlich und erst bei Gelegenheit, wo sie von deren grausamen Ende erzählt, wird von dem Dasein derselben Erwähnung gethan. Grätz, dessen Geschichte der Juden so reich an neuen Detailsorschungen ist, geht stillschweigend über das tragische Schicksal dieser alten Gemeinde hinweg, und nur der alles überblickende Zunz gedenkt derselben in seiner Skizze der Judenverfolgungen sehr kurz. (S. Zuuz, Synagogale Poesie S. 40 und 48 und Schudt, jüd. Merkwürdigkeiten II. 269 und IV. 159 nach Brusch Beschreibung des Fichtelgebirges etc) Viel genauer sind aber die Mittheilungen von Pröckl, Jmx wir selbst sprechen lassen wollen. „Durch die vielen Begünstigungen des Kaisers Karl IV wurde Eger bald wieder zu einer glänzenden Stadt erhoben. Es wunderten viele begüterten und reiche Juden in Eger ein, die sich endlich so verwehrten, daß sie fast den vierten T h e i l der Bewohner ausmachten. Diese hatten hier eine hohe Schule, wie in Krakau, (sie!!) eine Synagoge einen Judenhof, ein Sängmeifterhaus und einen Seelenhof. Durch ihre gesammelten Reichthümer, die freilich der Wucher vergrößert haben mag, zogen sie den Haß der Bürger auf sich, der bis zur härtesten Verfolgung zur fanatischen Wuth sich steigerte, und mit ihrer schonungslosen mörderischen Vertilgung endigte, die durch einen besonder« Zufall plötzlich und unvorhergesehen herbeigeführt wurde. Ein M i n o r i t, nach andern ein Franziskanermönch, hielt im Jahre 1350 am Gründonnerstage eine Predigt über die Leiden Jesu Christi mit lebhaften Darstellungen seiner Schmerzen, seines schuldlosen Todes, daß sie alle Gemüther gleichzeitig mit der tiefsten Wemuth ergriff, die sich in allgemeinen Schmerz, in Thränen, und in ein gräßliches Gefühl der Rache gegen die Urheber desselben auflöste. Unter seinen vielen Zuhörern befand sich auch ein roher L a n z k n e ch t bei dem die rührende Schilderung des Undankes der Juden, der Grausamkeit der Martern, der Schmach des Todes einen solchen Eindruck machte, daß er wie im Wahnsinne dem nächsten Altäre ein Cruzifix entriß und dem in Menge versammelten Volke mit den lautesten Worten zurief: Wer ein wahrer Christ ist, der helfe mir das Blut Jesu rächen! und hieraus rannte er aus der Kirche; ihm folgte haufenweise der Pöbel nach, bewaffnete sich mit den nächsten besten Mordgewchren, überfiel die sorgenlosen Juden und erschlug sie sämmtlich. Das Gäßchen zwischen der Juden und Bindergasse, wohin Viele geschleppt und erschlagen wurden, nennt man heute noch das M o r d g ä ß l e i n. Die jüdischen Gesetz- und Religionsbücher wurden auf das Rathhaus genommen, und später in die kaiserl. Bibliothek nach Prag gebracht; die Häuser und alles andere Vermögen der Juden sollen sich aber nach Angabe einiger Chronikschreiber die Bürger zugeeiguet haben. Diese Angabe stellt sich aber als ganz unwahrscheinlich dar, denn bald nach diesem Morde haben sich wieder viele Juden in Eger angesiedelt." Allein näher betrachtet ist die gräßliche That in Eger nichts anders als eine Episode aus der Leidensgeschichte der Juden in Folge des schwarzen Todes, welcher Europa 1348 und 1349 verheerte. Die blühendsten Gemeinden Deutschlands wurden bekanntlich grausam von den zügellosen Pöbelhaufen vernichtet, Männer und Frauen schonungslos hingeschlachtet und ohne die geringste Veranlassung hingemordet, die Gemeinde in Eger, die anfangs von dieser allgemeinen Verfolgung verschont geblieben, wurde nun endlich auch aus Anstiften eines fanatischen Mönches und eines rohen Lanzknechtes, der die Plünderungen der Juden in den benachbarten deutschen Städten mitangeseheu und daran theilgeuommen haben mag, von der blinden Wuth des beutegierigen und sanatisirten Volkes total zerstört. Die Bürger in Eger handelten ebenso unmenschlich und räuberisch gegen die Juden, wie deren Brüder in Nürnberg etc. einige Monate bevor (6. Dezember 1349) gegen die israel. Bewohner handelten. Die blutigen Lorbeeren der Bürger in Nürnberg, Augsburg, Würzburg und München ließen die Pfaffen und Lanzknechte nebst andern Gesindel in Eger nicht schlafen — und die kleinste Veranlassung genügte, um über die Wehrlosen herzufallen, dieselben ohne Erbarmen niederzumachen und deren Habe und Gut zu plündern und zu rauben. Jedenfalls ist die Mittheilung, daß die Gesetz- und Religionsbücher nach Prag an die Bibliothek gekommen sein sollen, höchst wichtig. Wie mir der ebenso gelehrte als allgemein geschätzte Hr. Ernst Wehli, dessen freundlichen und belehrenden Umgangs wir uns in Frauzensbad ersteueten, mittheilte, sollen diese von Eger stammenden WerlWkuf der Bibliothek geheim gehalten werden und der gewesene Bibliothekar Censor und Revisor C. Fischer wollte Niemanden darüber Auskunft ertheilen. — Hr. Ernst Wehli hat vor Jahren bereits sich das Verdienst erworben hinter das Geheimniß eines vermeintlichen literarischen Schatzes in einer unzugänglichen, im Besitze einer Dame befindlichen Privatbibliothek zu kommen, und die hierüber in Umlauf gewesenen falschen und übertriebenen Vorstellungen zu zerstreuen und zu berichtigen. Vielleicht gelingt es Hr. Wehli wieder dieses Mysterium aufzuhellen, da zu erwarten ist, daß die gegenwärtige Bibliotheksverwaltung im Interesse der Wissenschaft zuvorkommender und liberaler sein wird. Die Geheimthuerei hat längst schon in der Politik und um so mehr in der Wissenschaft aufgehört! „Im Jahre 1364, erzählt unser Gewährsmann weiter, also 14 Jahre nach dem Judenmorde, haben die Juden Friedhof, Schule und Synagoge von Albrecht Nothhaft wie-

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