Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 10 (10.5.1866)
- Date
- 1866-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 10- Traa den 10. Mai 1866. III. Jahrgang Das Abendland Lentral-Organ für alle zeitgemäße» Interessen des Indevthmns. Berlegrr, Eigmthiimcr und verantwortllchlr Redakteur' A- ^hlNNINN. rrs« sttSsSf« äiiä’Sä “ .... Ml.» x-»E- - -.,„.1, ...I. MH» >»»>.,I_ Licht und Schattenseiten. von Rabbiner Ehrentheil in Horitz. Seitdem der gefeierte Volkstribun Franz Deak in Pest die wahrhaft edlen vom Geiste reinster Menschenliebe getragenen Worte über die Gleichberechtigung der Inden in Ungarn gesprochen, wurde im jüdischen Lager gar Viel des Lobes und der Anerkennung über jene Deakische Rede gesprochen und geschrieben, und sanguinische Naturen beeilen sich bereits der jüdischen Lcsewclt in begeisterten Worten von den reifen goldenen Früchten zu erzählen, die jene Lichtsaat Deaks uns gebracht — So kömmt uns aus Ungarn von Freundeshand die bereits auch in öffentlichen Blättern erwähnte Nachricht zu, daß ein Herr Dr. Haas zum Comitatsfisikus ernannt sei, und werden hieran gar sanguinische Hoffnungen geknüpft, und selbstverständlich Ungarn als ein künftiges oder gar schon gegenwärtiges Eldorado der Freiheit und der Gleichberechtigung gepriesen; daß in dieser schriftlichen Panegyrik ans Ungarn, die slavischen Länderstriche schlecht wegkommen, lässt sich in Erinnerung an Böhmen und Gallizien — leicht denken. — Als wahres glänzendes Lichtbild wird uns von unserem vollblutmagyarischen Freunde diese Ernennung eines Inden zum Comitatsfisikus dargestellt, und wir lassen uns ja derartige Lichtbilder so gerne gefallen und freuen uns derselben; wie aber wenn uns von anderer Seite wieder aus glaubwürdiger Quelle die Nachricht zugeht, daß der vor längerer Zeit bereits in dem' kleinen Städtchen Schütt-So mm erein in Ungarn zum Stadtarzte in optima forma ernannte jüdische Arzt Dr. D. in dem nahen Flecken M. wohnen und alltäglich, oder vielmehr allabendlich nach vollendetem Tagewerke fürbaß ans der Stadt Sommercin wandern muß, weil dies Stück Eiland das bcneidenswerthe alte Privilegium besitzt keine Inden als Einwohner aufnehmen zu Znüffen? was sagt man zu der Zähigkeit der Väter des Städtchen SonuM^in gegenüber den Aussprüchen eines Deak, und der riMnenswerthen Thal eines v. Revay? also auch ans Ungarn ein Schattenbild! — Während wir diese Zeilenniedc»schreibcn weilt die Deputation jüdischer Galliziancr in Wien um an den Stufen des Thrones unseres erhabenen Monarchen Schutz und Abhilfe zu suchen gegenüber den recht mittelalterlichen Beschlüssen des galliz: Landtages und des Lemberger Gemeinderathes, die nur allzusehr im finsteren Geiste der engherzigen Partheiwnth und des Glaubenshasses gefasst und ganz geeignet sind der Entwickelung des geistigen und materiellen Wohlstandes der jüdischen Gallizianer die bcengendesten Schranken zu setzen; wer wollte es nicht lies beklagen, daß im Schooße eines Landtages, in dem die Erwählten des Volkes tagen, aus dem Herzen jener Männer die berufen sind als Faktoren der Gesetzgebung die neue Aera der S e l b st r e g i e r u n g, die freie autonome Verwaltung der Gemeinde zu inauguriren, endlich aus dem innersten Schooße der kaum autonom gewordenen Gemeinde Beschlüsse hervorgehen, die einen durch Zahl, Besitz, und Intelligenz hervorragenden Theil der Bevölkerung nöthigen allerhöchsten Ortes mit blutendem Herzen die Gerechtigkeit zu suchen, die ihm daheim versagt wird; „das ist der finstere Geist des Slaventhums" sagt mein heißblütiger magyarischer Freund - da zeige ich ihm lächelnd gegenüber diesem Schattenbilde wieder ein Lichtbild aus slavischen Kreisen, und zwar einen vor uns liegenden in den Zeitungen veröffentlichten Ukas des „Selbstherrschers aller Rcussen" des von der allmächtigen Hand der gütigen Vorsehung in jüngster Zeit so wunderbar geretteten Kaisers von Russland — ein Ukas! — Wie dieß Wort so schauerlich, so frostig russisch klingt, wie man da an alle Schrecken Sibiriens erinnert zu werden fürchtet, wie da die Zeit der gewaltsam abgeschnittenen Bärte und Locken der russischen Juden, der gewaltsam aus der jüdischen Mütter Armen hinweggeschleppten Kinder vor unserem geistigen Auge austaucht — und doch ist es dießmal ein Ukas, der im wahren erleuchteten Geiste der Zeit und des Fortschrittes allen gradnirten Inden in Polen den Weg zu kaiserlichen Acmtern und Würden eröffnet — ein schönes herrliches Lichtbild, das uns das jüdische Herz erhebt, und die Brust mit freudigen Hoffnungen füllt — ein Lichtbild dem gegenüber die die Zeitungen durchlaufende Nachricht von einem zur Richteramtsprüfung zugelaffenen jüdischen Dr. Jur. nur wie ein schmaler Lichtstreifcn erscheint. — Die von der „Presse" jüngst mitgetheilte Nachricht von den in Prag durch P. Klinkowström abgehaltencn geistlichen Exercitien zu denen durch weise Vorsicht den Inden der Zutritt abgeschnitten wurde, hat wie man nachträglich erfuhr, jenem Blatte ein Anathema eingetragen — dagegen sind wir heute in der aw genehmen Lage der „Presse" dieser eifrigen Vorkämpferin für Recht und Gerechtigkeit unsere Anerkenn u n g zu zollen für den Frcimnth mit dem sic die Nachricht von der angeblichen Verleitung, einer Szeklerfamilie zum Uebertritte zum Judenthume seitens der dortigen Juden ins Gebiet der Erfindungen zurückweist, indem sie ganz richtig bemerkt, wie sehr die Proselitenmacherer im Judenthume verpönt sei. — Niemals, am allerwenigst ctuf solch schmähliche Weise die Nothlage einer armen Familie mißbrauchend, wird ein Jude es versuchen seinem angestammten Glaubensbekenntnisse Proselitcn zu gewinnen, und den Ucbertritt als Bedingung einer Aushilfe zu stellen — der Jude Hilst wo er helfen kann, das beweist die Geschichte des jüngsten Nothstcüidcs in Ungarn, aber er hilft aus Nächstenliebe und nicht als Miss i o n ä r.! i' Inr Geschichte der Inden in Egrr von David Oppenheim Rabbiner in Groß-Beczkerek. I. Die Geschichte der Juden im Mittelalter trägt überall dieselbe düstere Physiognomie an sich bei deren Anblick man 10