Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1866-04-26 · 9 (26.4.1866) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
9 (26.4.1866)
Date
1866-04-26
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9050333-9088929-9050727--0404-9050732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

69 Rache gegönnt war, auf Kosten des Gesetzes, wie dies nur zu oft schon geschehen ist, sich selbst einen abscheulichen und canibalischen Dienst zu leisten. M. Stark. Correspondenzen. v. (-. Rokitnitz Am äußersten Ende des nördlichen Böhmens nahe der schlesischen Gränze wie ein verlorener Posten liegt unsere kleine Eultgemeinde— nur selten und fast nie genannt im Forum der Oeffentlichkeit wo die Gemeinden groß und klein heutzutage vor den Augen jüdischer Leser Revue passiven; und doch hat unsere kleine Gemeinde seit jeher Sinn für Bildung und Wissenschaft, regen Sinn manisestirt, und manchen kleinen Jungen hinausgeschickt in die Welt, um vom Baume des Wissens zu pflücken und ein Mann zu werden — was den Meisten von ihnen auch gelang, und so kömmt es, daß mehrere tüchtige Aerzte und hervorragende Männer in andern Disciplinen Rokitnitz als ihre Vaterstadt nennen. Nachdem ich Sie geehrter Herr Redacteur nun mit den Generalien unserer Gemeinde bekannt gemacht habe, sollte ich nach Correspondentenart über unseren Cultus referiren, über unser Synagogenwesen berichten — ja! wenn wir nur erst eine Synagoge hätten! wie? eine Cultusgemeinde ohne Synagoge? so höre ich Sie fragen — und beschämt senke ich den Blick, indem ich Ihnen bestättigen muß, daß wir wirklich noch immer keine Synagoge haben; unser Gotteshaus ist nehmlich vor einigen Jahren ein Raub der Flammen geworden, und noch immer wird nicht zum Wiederaufbaue geschritten— wohl ist durch die anerkennenswerthe opferfreudige Bemühung des Herrn Weiß junior so wie durch die sprüchwörtlich gewordene allgemeine jüdische Milde ein Sümmchen längst herbeigeschafft worden znm Tempelbaue, aber man wartet bis diese Summe anwachsen und zu einem Prachtbaue genügen wird— indeß haben wir ein Stuben Minj a n, einen Gottesdienst dem schon in Folge des unpassenden Locales jede Weihe abgehet; und doch glaube ich und mit mir wie ich sicher weiß noch viele Andere, daß es besser wäre auch nur den allereinfachsten Bau aber nur einen Synagogenbau zu beginnen— als das^ewige Warten, man beginne den Bau, man lasse die Gemüther nicht erkalten für diesen heiligen Zweck, Jeder wird gerne das Seinige dazu beitragen dem Gottesdienste eine Stätte zu bauen, und manches gute Werk wurde schon mit geringen Mitteln begonnen und doch mit göttlichem Beistände zu Ende geführt— Wir wollen keine Pracht, wir wollen keinen Luxus, aber wir wollen einen Tempel, und sey er noch so einfach, nur kein Stubenminjan, nur rasch begonnen! die günstige Jahreszeit ist im Anzuge, die Stimme der religiösen Pflicht ruft uns zu 2lip2 1N'2 .1)2, und ich sage noch dazu — mi02 .11,102.- Postelberg. In der letzten Nummer des „Abendland" spricht Herr Dr. M. Duschak eine neue Vermuthung darüber aus, wie die heidnischen Schriftsteller zu dem tollen Wahne kommen, den Juden die Verehrung des Esels zu imputiren. Ich habe vor zwei Jahren im betha- Midrasch zu Wien einen Vortrag über die Ansichten der römischen Schriftsteller über das Judenthum gehalten und natürlich auch diese Esels-Verehrung besprochen. Der Vortrag ist zum großen Theile veröffentlicht worden in einer jüdischen Zeitschrift, die gegenwärtig nicht mehr besteht. Gestatten Sie mir, Herr Redakteur, daß ich hier noch einmal auf diesen Gegenstand zurückkomme. . Ich kann der Ansicht des Herrn Dr. Duschak nicht bestimmen, weil ich erstens die Sage für älter halte als den Plutarch, — dieser erzählt sie wie etwas längst Bekanntes <vergl. Symp. 4, 5.) und zweitens, weil Tacitus, der doch em Zeitgenosse des Plutarch gewesen, nicht einen so absonderlichen Grund „quo monstrante errorem sitimque depulerant» hätte anführen können. Zudem wäre unter Umständen, wie Herr Dr. Duschak sie geltend machen will, die Esels-Verehrung der Juden eine allgemeine verbreitete Thatsache gewesen, während fast 100 Jahre später ein römischer Schriftsteller, Annaeus Florus, diese Verehrung als „illud grande arcanum„ als ein großes Geheimniß der Juden be» zeichnet. (Dib. III, 5.) Nicht zu übersehen ist auch, daß Justinus, der eine vollständige Geschichte der Inden bieten will und des Absurden genug erwähnt, wie z. B. mit Andern übereinstimmend, daß die Juden am Sabbath fasten, daß die Juden wegen eines Aussatzes aus Egypten getrieben worden u. s. w. von einer Verehrung des Esels auch nicht ein Wort sagt. (Vergl. Tust. 11b. 36, c. 1—3). Ferner ist wichtig, daß die heidnischen Schriftsteller nicht bloß den Juden, sondern auch den Christen die göttliche Verehrung des Esels zuschreiben. (Siehe: Calumnia cultus asinini etc. von Theodor Hasäi). Die Vergleichung des Herrn Dr. Duschak der -Synonyma des Griechischen mit dem Hebräischen oder Chaldüischcn ist eine interessante; nur bemerke ich, daß ältere Kritiker das Wort HOI Esel vom arabischen Chamar herleiten, welches roth heißt, von der röthlichen Farbe des orientalischen Esels'). Ich will nun jene bezügliche Stelle aus meinem damaligen Vortrage hierhersetzen: „Das Einfachste wäre, anznnehmen, daß der egyptischc und syrophöcinische Cultus, in welchem der Esel für heilig galt, zu jenem Wahne das Contingent gestellt. Viele wollen behaupten, daß die Cherubim, welche sich über der heiligen Lade befanden, Anlaß zu dieser Sage gegeben haben und glauben hierfür einen Beleg zu haben in einer Talmudstelle (Jorna 54 b), wo es heißt: ixi SonS o'i2) 1W23P nj?tP2 s?>2i2L> ibbn hvnv' noxi pitpb mx'sm nn rn piyen 0*2112 ♦OlX'n.ITO lSSl D'1212 1pDr nSSp fn88p1 ,1212 Diese Stelle beweist allerdings, daß das Heidcnthnm Vorurtheile über Israels Verehrung von thierischen Abbildungen gefaßt. Allein man vergesse nicht, daß der zweite Tempel keine Cherubim hatte, folglich jene Stelle auf den ersten Tempel gehen müsse, welcher bekanntlich 590 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung zerstört worden; die Sage müßte also, wenn sie wirklich mit dieser Talmudstelle in Verbindung stehen sollte, um die Zeit des Tacitus schon 650 Jahre im Volke gelebt haben, was schwer anzunehmen ist. Eine andere Vermuthung, die ich einem Freunde verdanke, deucht mir schlagender. Der Stamm Isaschar, welcher in der Segenstabelle Jakobs mit 01) non charakterisirt wurde, wird von den Agadisten als derjenige bezeichnet, von dem die Gelehrten und die Wissenschaft ausgingen. Wie aber bei uns mit der Trägheit des Esels die Dummheit symbolisirt wird, mag damals die Ausdauer, Stärke und Festigkeit des orientalischen Esels als Symbol für die Wissenschaft gegolten haben. Die Heiden, welche weniger die Machtvollkommenheit, welche sie dem -oder jenem Gegenstände vindizirt, als vielmehr den Gegenstand selber verehrten, der sie darstellte, können immerhin auf den Wahn geführt worden sein, daß die Juden, bei welchen die so hoch gehaltene Wissenschaft mit dem Bild eines Esels symbolisirt wird, den Esel auch verehren." Soweit aus meinem damaligen Vortrage. Ich glaube, daß man nie hierüber ins Reine kommen wird, scheitert ja jede Vermuthung an dem Umstande, daß Tacitus einen Grund für diese Verehrung anführt, und dazu einen so unsinnigen. Im Übrigen ist es der Esel nicht allein, den die Juden nach der Meinung der heidnischen Schriftsteller sollen angebetet haben: auch das Schwein wird als Idol der Juden bezeichnet und zwar von Petronicus, ebenfalls einem Zeitgenossen des Plutarch und des Tacitus. (Vergl. Fatal, p. 683 ed. Burrn.) Wie dieses entstanden ist, denke ich mir so: daß die Juden sich des Genusses von Schweinfleisch mit YVergl. Hebräisches Wurzelwörterbuch von Meier S. 227 s.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.