Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 8 (12.4.1866)
- Date
- 1866-04-12
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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63 Luchschau. 05 Nerickt über die jüdische Gemeinde - Knabenschule ^Berlin vom Rector A. Horwi tz" vom Jahre 1865—66. . Dieser Bericht bietet in doppelter Hinsicht sehr Erfreuliches Die Statistik der Schule, die nicht die einzige jüdische Gemeindeschule in Berlin ist, weist die schönste Blüthe der Anstalt und die lebhafteste Theilnahme der jüdischen Gemeinde nach. In 8 Klassen, von denen 5 je aus 2 Parallelklassen bestehen, werden 632 Schüler, in wöchentlich 396 Stunden von 16 Lehrern und dem Rector unterrichtet. Hiervon werden 98 Stunden auf das Hebräische und den Religionsunterricht verwendet. Die Entlassenen sind reis für die Tertia eines preußischen, d. i. Quinta eines österreichischen Gymnasiums oder einer Realschule. Indem wir für das Einzelne auf den Bericht selbst verweisen, heben wir es als besonders erfreulich hervor, daß es die jüdische Gemeinde in Berlin ist, welche diese Schule gegründet hat und unterhält. Es ist dies ein Beweis, daß man dort von dem traurigen und verderblichen Vorurtheil zurückgekommen ist, jüdische Gemeinden sollten keine confessionelle Schulanstalten gründen, weil dies theils für die gründliche Ausbildung, theils für die spätere Stellung im bürgerlichen Leben nachtheilig sei. Gegen dieses Vorurtheil ist von den besten jüdischen Pädagogen, die es mit der Religion und der Erziehung gleich ehrlich meinten, seit vielen Jahren mit den zutreffendsten Gründen angekämpft worden. Aber gegen ein Vorurtheil sind die besten Gründe nur Hiebe in die Luft. Nur eine großartige Persönlichkeit, die alle Theorieen mit einer schöpferischen Praxis niederhält, kann einen erfolgreichen Sieg über sie davon tragen. Eine solche Persönlichkeit war in Berlin, der, der Judenheit leider allzufrüh entrissene, Moritz Veit. Dies führt uns auf den andern erfreulichen Theil des Berichts: „Moritz Veit und das jüdische Schulwesen zu Berlin." Wenn ein Mann wie Moritz Veit, der für die Welt als Schriftsteller und Buchhändler, für Deutschland als Abgeordneter in der Paulskirche zu Frankfurt a. M.; für Preußen als Landtagsabgeordneter, für Berlin als Stadtverordneter, für die jüdische Gemeinde in Berlin als Vorstandsmitglied, durch Werk und Wort Großes geleistet hat, nicht blos seine Stimme erhebt, sondern mit einer großen That einsieht für die jüdische Schule; so muß es wahr sein, daß nicht ein jüdisches Sonderinteresse, sondern wahre Bürgertugend, echte Vaterlandsliebe eine jüdische Schule befürworten, ja geradezu bedingen. Dieses Wort und diese That fallen zusammen, wie wir dem Bericht entnehmen, bei der Eröffnungsfeier des neuorganisirten, der Zunz'schen Leitung unterstellten Schullehrer- Seminars, wobei Veit am 18. November 1840 die Weihrcde hielt, im Namen und Aufträge des Berliner Gemeindevorstandes. — Derselbe Veit, der durch seine gesummte Vor- und Durchbildung nichts Anderes weiß, als daß der Staat allem die Atmosphäre ist, die das gesummte Volksleben trägt und nährt, derselbe Veit, der nichts Anderes weiß, als daß im Staatszwecke jeder andere Zweck aufgehen müsse, derselbe Veit weiß auch, daß das, was aus dem Begriffe einer Religionsgesellschaft sich auszuleben und auszugestalten ein Recht hat, nicht in ängstlicher Selbstverläugnung an die Seite treten und verkümmern dürfe. Es geht dies aus zwei Stellen dieser Rede hervor, die wir hier wörtlich anführcn: „Die jüdische Gemeinde ist eine Religionsgesellschaft; und von dieser Seite betrachtet, hat sic einen vollgiltigcn Anspruch zu einer Existenz innerhalb des Staates. Jeder anderweitig von ihr verfolgte besondere Zweck füllt mehr oder minder mit den allgemeinen Staatszwecken zusammen; nur die Sorge für ihr Kirchenwesen und — in gewissem Sinne — für den Unterricht ihrer Jugend gehört einzig und allein in den Bereich ihrer Wirksamkeit, ja, diese Wirksamkeit ist der Grund ihres Bestehens. Die größere oder geringere Energie in der Wahrnehmung so hochwichtiger Interessen würde den Maßstab für ihre innere Lebenskraft abgebcn können, wenn sie überall nach eigenem Willen beschließen und handeln dürfte." — Auf das jüdische Unterrichtswesen eingehend spricht er: „Um aber aus dem Vielen Eines hervorzichebcn, will ich nicht unterlassen, eines vielverbreiteten Jrrthums zu erwähnen, dessen nähere Beleuchtung eine immer wünschenswerte Verständigung herbeiführen möge. Es ist nämlich vielfach behauptet worden, daß den Juden die Gründung eigener Schulen überhaupt versagt werden müsse, weil man die Absonderung derselben von ihren christlichen Mitbürgern auf keine Weise befördern dürfe; und nicht allein christliche Staatsmänner, auch Juden haben diese Ansicht getheilt und aus solchen Motiven gehandelt. Ich behaupte aber, daß selbst die Möglichkeit einer Absonderung nicht mehr vorhanden sei." Wir haben für jetzt dem weiter Nichts hinzuzufügen; denn wir können uns bei dieser Anzeige nicht auf die Argumente einlassen, welche darthnen, daß gerade der jüdische Staatsbürger eine — wir wollen hier nicht sagen jüdische Schule, weil dies misverstandcn werden könnte — aber eine Schule für staatsbürgerliche Juden fordern muß. Moritz Veit war so glücklich seine Forderung durch herrliche Schöpfungen wie die jüdische Gemeinde-Knabenschule und das Seminar in Berlin verwirklichen zu können. Das blühende Schulwesen der jüdischen Gemeinde zu Berlin ist das herrlichste Monument, daß dieser Mann seinem Gedächtniß gesetzt hat.— Warum wir dieß hier hervorheben?— Weil wir wünschen, daß sachverständige, patriotische Juden Prags das Schulwesen ihrer Gemeinde damit vergleichen möchten, und weil wir glauben, daß es auch in Prag nicht an Männern fehlt, die ihren Fähigkeiten und ihrer Stellung nach könnten, die aber ihrer Energie nach es wollen möchte n— ein Moritz Veit für Prag zu werden. Dr. A. Stein. 26. Aus der Petersburger Bibliothek. Beiträge und Dokumente zur Geschichte des Karäerthums und der karäischen Literatur von Adolf Neubauer Leipzig 1866 (Schriften des israel. Literaturvereins). Das gänzliche Stillschweigen, welches die reichhaltige jüdische Literatur in ihren verschiedenartigen und weitgehenden Verzweigungen seit Jahrhunderten über Karäer und Karäerthum beobachtet, und das nur durch einige wenige unbedeutende Notizen unterbrochen wird, ist an und für sich kein sonderlich günstiges Zeichen für die geschichtliche Bedeutung einer Sekte, deren vegetirende sporadisch in kleinen Gruppen auftauchcnde Existenz sich wohl nicht aus der Geschichte streichen läßt, die jedoch wie ein verlorner Posten sich aller Beachtung entzog, und auf den Entwicklungsproeeß des Judendenthums ohne Wirkung und ohne Einfluß blieb. Das Karäerthum kann unmöglich eine Zukunft haben, weil es keine Vergangenheit hat. Eine dürre historische Notiz setzt seinne Ursprung in die gaonäische Periode und nennt als seinen Stifter einen Namen ohne Klang. Das ist die ganze Aufmerksamkeit die sie ihm schenkt, dann läßt es die Geschichte als einen abgedorrten abgefallenen Zweig vom Lcbensbaume des Judenthums bei Seite liegen, ohne es weiter eines Blickes zu würdigen. Ebenso wenig hatte die Literaturgeschichte ein leeres Plätzchen für eine Sekte, die sich niemals durch geistige Thätigkeit auf irgend einem Wiffcnsgcbiethe hcrvorthat. Als zu Ende des 17. Jahrhunderts der Leydncr Professor Trigland die Karäer an das Licht der Qefsintlichkeit zog, und die Mittheilungen bekannt machte, die er von ihnen selbst über ihre Geschichte, ihre religiösen Anschauungen und Grundsätze,^ ihr geistiges Leben erhielt; da sah die Welt deutlich, daß ihnen niemals Unrecl t geschehen, daß sic nicht etwa aus bloßer tendenziöser Gehässigkeit todtgeschwiegen wurden. Diese Mittheilungen sind charakteristisch genug für die Sekte. In ihrer Geistesarmuth sammelt sie schnell den Abfall fremder Tafeln, um damit den eignen Tisch zu decken, und bekleidet den nackten Leib mit erborgtem Flitter, mit gestohlenen Fetzen. Ihr gehört das eigentliche Judenthum, sie ist dessen wahre