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Das Abendland · 1866-04-12 · 8 (12.4.1866) · p. Seite 59

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
8 (12.4.1866)
Date
1866-04-12
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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59 ihres Gatten übernommen den ihm verhaßten jüdischen Gelehrten durch ihre Reize zu verführen. Dieser Versuch wäre jedoch vollständig mißlungen, die Dame aber im Gegentheile von der Tugend und dem unerschütterlichen Charakter R. Akibas derart gefesselt worden, daß sie, nach dem erfolgten Tode des Tinius Rufus, zum Judenthume übergetreten, sich an R. Akiba verheirathet und ihr ganzes Vermögen ihm zugebracht habe, — Da wir jedoch wissen, daß Tinius Rufus R. Akiba hinrichten ließ, so ist es schlechterdings unmöglich, daß R. Akiba die Witwe seines Mörders hätte heirathen können. Nicht weniger undenkbar ist es, daß die vornehme Matrone für den greisen R. Akiba in Liebe entbrannt sei.— Indessen wird doch die Sage nicht ganz ohne historischen Hintergrund sein. Sicher ist cs, daß R. Akiba vor dem Ausbruche der Empörung dem Tinius Rufus nahe gestanden, und von dem Landpflegcr nicht selten zur Vertheidigung seiner religiösen Ansichten herausgefordert wurde?) Es wäre daher eben nichts so Unerhörtes, wenn die Frau des Landpflegers durch die weisen Worte R. Akibas angeregt, wie so manche römische Matrone ihrer Zeit, eine Neigung für das Judenthum gefaßt, diesem Glauben heimlich zugethan gewesen wäre, oder gar sich für denselben öffentlich erklärt und einen guten Theil ihres Vermögens, unter der Anleitung R. Akibas, welcher der Armenpflege die größte Aufmerksamkeit gewidmet,^) zur Unterstützung armer und hilfbedürstiger Juden verwendet hätte. So ist es zu erklären, wie Tinius Rufus gegen R. Akiba mehr als gegen alle anderen Lehrer aufgebracht war, und es sich recht angelegen sein ließ ihn seine Rache in vollem Maaße fühlen zu lassen. R. Akiba bewahrte unter den härtesten und grausamsten Qualen seinen Gleichmut!) und seine fromme Ergebung in den Willen Gottes, er konnte sogar während der Todesmarter, mit voller Andacht das Lellemu lesen, wodurch der Blutrichter T. Rufus zu der Frage veranlaßt wurde, ob er denn ein Zauberer sei, der sich unempfindlich zu machen verstehe? „Kein Zauberer bin ich," „cntgegnete R. Akiba," aber während meines ganzen Lebens habe ich täglich das Gebot Gottes rezitirt: Du sollst den Ewigen deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deinem ganzen Leben und mit all deinem Vermögen') nun habe ich wohl oft meinem Gotte gedient mit meinem Herzen und mit meinem Gute, aber dem Herrn mein leibliches Leben zum Opfer zu bringen, dazu hat sich mir noch nie eine Gelegenheit geboten. Da nun aber der gegenwärtige Augenblick ein solches Opfer von mir erheischt, will ich meiner Pflicht treulich genügen, und mit um so größerer Befriedigung des göttlichen Ausspruches mich erinnern." Und in frommer Andacht hauchte R. Akiba seine edle Seele aus.—4) Die sterblichen Reste R. Akibas, welche nach dem Urtheile des römischen Gerichts uubeerdigt bleiben sollten, wurden gleichwohl von seinen treuen Schülern zur Nachtzeit heinilich entwendet, von Cäsarea nach Antipatris gebracht, und dort in einer Höhle beigesetzt.'') R. Akiba bezeichnet die Blüthe der Tanaim-Periode, und man konnte mit Recht sagen, daß mit dem Tode dieses gefeierten Lehrers, „die Arme des Gesetzes" gelähmt worden, und die „Quellen der Weisheit, versiegt seien?) Noch ein Wort über Funeratangelegenheiten. , In Nr. 6 dieses Blattes vom 15. Mär; 18Ü6 gibt emc von unangehmen Eindrücken affizirte Gutmüthiqkcit ihrem schmerze über angebliche Unzukömmlichkeiten bei israelitischen Leichenbegängnissen in Prag, in „einem Worte über Funeralangelegenheiten" Ausdruck. Der Unmuth des Beobachters s. LVaLSynhedrin 65 > b) Jelamdenu Tasria n. — 4) Jeruschalmi Uffkm ,27j $ “• f* 113* — s) Deuteronom. 6, 5. - «) SotT@n™ Berach0th Cndk. - •) Midrasch-Mischli cap. 9. wurde, wie er erzählt, durch eine Reihe von Unziemlichkeiten hervor gerufen. Es hat ihn nehmlich unangenehm berührt, daß zuweilen Weiber, in denen er überhaupt Kandidatinen für den Blocksberg zu wittern scheint, dann dienstbare Geister (??), und endlich gar Menschen von mysteriöser Kathegorie (??) dem Leichenzugc voran schreiten, und Zigarrenraucher sich den Leidtragenden anschließen sollen. Weiters verletzen die unregelmäßigen Reihen, in denen sich die Leichenbegleitung bewegt sein ästhetisches Gefühl; und so folgen denn diesem Sündenregister wohlgemeinte Verbessernngsvorschläge. , . Da wir anderen Menschenkinder in der Anwesenheit der Frauen bei Leichenbegängnissen weder eine Anstandslosigkeit noch ein Hinderniß für das Seelenheil des Verblichenen erblicken, uns auch weder die angeblichen dienstbaren Geister, noch jene neue Menschensorte von mysteriöser Kathegorie jemals zu Gesichte kamen, so können wir nicht umhin, die Fantasie dieses gutmüthigen Reformers zu bedauern, welche ihm zugleich den maliziösen Streich spielte, Zigarrenrauchende Passanten als Theilnehmer an dem sich zufällig vorüber bewegenden Leichenzugc vor zu spiegeln. Wir entschuldigen die Aufregung dieses gutmüthigen Weltverbesserers, theilen mit ihm das unangenehme Gefühl, welches der Anblick der sich bei Leichenbegleitung oft einfindenden Armuth hervor ruft; bezweifeln aber, daß der Armnth abgeholfen, oder ihr Recht dem Hingeschiedenen Anhänglichkeit zu bezeigen, dadurch beseitiget würde, wenn wie vorgeschlagen, die Beerdigungsbrüderschaft aus ihrer Mitte machtlose Kommissäre beorderte, die zur Schonung empfindsamer Gcmüther, dieser unangenehmen Erscheinung, Entfernung geböthen. Eben so wenig scheint uns das proponirte Kommando zum reihweis Defilieren, welches unserem Reformer so sehr znsagt, daß er sich von Brünn und anderwärts Musterkarten für dasselbe holt, ein geeignetes Mittel zur Förderung des Anstandes, oder gar zum Seelenheile des Verblichenen, für welches Letztere der gutmüthige Referent eine ganz besondere Sorgfalt dadurch beurkundet, daß er dem Kandidaten des Himmelsreiches den Einlaß zur ewigen Seligkeit durch geistliche Vermittelung vindiziren, und den Hingeschiedenen absolut durch einen mit Stolatax ausgestattcten Rabbiner von Profession dem Himmelsrapporte vorgeführt wissen will. So wie die Empfindlichkeit unserem gutmüthigen Reformer ganz abenteuerliche Gestalten, dienstbare Geister, Menschen von mysteriöser Kathegorie, Zigarren rauchende Leichenbegleiter vorzaubert, so sieht er im Gegentheile in dem Talar des Rabbiners die Einlaßkarte zur Himmelspforte. Der Gutmüthige! er weiß es nicht, daß das Judenthum, vor dessen Entwürdigung er so ängstlich zittert, zur Aguirirnng himmlischer Gemeindezuständigkcit, Freiheit der Advokazie von vorhinein proklamirt hat, daß dieses der Fürsprache des Rabbiners keine größere Wirksamkeit, als der des Laien zuerkennt; daher von allen Vorschlägen des Reformers das ausschließlich Reale die Stolatap wäre, die er eigentlich dem Talarc, nicht aber dem Rabbiner votirt, der sich als eine jedem Israeliten obliegende religiöse Pflicht, bei Leichenbegängnissen meistens in weltlicher Kleidung cinfindct, daher dem Geisterseher entweder nicht kenntlich genug ist, oder in weltlicher Tracht für ihn keinen Werth hat. Eine ganz entgegengesetzte Wirkung macht auf die erhitzte Fantasie unseres liebenswürdigen Schwärmers der breite Hut des Leichenkonduktcurs, und seine Reizbarkeit fantasirt — Gott sei bei uns — von einem Abzeichen geistlicher Würde; da doch diese von der gewöhnlichen Form abweichende Kopfbekleidung bloß den Zweck hat, den zum Leichenkondukte gehörigen Ceremonier den andern Leichenbegleitern kenntlich zu machen. Reduziren wir somit alle die wohlgemeinten Verbesserungsvorschläge auf eine einfache Anempfehlung an die Leichenbegleiter, sich während des Zuges enger an einander zu schließen, um sich, als zum Kondukte gehörig von anderen Passanten zu unterscheiden; — und es werden sich, wir sind 8 *

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