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Das Abendland · 1866-03-15 · 6 (15.3.1866) · p. Seite 44

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
6 (15.3.1866)
Date
1866-03-15
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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44 Ausgleichs einen Theil ihres reichen Kapitals hcrgebcn. Aus der Bildersprache in's Gemeinverständliche übersetzt, heißt dies : Anstatt sich gegenseitig die Zerklüftung de-s Judenthums zum Borwurf zu machen, sollten die Alten wie die Neuen redlich bestrebt sein, derselben durch entsprechende Mittel Einhalt zu thun— sollte ihnen das gemeinsame Interesse, sollte ihnen daS Kidnsch ha-schem höher stehen, als jede Losung der Partei. Wer weiß es nicht, daß eben diese „allgemeine Heili> gung des göttlichen Namens" der unverlöschliche u. allmählig zur herrlichen Lichtgarbe anwachsende Funken ist, welchen der Contact zwischen Vergangenheit n. Gegenwart erzeugen soll? die Verwirklichung des Kidusch ha-schem ist der den verschiedensten Bestrebungen des gegenwärtigen Judenthums zu Grunde liegende Gedanke. Kidusch ha-schem ist die Triebfeder unseres noch so verschieden gefärbten religiösen Ehrgeizes: eines Ehrgeizes, der, fern von jeder „Alleinseligmacherei," nur das zu erhalten u. zu verherrlichen bemüht ist, was in der Erziehung des Menschengeschlechtes die erste Rolle spielt. Mit einem Worte: Kkhi8ch ha-schem ist der Angelpunkt, um den ausschließlich die Pforte der Verständigung zwischen „Einst u. Jetzt" sich dreht. Die Heiligung des göttlichen Namens ist negativer u. positiver Natur; nach außen abwehrend, nach innen aufbauend. Nach außen gerichtet ist sie: die Vermeidung alles dessen, was nur irgendwie ein öffentliches Aergcrniß, den leichten Spott oder die schwerer wiegende sittliche Entrüstung erregen könnte. Nach innen gerichtet, hebt, veredelt u. verallgemeinert sie jene Tugenden, welche den Grundzug des judenthümlichen Charakters bilden: die Liebe zu den Menschen und den Drang nach Erkenntniß. Von dem Einzelnen kann die Heiligung des göttlichen Namens in ihrer ganzen Bedeutung nicht so leicht bethätigt werden; in dem Wirkungskreise des Jndividuum's tritt sie immer nur sporadisch auf. Wo sie aber mit unglaublicher Raschheit u. Spontaneität heimisch werden kann, das ist: die Genossenschaft, die Gemeinde. Das Individuum ist zu sehr abhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung, von seinem Talent, von seinem Geschicke; u. weil bei dem Einzelnen die Heilignng des göttlichen NamenS gleichzeitig zur Selbstheiligung führt, gelangen nur wenige, wahrhaft edle Menschen auf jenen sittlichen Höhepunkt. Desto leichter ist aber diese hohe Stufe für eine Gemeinde erreichbar. Jede Gemeinde ist, wie man so sagt, nur eine moralische Person, u. da dürfen wir schon das Epitheton „moralisch" auch wörtlich nehmen, ohne ihr hierin zu viel zuzumuthen. Jede jüd. Gemeinde sollu. kann, unbeschadet derGesinnungen ihrer einzelnen Angehörigen Kidasch ha-schem an ihr Banner schreiben, dieses Banner durch alle Kämpfe tragen, und nach erlangtem Siege auf dem Wahlplatz aufpflanzen. Für die Fehler des Einzelnen wird eine solche Gemeinde nie verantwortlich gemacht, aber die Tugenden des Einzelnen werden gewiß auch den Glanz u. Ruhm der Gemeinde erhöhen. Wohlverstanden hat die Gemeinde dergestalt nur Raum für das Gute, Schöne u. Fromme. Nicht die Großthaten Einzelner, auch nicht Decrete u. Konsistorien werden das Judenthum vor Zerklüftung bewahren, sondern — die Selbsthülfe der Gemeinde! Wo Kidusch ha-schem anpocht, dort weichen alle Riegel, dort öffnen sich alle THüren zum Einlaß, dort fallen alle Schranken der Unduldsamkeit n. der Partei, und— die kritischen Herren Wächter an den Schlagbäumen der alten u. der neuen Zeit lassen mit vergnügtem Gesichte die bannenden Ketten fahren. . . . Da« Märtyrerthum Nabbi Äkiba's eine historische Skizze von Kreisrabbiner I. Wiesner. In den letzten Jahren R. Akibas I brach der verhängnißvolle Aufstand Ben Cosibas aus, dem sich das Volk in Masse anschloß. R. Akiba, der wie man weiß, sich mit Hoffnungen ans eine baldige Umgestaltung der Dinge zu Gunsten der Inden trug, und stets die Worte des Propheten?) ,'So spricht der Ewige Zebaoth, es währt nur noch kurze Zeit und ich bringe in Aufregung Himmel und Erde Meer und Land, ich störe auf alle Nationen, daß sie mit ihren besten Schätzen hin nach meinem Tempel wallen" u. s. w. im Munde führte?) soll in der That den Helden Ben Cosiba als den erwarteten Messias anerkannt und von ihm das Heil des Judenthnmes und seine Befreiung von Feindes Hand erwartet haben?) Von einer direkten oder indirekten Theilnahme der Rabbinen am Aufstande oder am Kriege gegen die Römer kann kaum die Rede sein, denn diese waren durchgehends Männer des Friedens und nicht des Krieges. Haben wir es doch gesehen, wie theilnahmslos sich die Häupter der Pharisäer in dem blutigen Kampfe, welcher der Zerstörung des Tempels vorangegangen, und der freilich ganz gegen ihren Willen heraufbeschworen wurde, sich benommen haben. Ueberdieß scheinen auch die Gelehrten, wenn sie Anfangs einer Täuschung sich hingegeben, doch bald zur Besinnung gekommen, und das Unternehmen Ben Eosibas so wie den von demselben in Aussicht stehenden Erfolg in seinem wahren Lichte betrachtet zu haben. Für diesen Sachverhalt spricht schon die Sage, daß der gelehrte, besonders im Fache der Agadah sehr berühmte R. Eleasar aus Modin von Ben Cosiba der Verrätherei beschuldigt und muthwillig getödtet worden sei?) — Ob die vielen Reisen R. Akibas in die parthischen und kleinasiatischen Länder?) wie neuere Historiker wollen, sämmtlich in die Zei' seines höchsten Alters fallen und mit dem Aufstande in Verbindung stehen, ist mindestens sehr zu bezweifeln. Hingegen sind die vielen Jünger R. Akibas, nach der Braitha^) 12—14000 an der Zahl, welche in einem Zeiträume von wenigen Wochen, in den Frühlingsmonaten sammt und sonders ums Leben gekommen sein sollen, wahrscheinlich nicht an der Halsbräune gestorben, wie man später sagte um die Erinnerung an den Aufstand zn vertuschen, sondern auf dem Schlachtfelde gefallen, oder haben sie als Gefangene unter den Händen der Römer den Tod erlitten. Dasselbe Schicksal hatten auch ohne Zweifel, die zwer Söhne R. Akibas, die zwei oder noch mehrere Söhne R. Jsmaels, von denen berichtet wird, daß sie in ihrer Jugend das Leben verloren'^) Wäre es eine Seuche gewesen, der alle diese jungen Leute zum Opfer gefallen, warum hören wir von keinem der gleichzeitigen ältern Lehrer, daß er von dieser so wüthenden Pest hingerafft oder auch nur ergriffen worden wäre? — Für die jungen Gemüther gab es keine Alternative, war einmal der Kampf zum Ausbruche gekommen, waren die Würfel gefallen, so war es für sie auch unbedingt geboten Blut und Leben für die Freiheit des Vaterlandes einzusetzen. Der hartnäckige Widerstand der Insurgenten wurde endlich nach mehrjähriger Dauer des erbitterten Kampfes, durch die kolossale Macht der Römer gebrochen, Betar der Mittelpunkt der Insurrektion fiel (135) Hunderttausende des jüdischen Stammes hauchten ihr Leben auf den Schlachtfeldern aus, oder wurden von den entmenschten Siegern mit kalter Grausamkeit niedergemacht?) kein Geschlecht, kein Alter wurde verschont; aber gegen die Lehren als solche die blutgierige Rachsucht zu kehren, dazu gab es selbst für den wüthendsten Feind keinen nur immer denkbaren Grund. Die hochbetagten harmlosen Gelehrten, waren im Innersten ihrer Seele dem Aufstande ganz gewiß abgeneigt, sie hielten sich vom Kriegsschauplätze so viel als nur immer möglich fern, sie hielten es mit keiner Partei und brauchten es ihrem Stande nach, gen Sage, soll R. Akiba hundert und zwanzig Jahre alt gewesen fern als er daS Opfer der römischen Verfolgungssucht geworden. Srsri Ende. — * *) Ehaqai 2:6. — ') Synhedrin 97. b. — 4) Midrasch Echa zu 2; 4. — *') Daselbst. — °) Rasch ha Schana 26; a Baba kama 113, * U’T/Jebamoth 62; b. — °) Moed katon 21; b. 28; b. —’) Dio Cassius 69. 14. )' Etwa um 132 v. CH. Nach einer fteilich nicht ganz zuverlgss

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