Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 6 (15.3.1866)
- Date
- 1866-03-15
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 42 Noch einige Bemerkungen. über Saadia's 9t e l i q i o n s p h i l o s op h ic von Rabbiner Dr. A. Schmied! in Proßnitz. LNit wahrer Meisterschaft hat Herr Professor W es selch in Nr. 4 des „Abendland" es verstanden, in wenigen Zügen ein abgerundetes Bild von der Religionsphilosophie des Gaon Saadia Fajumi zu entwerfen, indem er mit kri tischem Scharfblick eben die Kardinalpunkte des saadianischen Systems herausfand und mit geschickter Hand znsammcntrug. Da Schreiber dieses seit Jahren mit ganzer Akribie der philosophischen Literatur der Araber sich zugewendet hat, so möge es ihm gestattet sein, dieser meisterhaften Skizze noch einige ergänzende Striche hinzuzusügcn. Sehr richtig bemerkt Herr Dr. Wessely, daß die saadianische Philosophie die bahnbrechende Vorläuferin derdritthalb Jahrhunderte später auftretenden maimonidischen Philosophie war. Höchst eigenthümlich jedoch bleibt es immerhin, daß die letztere kein Wort der Erwähnung, geschweige denn der Anerkennnng für diese ihre Vorläuferin hatte (vrgl. Dr. I. Frankel im Kercm Chemed VIII. 52), sondern immer nur dann andcutend auf dieselbe hinwies, wenn es galt, eine tadelnde Bemerkung darüber laut werden zu lassen. Eine höchst interessante, jedoch die Grenzen eines Journalartikels überschreitende Studie wäre es, eine Parallele zwischen der.saadianischen und der maimunischen Philosophie zu ziehen, um die Differenzpunkte, ebenso wohl wie die Coincidenzpunkte dieser beiden Systeme einander gegenüber zu stellen. Man würde dann finden, daß manche epochemachende Ideen, für deren erste Quelle man noch immer den „More" ansieht, in nuee bereits in dem Emunot we- Deot niedcrgelegt sind. Hier nur ein Beispiel von vielen. Man hat in neuester Zeit nachgewiesen, daß selbst die kantische Philosophie mittelbar — durch das Medium der Scholastik nämlich — aus dem „More" geschöpft habe. Denn wenn Kant in den „Vorlesungen über die philosophische Religionslehrc" S. 208, den Unterschied zwischen menschlichem und göttlichem Verstände darin findet, daß der Verstand Gottes intuitiv und daher allwissend, der des Menschen dagegen äi8eur8iv sei, so wollte man die Quelle für den ganzen kantischen Jdeengang in dieser Frage in More III, 19 entdecken (S. Joel, „Levi ben Gerson" in der Frankel'schen Monatsschr. 1861 S. 309) — man übersah jedoch, daß eben derselbe Gedanke, und fast wörtlich also wie im More, in Saadia's Emunot zu finden sei (S. Einl. pn' sS n'srian Sa Sas 'n* sran naa »Sa jnvn naa »Sa ajna n\Tti\ Noch ausführlicher, spricht Saadia hierüber II, 9. wo er, ebenso wie Maimuni, die Frage beantwortet, wie Gott das zukünftig sich Ereignende wissen könne, ohne dadurch eine Veränderung zu erleiden. Man vrgl. genau die Worte Saadia's mit denen Maimuni's a. a. O. und ebenso mit den Worten Iben Roschd's, angeführt im More Ha-Morc ID, 19). Der Helle philosohische Blick Saadia's bewährte sich auch in seiner Bibelauffassung, wo er zuweilen unbefangener vorgeht, als selbst das mächtige Genie Maimuni's. Denn während dieser letztere z. B., befangen in der aristotelischen Meinung von der Belebtheit der Sterne, den Psalmvers: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes," in ganz buchstäblichem Sinne fassen zu müssen glaubte (More II, 5 und ebenso auch Abraham Ibn - Dauä, Emuna Rama ed. Weil S. 56), hatte schon Saadia diesen Vers als metaphorische Rede (SsnSs |saS) erkannt (Emnnot II, 8.) — Wenn ferner Maimuni die jesaianischen Weissagungen von der Schöpfung eines ' neuen Himmels und einer neuen Erde" allegorisch auf die politische Wiedergeburt des Staates bezieht (D. c. D, 29), so ist ihm schon Saadia hierin vorangegangen (Emunot VII, 1.) Ueberhaupt sind die von Saadia aufgestellten Normen für die allegorische Schriftdeutung maßgebend geblieben für alle Nachfolger, selbst bis auf Mendelssohn herab (Vrgl. hierüber meinen Aufsatz „Zur Gcsch. der allegorischen Schriftauslegung" in der Frankel'schen Monatsschr. 1865 S. 604 s. f.) Saadia's Ansicht über den Satan im Buche Hiob zeugt jedenfalls von einem sehr rationellen Sinne, wenn auch Ibn- Esra (Comment. zu Num. 22, 22) dieselbe bekritelt. — Anderseits jedoch müssen wir es wahrheitsliebend bekennen, daß der von uns so hochverehrte Weltwcisc aus Fajum neben seinen oftmals so lichtvollen und wahrhaft philosophischen Tiefblicken auch eine Reihe von Ansichten besitzt, die noch ganz primitiver Natur sind — was aber freilich seiner Rcligionsphilosophic eben jenes Gepräge der Jugendfrische und Ursprünglichkeit gibt, das den denkenden Leser des Emunot we- Deot so wohlthuend anmuthct. So z. B. kennt Saadia noch nicht den Begriff der vollen Jmmaterialität, außer bei dem Wesen Gottes. Die Seele ist ihm eine ätherische Materie. „Warum sehen wir die Seele nicht in dem Momente, wo sie den Körper verlässt? Weil sie klar und durchsichtig ist wie die Luft." Der Engel, den Gott sendet, zwischen Seele und Körper zu scheiden, ist von der Gestalt eines ticfgrüncn Feuers, nur die Augen des Engels sind von anderer Farbe, da sie sich sonst von der übrigen Gestalt nicht abhebcn würden. (VI, b.) Eben so primitiv ist seine, von den Mutakallimun auf ihn überkommene Ansicht von der Belohnung der Thiere im Jenseits. „Mit welchem Rechte dürfen wir dem Thiere durch das Schlachten einen Schmerz bereiten? Dasselbe wird im Jenseits Ersatz für diesen Schmerz erhalten" (III, 10.) — In der sonst sehr trefflichen Uebersetzung voi^Dr. Fürst, die mir aber jetzt nicht vorliegt, ist diese letztere Stelle, wie ich mich zu erinnern glaube, in anderem Sinne anfgefasst, doch ist die Richtigkeit meiner Auffassung durch viele Belegstellen zu erweisen. Ganz zutreffend hebt Herr Dr. Wessely hervor, daß Saadia die Kenntniß der Seele als den Ausgangspunkt aller Philosophie erkannte. In der That ist dieß ein Gedanke, der die ganze mittelalterliche Philosophie durchzieht. Ibn Esra sagt: iS na naan ,ni>BJ ns aisn jrv sS as — Ein arabischer Spruch lautet: nan spjr npa naa: spy je. Ebenso schreibt Jkkarim III, 6: -|^aa n «ja ans aan aas n: Syi "isma jnm. Dasselbe hat auch Akeda, Pforte 86: SSa 1“vti ns mnS nxm nyaj ns Tan sSt? 'b Sy anan :aarrn nas vnSs (Mosne Zedek, pag. 28): ms ja a'aann ins nasi ■pnSs jnn *]tyaj jn. Daß Saadia die Seelcnwauderung bekämpft und als einen Irrwahn darstcllt, ist in der That sehr bcmerkenswerth. Nur hat es den Schreiber dieses sehr befremdet, daß Herr Professor Wessely hinzufügt: „obschon in Talmud und Midrasch, an vielen Stellen auf niatwn . SuSj hingewiesen wird." Es muß in diesem Passus nur irgend ein lapsus ealami vorwalten, denn in der That wird man in der ganzen großen Literatur der beiden Talmude und der Midraschim auch nicht eine einzige Stelle auffinden, in der von Seelenwanderung die Rede i st. Menasse ben. Israel, dieser eifrige Parteigänger der Metempsychose, will wohl eine einzige Belegstelle Nachweisen (s"» 'b ", nasa rnn na^:). Allein selbst diese Stelle ist weit eher als Beleg gegen die Seelenwanderung zu fassen. Hätten übrigens die Altrabbinen die Seelenwandernng gekannt oder auch nur im Entferntesten gläubig in sich ausgenommen, sie würden dann sicherlich diese der Phantasie so großen Spielraum gewährende Materie — ebenso wie dieß bei den Themen von der Auferstehung, dem Messias, dem Gan Eden und Gehinom der Fall ist — so vielfach ausgesponnen haben, daß nicht erst mit der Lupe nach derselben zu suchen gewesen wäre. Der Reisebeschreiber Benjamin aus Tudela spricht von der Seelenwanderung, als einem wie es scheint zu sei ner Zeit in Israel noch ganz ungekannten höchstsonderbaren Aberwitz, den er bei den Drusen angetroffen. Es würde uns hier zu weit führen, alle die indischen