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Das Abendland · 1866-03-01 · 5 (1.3.1866) · p. Seite 34

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
5 (1.3.1866)
Date
1866-03-01
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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34 spielungen oder Persönlichkeiten in seinen Vorträgen. Da die Gemeinde, an die er sein Wort richtet in der Regel nicht so überaus zahlreich ist, so macht ihm gerade die genaue Kenntniß des Charakters und der persönlichen Verhältnisse der einzelnen Mitglieder, so nützlich sie ihm in manch' anderer Beziehung ist, in der Predigt die strengste Achtsamkeit zur Pflicht, damit er nicht verfalle, ich will nicht sagen, in einen Fehler, der seines Charakters und seines Amtes unwürdig wäre, was wir nicht einmal vermuthen wollen, sondern selbst nicht in den Argwohn, als wolle er mit seinen Worten nicht so sehr das Laster und die Schuld überhaupt als vielmehr gewisse schuldige und lasterhafte Persönlichkeiten treffen. Der Boden ist äußerst schlüpfrig und voll bedeckt mit Schlingen, welche dem Prediger gelegt werden von der allzusehr vorherrschenden Sucht, überall eine Lockspeise. für die Verleumdung und Koth, um ihn ins Gesicht eines Gegners zu schleudern, aufzusuchen, von der Böswilligkeit und dem Partheigeiste, deren Ziel zumeist der Prediger selbst ist. Die Linie, welche eine leidenschaftslose, allgemeine und dennoch den Bedürfnissen der Zuhörer entsprechende Zurechtweisung von jenen, wenn auch nicht persönlichen doch nicht genug vorsichtigen und daher zu mißliebigen Auffassungen und Deutungen^Anlaß gebenden trennt, ist eine gar feine oft kaum merkliche. Es ist überflüssig zu bemerken, daß eine absichtliche Anspielung in einer Predigt auf bestimmte Personen und bestimmte Thatsachen, und geschähe sie auch in guter Absicht und mit aufrichtigem Eifer, nicht bloß eine Unklugheit, sondern eine Mißachtung jener Principicn des Wohlwollens wäre, welche wohl gcbiethcn, die Sünde zu verfolgen, den Sünder aber mit Nachsicht zu behandeln. Wenn nun vollends wirklich der Haß und die Rache die Triebfedern solcher Anspielungen wären, so würde der Prediger dadurch die Kanzel entweihen, indem er sie in eine Arena für unehrenhafte Kämpfe verwandelt, er würde das göttliche Wort beflecken, indem er es als Mittel zu unwürdigen Leidenschaften und feigen Beschimpfungen benützt. Hingegen myß mit.Genauigkeit festgesetzt werden, was unter Anspielungen zu verstehen sei, weil auch in dieser wie in andern wichtigen Fragen, die Dummheit, die Böswilligkeit und die Unwissenheit miteinander wetteifern, um nur die Begriffe zu verdrehen und die Thatsachen zu entstellen. Ein Prediger, der gegen Laster und religiöse Ueberschreitungen eifern würde, von denen seine Gemeinde frei ist, gliche einem Arzte, der eine Krankheit zu heilen suchte, mit welcher der seiner Sorgfalt anvertraute Patient durchaus nicht behaftet ist. Daraus folgt, daß der Prediger nacb den in seiner Gemeinde herrschenden Lastern und Fehltritten forschen müsse, um jene zu verdammen und gegen diese offen aufzutreten. Mag der Schuldbewußte sich immerhin getroffen füh len, aber er kann sich nicht beleidigen, da der Tadel nicht auf ihn speziell gerichtet war, und auch nicht gegen seine Person losgezogen ward. Es kann dabei Vorkommen, ich will es nicht in Abrede stellen, daß der Prediger, indem er die religiösen und moralischen Verhältnisse der Gemeinde darstellt, in allzutreuen und lebhaften Zügen zeichnet, so daß mancher Zuhörer sich selbst oder andere in dem Bilde erkennt. Allein das hängt schon nicht mehr von dem Willen des Predigers ab, sondern von der Unmöglichkeit einem Uebelstande zu entgehen, ohne in einen weit schlimmern zu verfallen, nähmlich in den, daß er nur unnütze ideale Bilder zeichnet, die, .um keinen einzelnen zu verletzen, alle verletzen müssen. Es ist unmöglich, daß die Eindrücke, die dem Redner Erfahrung und Kenntniß der Menschen von deren Fehlern und Schwächen zuführen, ohne allen Einfluß auf seine Worte bleiben sollte. Der Spiegel, der die Bilder wiedergibt ist unschuldig daran, daß jeder Vorübergehende darin gen Versprechen gemäß, um fernere Beiträge in seiner Muttersprache für unser Blatt; jedoch wolle er Nachsicht üben, wenn die Uebersetzung nicht immer die Schönheiten des Originals vollständig wiederzugeben im Stande ist. Es ist dieß das Loos aller Uebersetzungen. Die Redaktion. sich selbst erkennt — und wenn das Bild ein häßliches, entstelltes ist, was kann der Spiegel dafür? — Anderseits kömmt es häufig vor, daß ein fertiges Kleid, das gar für kein bestimmtes Individuum gemacht wurde, einem Menschen ganz vollständig paßt. Hat ihm deßhalb der Schneider das Maaß dazu genommen? Die Anspielung hängt hauptsächlich von der Abficht des Predigers ab. Diese gibt sich deutlich kund, wenn ein einzelnes Individuum mit solcher Genauigkeit mit solchen Farben, mit solchen charakteristischen nur der bestimmten Person eigenen Zügen gezeichnet ist, daß alle Augen sich unwillkührlich auf jenes Individuum richten, alle Anwesenden einstimmig in ihm das Original des Bildes erkennen, und ein allgemeines „Er ists" allen Lippen entschlüpft. Wenn hingegen der Redner bei Begründung eines Princips, ein anderes von andern für wahr von ihm selbst für irrig gehaltenes Princip bekämpfen muß, so könnte man dieß vernünftiger Weise nicht eine Anspielung nennen, wenn auch zufällig der Vertheidiger dieses Princips dem Auditorium eine bekannte Persönlichkeit wäre. Hier würde ein Princip dem andern, nicht eine Person der andern entgegcngcstellt, hier würde bloß das Gift durch Gegengift unschädlich gemacht. Das bisher Gesagte überhcbt uns der Nothwendigkeit, dem Jrrthume jener entgegenzutreten, die auch die freimüthige Darstellung unbestreitbarer Wahrheiten und unbestrittener Thatsachen in der Form von abstrakten Grundsätzen als Anspielungen betrachten. Wenn der Redner um ein Beispiel zu geben, die Tugend lobt und das Laster geißelt, sind schnell manche bereit zu rufen: Er hat gegen den oder gegen die gesprochen. Mein Gott, antworte ich, ist es wahr oder nicht wahr, daß jene Tugend empfehlenswerth, jenes Laster verabscheuungswürdig ist? — Wenn der Redner selbst in allgemeiner Weise nicht einmal das Gute loben, das Böse verdammen darf, wenn ihm sogar das ausgesprochene Bedauern über gewisse moralische Krankheiten, die er gerne heilen möchte, und zu diesem Zwecke deren genaue Diagnose stellt, ohne zu ungerechten und thörichten Deutungen Anlaß zu geben, als persönliche Beleidigung und Anspielung abgerechnet wird; so sperre man ihm gleich ohne Umwege den Mund, entziehe ihm das Wort, und schaffe das Predigen gänzlich ab, oder man führe eine Präventivzensur gegen die Predigt ein, der sich jeder Redner, uneingcdenk der eigenen Würde, zu unterwerfen habe, und unter deren unbarmherzigen Scheere wird nicht nur jede wirkliche beabsichtigte Anspielung, sondern auch jeder mißliebige Vorschlag, jeder etwas energische und scharfe Ausdruck, jeder den beschränkten modernen Anschaungen widerstrebender Begriff schonungslos fallen. Wozu die Verstellung? — Es sind dieß nur Ausbrüche des Zornes gegen jeden, der es wagt die volle unverhüllte Wahrheit auszusprechen, es sind indirekte schmähliche Mittel, um die so verhaßte Redefreiheit, der man auf diese Weise einen erbitterten Krieg erklärt, zu zähmen, es ist nur eine List, um den armen Redner in die qualvollste Lage zu versetzen, daß er nun gar uicht weiß, was er sagen oder nicht sagen darf, daß er zuletzt mit Jeremias (XX. 9) ausrufen muß. „Ich will nicht mehr seinen Namen nennen, ich will nicht mehr in seinem Namen sprechen", denn ihm, wie dem trauernden Propheten, bringt das Wort Gottes nur Schmähungen und Kränkungen (ibid. v 8.) Ich weiß wahrlich nicht, wer mehr zu tadeln sei, ob der Redner, der das Wort mißbrauchend sein heiliges Amt beschmutzt mit nicht genug zu verdammenden Anspielungen, oder derjenige, der solche in jeder Predigt herauszufinden sucht, um entweder dem Redner Feinde zu verschaffen, oder den Ramen eines Nebenmenschen anzuschwärzen, den sie von der Predigt getroffen glauben, weil die Menschen meistens Luxenaugen für die Fehler anderer haben, und blind sind, wo es sich darum handelt die eigenen zu erkennen. Verachtungswürdiger als beide ist jedenfalls derjenige, der sich m übermüthigem Trotze als des Redners Zielscheibe betrachtet, und sich mit cynischer Unverschämtheit zu den Fehlern be-

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