Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 4 (15.2.1866)
- Date
- 1866-02-15
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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31 christlichen Kaufleute in jenen Strassen, durch welche der Leichcnzug ging, schlossen ihre Läden. Auf dem Gottesacker wurden Trauerreden in deutscher, französischer und griechischer Sprache gehalten. Dieser ausgezeichnete Verstorbene, den der Tod plötzlich in seinem 47. Lebensjahre hinraffte, huiterlaM 8 unmündige Waisen ohne alle Mittel zu ihrer Versorgung. Seine vielen Freunde sind nun^ bedacht dieser armen unglücklichen Familie eine ehrenvolle Existenz zu verschaffen. Eine zu diesem Zwecke eingeleitete Geldsammlung hat bereits in wenigen Tagen 1600 Dukaten zu Stande gebracht, und ist noch mehr zu erwarten. Auch die Regierung wird in Anerkennung der dem Staate geleisteten Dienste und der unermüdlichen Thätigkeit während der Choleracpidemie, wodurch vr. Ellbogen sich auszeichnete, seinen Kindern eine Pension bestimmen. Smyrna. Der Großrabbine Chaim Batash hatte sich beim Ausbruche der Cholera geflüchtet, und wurde nun wegen dieses unwürdigen Schrittes von der Presse hart mitgenommen. In einem Schreiben an die Redaktion des Univcrs Israelite entschuldigt der Rabbi seine Abwesenheit, die übrigens nur einige Tage währte — Damit, daß er die Stadt verlassen musste, um bei den reichen Israeliten, welche aus Furcht vor der Cholera die Flucht ergriffen, Geld für die unglücklichen Armen zu sammeln, da er aller Hilfsmittel entblößt war. Ohne diese Reise hätte er den Kranken, die in den Spitälern schmachteten keine Hilfe leisten können. „Seit einer Reihe von Jahren, schreibt H. Batasch weiter widmete ich mein ganzes Leben dem Dienste Gottes, der Nächstenliebe und der Unterstützung und Hilfeleistung der Unglücklichen. Wenn ich eine kurze Zeit Smyrna verließ, so geschah es bloß um der Sache der Humanität bessere Dienste leisten zu können. Corfn. Der ehemalige griechische Gesandte in London jetzt Mitglied des Parlaments. H. Tricupi hat in einer warmen gediegenen Rede für die weitere Genehmigung der von der frühern Regierung der jonischen Inseln den israelitischen Schulen zu Corfu gewährten Subvention im Betrage von 3750 Frcs. gesprochen. Der Redner hob rühmend den Enthusiasmns hervor, mit welchem die Unabhängigkeit der Inseln von der jüdischen Bevölkerung begrüßt wurde, und entwickelte in glänzender Beredsamkeit die Principicn der Freiheit und Gleichheit aller Söhne desselben Vaterlandes. Er vertheidigte unsere Glaubensgenossen gegen die Angriffe zweier Deputaten, welche die böswilligsten Insinuationen gegen die Juden in die Debatte brachten. Das Parlament machte die liberalen Ansichten des H. Tricupi zu den seinigen und genehmigte bie Subvention im Sinne des Antragstellers. Eorriere Israelit.) Paris. Das Schreiben eines französischen M i n i st e r s. Die Pariser „Archives israelites“ veröffentlichen folgendes Schreiben des Grandrabbin des israelitischen Konsistoriums in Paris an den Minister des öffentlichen Unterrichts: „Paris 24. Jänner 1866. Herr Minister! Ich habe mit tiefem Interesse die Geschichte von Frankreich", deren Verfasser Sie sind, und die jüngst in den Kommunalschulen eingeführt worden, gelesen; auch die Jugend wird sie mit Vergnügen lesen und mit Nutzen studiren. Je ausgezeichneter aber das Buch ist, desto peinlicher war es mir, eine Phrase darin zu finden, die Ihren gewohnten Anschauungen gar nicht entspricht, und auf welche ich mir, H^^^nistcr, Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit zu lenken dw Freiheit nehme. In der Erzählung der Verhaftung der Hcrzogm von Berry heißt es nämlich: „Ein Jude verkaufte sie. Dufts Wort „Jude", im Berichte über eine so infame Handlung klingt sehr übel in einem Buche, das vorzüglich für Kinder bestimmt ist, und kann erloschene Vorurtheile wieder erwecken und Hebet stiften. Alle Religionen, das wissen Sie, Herr Minister, verdammen den Verrath mit gleicher Energie, und keine ist solidarisch verantwortlich für die Verbrechen, die einer ihrer Bekenner begeht. Ucbrigcns war Deutz, zur Zeit, als er den Verrath beging, gar nicht mehr Jude, er hatte schon lange vorher, in Gegenwart sogar der Herzogin von Berry, seinen Glauben abgcscbworen. Ich kenne, Herr Minister, ihren gerechten und toleranten Sinn. Ihr ganzes Leben gibt Zeugniß davon, und ich bin überzeugt, Sie werden mir Dank dafür wissen, daß ich Ihnen diesen Jrrthum signalisirt habe, den Sie eben so sehr wie wir bedauern. Genehmigen Sic Herr Minister, oc. oc. Der Großrabbiner des Pariser Bezirks. L. Isidor." Noch am selben Tage, als dieses Schreiben abgeschickt wurde, erhielt der Großrabbiner Isidor folgende Erwiderung aus dem Kabinet des Ministers des öffentlichen Unterrichts: „Herr Grandrabbin! Ich gebe meinem Verleger die Ordre, das Wort, das Sie mir bezeichnen und das in einem ähnlichen Buche keinen Platz hätte finden sollen, zu beseitigen. Es ist in förmlichen Widerspruche mit meinen Gewohnheiten beim Unterricht. Ich habe während meines 30jährigen Professoratö niemals aufgehört, meinen Schülern die Ungerechtigkeit jener Vorurtheile zu zeigen, welche die Jahrhunderte gegen einige unserer Mitbürger zurückgclassen haben, und nachzuweisen, daß, wenn gewisse Kategorien zu' gewissen Zeiten auch verdiente Vorwürfe tragen mußten, dies nur von einer ungerechten, vcrabschencnswerthcn Gesetzgebung herrührte, die ihnen eine ganz besondere Lebensweise zur Nothwcndigkeit machte. Die Geschichte der Juden war für mich immer eine Gelegenheit zu zeigen, wie abscheulich die Unterdrückung ist, und wie schlimme Gesetze schlimme Gewohnheiten erzeugen — Shylok ist wohl weniger schuldig als Venedig. Genehmigen Sic, Herr Grandrabbin, die BersT cherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung B. Duruy. Locale und auswärtige Neuigkeiten. Prag. 4. Feber. In der heutigen Generalversammlung der hiesigen Tempelgemeinde, war die Frage über Neubau oder Umbau des gegenwärtigen Tempels lebhaft besprochen. Nachdem Herr vr. Braun, Sekretär, eine historische Skizze dieses Gebäudes entworfen, wobei er unter Anderem erwähnte daß 1389 eine an dieser Stelle gestandene Synagoge eingeäschert wurde, stellte das bisherige Eomite den Antrag den Tempel auf einen andern Ort zu übertragen und schlug vor in der Röhrgasfe einen zu einem Neubau erforderlichen Grund anzukaufen. Der Antrag wurde mit 21 gegen 13 Stimmen verworfen und der Umbau des Tempels, nach den vom Baumeister Ullmann angefertigten und behördlich bereits genehmigten Plänen beschlossen, sobald das neu kreirte Finanzkomite die nöthige Bausumme wenigstens annähernd herbei geschafft hat. Reichenberg. Das hicsigeStadtverordneten Collegium hat in der Sitzung am 8. d. den ersten Israeliten, die sich an dasselbe mit der Bitte um Aufnahme in den Gemeindeverband von Reichenberg gewendet hatten, den Herren S. Liebitzky Vorsteher der isr. Cultusgcmeinde und I Deutsch das Zuständigkeitsrccht nicht gewährt. Nebenbei sei bemerkt, daß Reichenberg eine ultradeutsche Stadt ist und der commercielle Verkehr derselben mit den Juden der ganzen Monarchie ein großer ist. Wien 10. Feber. Heute fand im leopoldstädter Tempel im Beisein der gesammtcn Gemeindevertretung, des vr. Jellinek und vieler Notabilitäten die letzte Probepredigt statt. Sie wurde gehalten vom großherzoglich darmstädtischen Oberrabbiner I)r. Landesberg. Der Redner wählte als Text seines Vortrages den 20. Vers des 2. Buches Moses 23 Kapitel: „Sieh ich schicke einen Engel vor Dir her, Dich zu hüten auf dem Wege und Dich zu bringen an den Ort, den ich