Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 3 (1.2.1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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20 vielen des Volkes als eine Bühne betrachtet und angesehen wird, ihrer oratorischen Gaben wegen zu reüssiren. Das Talent brauchte nicht erst durch Marktschreier die Aufmerksamkeit der Bewunderer auf sich zu ziehen, es wurde vielmehr von den Freunden der Kunst und Wissenschaft ausgesucht, selbst wenn es nie aus seinem Verstecke in die Öffentlichkeit hinauszudriugen versucht hatte. Auch der Amsterdamer Gemeinde blieb zur Besetzung ihrer Rabbinerstelle kein anderer als der in Rede stehende Weg übrig, nämlich mittelst OyAipb ihren künftigen Seelsorger acceptiren zu lassen. ES wurden daher zu diesem Behufe zwei achtbare sehr gelehrte Männer nach Polen, dem Lande wo in früheren Zeiten das Studium des Talmuds mit besonderer Liebe und unvergleichendem Fleiße und Ausdauer gehegt und gepflegt wurde, sofort entsendet. Kaum waren die Sendboten in Polen angelangt als sie eines Alands in die Lage versetzt wurden in einem Dorfe zu übernachten, da es schon spät war und die nächste Stadt wohin zu kommen sie sich eigentlich bestrebten, einige Meilen von ihnen noch entfernt lag. Als sie so die öde stnstere Strasse passirten, bemerkten sie in einer erbärmlichen Hütte ein Lichtchen, das ihnen in der Finsterniß entgegen funkelte und ihnen gewissermaßen als Wegweiser diente. Sie näherten sich diesem famosen Palais und siehe da, es saß noch in später Nacht darin ein junger Mann lernend, denkend, forschend und vertieft in den Folianten des Talmuds. Sie begaben sich sofort in das Gemach des jungen Gelehrten, um den Abend durch talmudische Discussionen sich verkürzen zu können. Der junge Mann nahm die eintretendcn Gäste, von deren Mission er wohl keine Ahnung haben sonnte, daher sie ihm vorläufig eine terra ineoZvita war, sehr freundlich auf. Kaum weilten sie einige Minuten in einer Nähe als sie sich mit ihm in eine talmudische Dialektik einließen, und wie verwundert standen die Deputaten Amsterdams, als sie in dem jungen Talmudisten jenes unbedeutenden Dorfes mxn x?x tnxn nx 122a cnpen ab Dlpen nx einen Dialektiker ja eine talmudische Capazität erblickten, desgleichen eS in Deutschland trotz der vielen Jeschibot sehr wenige gegeben haben mochte. Sie fanden nicht Worte genug um ihrer Befriedigung Ausdruck zu verleihen. Am andern Morgen nach dem Gebete haben nach einer zweistündigen Besprechung die beiden „Sendboten" den Beschluß gefaßt ihre Reise nicht weiter sortzusetzen, sondern den jungen Gelehrten des Dorfes, bei dem sie die ganze Nacht zubrachten, zum Rabbi der Amsterdamer Gemeinde zu ernennen. Wie unaussprechlich groß mußte wohl die freudige Ueberraschung gewesen sein in dem Momente als die DYtSltPö Amsterdams dem jungen Manne, der Zebi Aschien asi hieß, den Zweck ihrer Reise nebst ihrem Vorhaben, nähmlich ihn zum Amsterdamer Rabbiner zu ernennen, mittheilten! R. Zebi ließ jedoch in seiner Klugheit seine freudige Ueberraschung nicht im Entfernsten merken, er benahm sich vielmehr kalt, ruhig, takt- und würdevoll während der ganzen Verhandlung. Er acceptirtc alle an ihn gestellten Punkte, jedoch verbot er sich die seit Jahrhunderten im Judenthume üblichen m:riö Geschenke. — So bekam Amsterdam eine talmudische Größe zum Rabbiner, ohne daß man jedoch früher wochenlang in den Tagesblättern über abgehaltene Probepredigten über kräftige wohlklingende oder kurzathmige Organe zu lesen bekam. Diese alte Verfahrungsweise bei Besetzung einer Rabbinerstelle dürfte heute noch trotz aller Cnltur und Bildung vielen Gemeinden als Muster dienen. Rabbi Zebi Aschkenasi wirkte segensreich mit Takt und Würde eine lange Zeit in Amsterdam bis er endlich seines bedeutenden Rufes wegen, den er sich seiner eminenten Gelehrsamkeit und seines gediegenen Charakters wegen erworben hatte, von der Lemberger Gemeinde zum Oberrabbiner ernannt wurde, welchem Rufe er auch bereitwilligst folgte. In Lemberg beschloß er am zweiten Jjor 3. Mai des Jahres 6478 (1718) sein ruhmreiches Leben. Sein Sohn Rabbi kIaob Emden, der ihm im Jahre 5456 (1696) in Altuna, bwo er sich eine kurze Zeit mit seiner Familie aufhielt, georen wurde, war ebenfalls eine talmudische Capazität und ein besonderer Eiferer gegen die Sal'batüer, so daß er im Rausche seiner Eifersucht selbst den großen Rabbi Jonatan Eibenschütz unschuldiger Weise verdächtigte und verunglimpfte Am ersten Jjar 19. April des Jahres 5536 (1776) verließ R. Jakob seine irdische Laufbahn. R. Zebi Hane auch eine Tochter und diese war so glücklich Mutter von zwei gelehrten und sehr berühmten Rabbinen zu sein. Ein Sohn war Rabbiner in Amsterdam dessen Name R. Schaul war, der andere hatte daS Berliner Rabbinat inne und hieß R. Hirsch. Rabbi Zebi Aschlenafi verfaßte Responsen, die unter dem Namen „Schalet uteschubot Chacham Zebi“ bekannt sind. Rabb. Ilr. M. H. Friedlünder. Lemertmng. Die Rüge des wackern H. ReligionslehrerS vr. Adler in Betreff des Zeugencides hatte ich mehrere Mal bereits ausgesprochen. Einmal als ich Philippsons Religionswcrk in der Z. d. I. reccnsirte, und S. 165 der zweiten Abtheilnng beanstandete, wo es heißt 4) der Zeugcneid (Rambam M. T. H. Scheb. Absch. 1 vgl. unser Bibelw. Th. 1. S. 414 der ehrliche Philipps, nahm diese Rüge in seine Zeitung auf,und dann in Hilb: illust. Monatsh.S. 473. 8uuin cuipue. Dr. M. Dnschak. Correspondenzen. A. Postelberg. Am Rüsttage des Monats Schwat's fand hier nach nenn Jahren wieder einmal das Verünigungsfeft der Obevra-kaämcba statt. Unsere Chevra (Bcerdignngsbrüderschaft) soll nach altem Herkommen alle drei Jahre eine sogenannte „Sude" abhalten und dabei die Angelegenheiten des Vereines verhandeln und ordnen. Warum dies seit nenn Jahren vernachläßigt worden, — weiß ich nicht; daß cs aber in diesem Jahre zu Stande kam, hat seinen Grund darin, daß seit dem Amtsantritte unseres Rabbiners, Herrn Vr. Mühsam, das Interesse für ein Gemeindeleben in unserer Mitte geweckt erscheint und bei jedem Einzelnen in dem Bestreben sich äußert, zur Hebung der Gemeindezustände sein Schürflein beizntragen. So ist unter Anderen das ad acta gelegte Projekt, einen neuen Tempel zu bauen, wiederum hervorgenommen und soweit gediehen, daß ich den Ban fast mit Gewißheit prognostiziren kann; ebenso sind statt der Statuten, die unserer Obevra schon vor 71 Jahren traditionell Übermacht worden sind, neue versaßt, und statt der alten „Tekones“ für das rituelle Gebühren bei Todtenbestattnngen ebenfalls neue, dem Geiste der Zeit angemessene Bestimmungen eingeführt worden. Die Feier des Tages, an welcher sich fast sämmtliche auswärtigen Mitglieder betheiligten, begann um 12 Uhr mit einer Predigt des Herrn vr. Mühsam, die die Zuhörer derart aneiferte, daß wenige Stunden daraus, die Tendenz unseres Vereines in eine neue Phase getreten. Die Rede behandelte das Gemilath-Chassadim und die Bedeutsamkeit desselben in der Entwicklungsgeschichte Israels. Das G.-Ch., wie cS nach den Statuten des Vereines bisher in der unentgeltlichen Heilung armer Kranken und in der Bestattung der Todten an den Tag trat, ist aber kein vollständiges, wenn es nicht auch nach einer dritten Seite hin seinen Lebensnerv bewährt: höher als die Heilung der Kranken steht die Heilung—der Armuth nach dem bekanntenGrundsatze "121 xvLN '">2. Am Nachmittage wurde einstimmig beschlossen, erstens, daß innerhalb des Vereines ein Armenfond gebildet wird, dessen Zinsen ausschließlich den Armen zufallen und zweitens,