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Das Abendland · 1866-02-01 · 3 (1.2.1866) · p. Seite 19

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
3 (1.2.1866)
Date
1866-02-01
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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19 darf selbst ein mosaisches Verboth übertreten werden." Daß dabei nur an ein Ceremonialnicht an ein Moralgejetz gedacht wird, ist selbstverständlich, und auch in diesem Falle muß ein wirklicher Conslikt gleichsam eine Collision der Psitchten vorhanden sein, wegen einer bloß äußern Förmlichkeit darf ein positives Gesetz nicht umgangen werden. „Ich will, sprach Rabbi Akiba, lieber mein Lebenslang für einen Narreu bei den Menschen gelten als eine stunde vor Gott als Sünder erscheinen." Bon Bedeutung für die richtige Auffassung und praktische Anwendung unseres Themas sind die Ausdrücke, die der Talmud gebraucht nnirt “H33. „Ehre der Menschen" — px *pr. „Sitte des Landes" sie zeugen deutlich, daß aus die jeweilige Anschauung der Zeit, aus die verschiedenen Sitten der Völker und Länder Rücksicht zu nehmen und jeder Anstoß in dieser Richtung nach Möglichkeit zu vermeiden ist. Wie vielmehr hat der Anstand seine Berechtigung da, wo er kein Ausgebcn einer religiösen Borschrist verlangt, sondern im Gegentheile nach den Begriffen einer vorgeschrittenen Cultur, nach den Altschauungen einer aufgeklärten Zeit zur Erkrästigung und Festigung des religiösen Sinnes beitrügt, wo er gerade im Interesse der Religion in den religiösen Institutionen selbst seine Geltung in Anspruch nimmt. Die Erkenntniß dieser Wahrheit ist besonders wichtig bei der Regelung und Verbesserung des öffentlichen Gottesdienstes, die häufig in unserer Zeit zu Zwiespalt und Unfrieden in den Gemeinden Anlaß geben, und einen Principicnkampf hcrbeisührcn, der oft nach beiden Seiten hin das Maaß überschreitet. Für die ältere Richtung, die mit Zähigkeit an dem Hergebrachten hängt, ist der Nachweis wichtig, daß manches Hergebrachte, zur Gewohnheit und Brauch erstarrte, mehr mittelalterlich als alt zu nennen sei, daß die alten religiösen Quellen gegen sie sprechen, daß sich der wahrhaft fromme Jude durch die Abschaffung von Mißbräuchen, die sich im Drange der Zeiten in den Cultus eingeschlichen, unmöglich in seinem Gewissen beengt und bedrängt fühlen könne. Der neuern Richtung ist wiederum die nachdrückliche Empfehlung nicht überflüssig, bei ihren Bestrebungen nur die Befriedigung wahrhaft religiöser Bedürfnisse ins Auge zu fassen, und sieb niemals von Eitelkeit, Schaustellung und Nachäfferei leiten zu lassen. Beiden Partheien ist innige Pietät für den Glauben der Väter und aufrichtige Friedliebe zu wünschen. Nur unter diesen Bedingungen ist der Fortschritt heilsam und wirksam, nur so trägt er in sich den religiösen Vefruchtnngskeim für künftige Generationen. Wir haben nun den Brief des Freundes, dessen Genesis in dem Costume des Vorbcters zu X zu suchen ist, nach schwachen Kräften beantwortet. Qb die Antwort den Freund befriedigt, das ist feine Sache. Ob unsere Uebcrzeugung die wir über den behandelten Gegenstand anssprachcn die richtige ist, sei dem Urtheilc des gebildeten Lesers überlassen. K. Zebi Äschtrenasi. Einer der genialsten und geistreichsten Männer des vorigen Jahrhunderts, der in des Wortes reinster und edelster Bedeutung eine Zierde Israels genannt zu werden verdiente, war Rabbi Zcbi Aschkenaft aus Wilna, dessen gefeierte Name heute noch am Horizonte der rabbinischcn Literatur als Stern erster Größe hclllcnchtct. Rabbi Zebi war der Sohn unbemittelter Eltern, nichts destoweniger ließen ihn seine geliebten Eltern schon frühzeitig, wie dies bis vor wenigen Dezcnien in Israel allgemein üblich war, im Talmud und dessen einschlägigen Werken von tüchtigen Talmudisten Unterricht ertheilen. Seiner Mutter, der Tochter des seines reinen biedern und wackern Charakters, seiner immensen Gelehrsamkeit und seiner seltenen ungeheucheltcn Frömmigkeit wegen in der talmudikchen Welt berühmten und hochgeachteten Rabbi Efraim Katz aus Wilna, Verfassers der äußerst gediegenen Responsen oncx W und Rabbiners der deutschen Gemeinde zu Jerusalem, der im Jahre 1646 in Zcsat in das bessere Jenseits gegangen, war trotz ihrer nicht besonders günstigen Verhältniste kein Opfer zu groß, so es nur galt das Wohl ihres heißgeliebten Sohnes zu fördern. Der kleine talentirte Zebi bekundete schon in seiner frühesten Jugend einen großen Geist, der ihn zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Er bezog daher die rcnomirtesten jüd. theologischen Hochschulen „Ieschiboth" Polens, und hat es der junge Aschkenasi auch in der That seiner seltenen Geistesgaben wegen in sehr kurzer Zeit zu einer staunens- und bewunderungSwerthen Fertigkeit und Belesenheit im Talmud und dessen Commentaren gebracht, so daß er dadurch die Aufmerksamkeit vieler Talmudgelehrten aus sich zog. Ja noch mehr in Konstantin, wohin er sich in seiner zarten Jugend, nähmlich im Jahre (5445) 1685 in einer sehr wichtigen Angelegenheit — die zu schlichten er aus reiner Frömmigkeit übernominen, begeben hatte, wurde er von den dortigen Gelehrten nach kurzer Zeit seines dortigen Aufenthaltes, eben seiner nicht unbedeutenden Gelehrsamkeit und seines besondern Scharfsinnes wegen sogar bewundert, (vergl. Azulei im Lellem hagdolim.) Nach polnischer Sitte, die leider trotz des fortschreitenden Zeitgeistes heute noch nicht in das Reich der Nihilität verdrängt wurde, wurde unser junger Aschkenasi frühzeitig verheiratet, ohne daß jedoch an die Begründung seiner künftigen Existenz nur im Entsernsten von Seite seiner Nächsten gedacht worden wäre. In einem elenden, unbedeutenden Flecken Polens war das Domizil des einstigen Verfassers der berühmt gewordene Responsen. Hier lag er trotz aller Noch und drückenden Nahrungssorgen — denn sein Einkommen bestand in einem wöchentlichen Verdienste von 18 Groschen, die seine junge Frau durch weibliche Handarbeit, in der sic eine Fertigkeit besaß, verdiente — mit einem seltenen Fleiße und Ausdauer den Studien des Talmud ob, wie ehedem auf den Hochschulen, ohne sich im geringsten zu metamorphosircn oder seinen Prinzipien wegen der neuen nicht sehr angenehmen Situation, in die er versetzt wurde, untreu zu werden.— Allein nichts dauert ewig, alles gehet vielmehr seinem Ende entgegen, das Schöne sowohl, als das häßliche das gute als das böse, das hohe, erhabene als das niedrige, unbedeutende. Während unser Aschkenasi in drückender Noth lebte wurde in Amsterdam, einer der würdigsten und intelligentesten Gemeinden Hollands, der Beschluß gefaßt die vakante Rabbincrstellc wieder durch einen würdigen gelehrten Mann zu besetzen. In jener Zeit, die zwar von so vielen verschrien und verrufen wird, hatten sich die jüd. Wissenschaften sowohl als deren Träger der allgemeinen Hochachtung zu erfreuen, daher kam es selbst der kleinsten Gemeinde nicht in den Sinn einen Rabbiner mittelst Con c ursa ns sch r e il'uug zu acqniriren, sondern man ging damals viel praklischcr und zweckmäßiger zu Werke als in unserem Jahrhundert, das sich das Jahrhundert des Fortschritts und der Cultur nennet. Eine jede Gemeide, die in die Lage, einen Rabbiner zu wühlen, versetzt wurde, ernannte zwei oder drei Männer, die ganz tüchtige Talmudisten und dabei wahrhaft fromm waren, als Sendboten E'itbi^E. Diese C'nSit^o, denen bic Gemeinde ihr volles Vertrauen schenkte, wurden abgesendet, um den künftigen Hirten der Gemeinde zu acceptiren. Kleinere Gemeinden, deren Vcrhältniße es nicht erlaubte, Sendboten, die doch in der Regel ans Kosten der Gemeinde ihre Missionsreisen unternahmen, auszuschicken, verwendeten sich ganz einfach an irgend eine im Judenthum anerkannte Autorität und ersuchten dieselbe, daß sie ihnen irgend einen würdigen Mann vorschlage. Allerdings kamen auch damals trotz dieser humanen, zweckmäßigen und besonders rühmenswerthen Vcrfahrungsweise hie und da Mißgriffe vor, allein diese gehörten zu den Seltenheiten, da die Sendboten gewöhnlich ihr Augenmerk nur auf solche Individuen gerichtet haben, die im Gerüche wahrer Frömmigkeit standen. Die Kandidaten hatten es damals nicht nöthig wie die Schauspieler auf Gastrollen zu gehen, um aus irgend einer Kanzel, die leider in unseren Tagen von so 3*

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