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Das Abendland · 1866-02-01 · 3 (1.2.1866) · p. Seite 18

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Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
3 (1.2.1866)
Date
1866-02-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 wundern oft einzelne großartige und schöne Charakterzüge selbst bei wilden Nationen, allein der Anstand geht mit der Cultur, deren erster Faktor die Tugend ist, stets Hand in Hand. Darunter verstehen wir freilich nicht jene äußern hohlen Formen, wie sie. in vornehmen geselligen Cirkeln gang und gäbe sind, wo der Schwerpunkt in ein schillerndes Außenwesen verlegt wird, wobei das Herz keinen Antheil hat, wo im Gcgentheile diese Formen als heuchlerische Maske benützt werden, um die innere Gesinnng zu verdecken, den Gedanken zu verhehlen, wir sprechen auch nicht von jenen Formalitäten der Etiqnette, mit denen die launische Mode häufig wechselt, und die zumeist von hohlen Köpfen mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit beobachtet werden. — Wer wüßte es nicht, daß eine rauhe Schale oft die beste Frucht birgt und wiederum unter einer glatten glänzenden Hülle sich häufig ein tödtlicher Giftstoff findet. Wir fassen nur jenen Anstand inS Auge, der dem natürlichen Schicklichkeitsgefühle entspricht, und in der Anerkennung des Menschenwerths, in dem Wohlwollen, in der Liebe seinen Grund hat. Die Formen unterliegen allerdings nach den Anschauungen der Völker und der Zeiten dem Wechsel, und sind in gewisser Beziehung die Gradmesser für den Culturzustand, doch sind sie mehr dem Innern Seelenleben entsprossen, und nicht wie ihre Ab- und Ausartungen gewaltsam in dasselbe hineingedrängt. Wenn wir der Entwickelung des Anstandsbegrisfes im Judenthume nachspüren wollen, müssen wir vor allem die Geschichte von der Lehre scheiden. Der Mosaismus, der in seinen göttlichen Lehren einen gesellschaftlichen Zustand für ein Land der Zukunft, für ein Reich der Hoffnung konstitnirt, hat keine Vorschriften für den Anstand, der ein Produkt des geselligen Lebens, von diesem seine Basis und die sich immer erweiternden Gränzen seines Gebieths erhält. Er hat nur den kategorischen Imperativ für das Religiöse und Sittliche, er kennt nur Zwangspflichten, deren Erfüllung Segen und Lohn, deren Mißachtung Fluch und Strafe zur Folge hat, für das Schickliche, das ein Ausfluß des Bewußtseins, der gewonnenen Erkenntniß ist, hat er kein Gesetz. Denn hätte er dafür ein Gesetz, so wäre cS schon nicht mehr das Schickliche oder Schöne, cS wäre das Gute, das Nothwcndige, Unerläßliche. Die Torah kennt den Ausdruck klug oder thöricht in Bezug auf Erfüllung oder Nichterfüllung der Religionsvorschriften gar nicht, während schon in den ersten Schriftwerken, die nach Moses der Nachwelt erhalten blieben, in den davidischen Psalmen, in den Sprüchen Salomon'S, in dem Buche Hiob — dem viele Bibclkritiker mit Recht ein hohes Alter zuschreiben — die Weisheit mit der Frömmigkeit, die Thorheit mit der Gottlosigkeit identisicirt erscheint. Allein bei all' dem wird es kein Denker in Abrede stellen können, daß viele mosaische Gesetze bei ihrer striktesten Fassung nicht in die engen Gränzen eines geschriebenen Paragraphen cingedämmt, nicht von der individuellen GemüthSbcschassenheit isolirt werden können. Am deutlichsten zeigt sich dieß bei dem Gesetze der Liebe gegen Gott, gegen den Nebenmenschcn überhaupt und gegen den Fremdling insbesondere, bei den Gesetzen der Wohlthätigkeit u. a. m. wo nur eine allgemeine Norm zulässig war, nur ein Begriff gegeben wurde, der erst von der Subjektivität seine Ausdehnung erhält. Wer nur etwas tiefer in den Geist der Torah eindringt, wird leicht das Element des Schicklichen und Anständigen in seiner Legirung mit andern ethischen Theilen ans der streng legislativen Fassung herausfinden. Ist nicht beispielsweise daS Geboth, vor einem alten Manne aufzustehcn „ein Anstandsgeboth?" Lassen sich nicht manche mosaischen RcinlichkeitS- und Reinigungsgesetze aus den Anstand znrückführen'? ES ist außer allem Zweifel, daß dem Anstand, abgesehen von der praktischen und historischen Entwicklung des Begriffs schon in der Theorie des Mosaismus seine Berechtigung zuerkannt wurde. Lassen wir für ein Weilchen die abstrakte Lehre und ziehen wir die Geschichte zu Rathe, so finden wir daß der Anstand so alt wie die Welt sei, daß er die Menschheit als treuer Begleiter durch den weiten Weg der Zeiten folgte, daß er namentlich auf dem Boden des Iudenthums kein Fremdling sei. Schon in der Patriarchenzeit war das Bücken ein Zeichen der Hochachtung, die man einem angesehmen Menschen zollte. Abraham bückt sich vor den drei .8 EHeln, die er für Menschen hält, um sie zu begrüßen. Jakob erhebt sich aus seinem Krankenlager, um seinem 'eignen Sohne Josef durch einen Bückling seinen Dank zn bezeigen, Md wenn dieser Akt der Höflichkeit, wie der Talmud glaubt, wirklich der hohen Stellung galt, die Josef am Hofe des egyptischen Königs einnahm, so wäre er beinahe unter die Rubrik „Hofctiqucttc" zu setzen. Als Israel ein nationales Leben bekam, entwickelte sich der Anstand auf eine Weife die den gebildeten und gesittesten Kationen zur Ehre gereichen kann. Wir können natürlich nicht auf zahlreiche Fakta verweisen, denn leider sind die geschichtlichen Ucberrestc der Bibel nur sehr gering, und hatten wenig Raum, um den archäologischen Forschungen späterer Zeiten vor zuarbciten, allein die Literatur des Iudenthums, war sie auch nicht redseclig, so war sie auch niemals ganz stumm, man muß nur eben ihre einsilbige wortkarge Sprache verstehen. Glücklicherweise ist sie gerade in Bezug auf unser Thema nicht so sehr schweigsam. Die Sprüche Salomo's, die niemals von der geosfenbarten Religion reden, finden in der Weisheit das höchste Ideal menschlicher Vollkommenheit, ne sind gleichsam die Entdecker eines neuen Landes in der weiten GcistcSwclt. Die Weisheit ist das Ziel alles StrebenS, und damit man sie ja nicht mit der gemeinen Klugheit verwechsle, wird sie als die erste und schönste Schöpfung Gottes dargestellt. „Mit mir hat der Ewige seine Schöpfung begonnen, ich war sein erstes vorweltliches Werk, vor der Wassertiefe und vor den Atomen deS Erdballs war ich da. Ich verlieh dem Erdenthale den Reiz, ich gab dem Menschengeschlechte die Freude." So läßt der königliche Dichter die Weisheit sprechen, und wahrscheinlich hat Salomo den Titel des „weisesten Menschen", den ihm die Bibel beilegt, bloß dem Umstande zu danken, daß er die Weisheit als den schönsten Seele uschmuck der Menschheit zur gehörigen Würdigung brachte. Die Weisheit steht zur Religion in einem zweifachen Verhältnisse, intensiv wie die Praxis zur Theorie, extensiv wie daS Ganze zu einem seiner Theile, in letzter Beziehung haben wir die philosofische Anschauung der Herbart'schcn Schule, welche ebenfalls das Gute als einen Thcil des Schönen betrachtet. Fassen wir die Lehren, die der weise König in seinem Buche entwickelt, näher in'S Auge, so eröffnet sich um'crn Blicken ein neues Pflichtgebieth, eine neue ethische Welt, welche weniger als eine Ergänzung des Mosaismus, mehr als ein Comentar zu dem Geiste seiner Lehre anzuschen ist. Neue Tugenden treten in den Vordergrund. Fleiß, Ordnung, Sparsamkeit, Friedfertigkeit, Verschwiegenheit und andere Vorzüge, die den geselligen Menschen zieren, werden mit derselben Genauigkeit detailirt, wie eS der Mosaismus mit den göttlichen Vorschriften der Religion thut. Einen großen Thcil der salomonischen Lehren bilden die AnstandSrcgeln, die wir nach der vorhergegangenen Erörterung Anstandsgcsctze nennen dürfen. Wollen wir einige derselben auführen. „Meide die Schwatzhaftigkeit, sie bringt nur Nachtheil und Schande, sie führt zu Jrrthümern und Fehlern; antworte nicht vorschnell, auch nicht bevor du die Frage ausgehört, denke mehr als du sprichst. Mache dich selten im Hause deines besten Freundes. Dränge dich nicht an den Platz der Großen. Halte dich müßig und anständig, wenn du an der Tafel eines Herrschers speisest" und so noch viele ähnliche Lehren, die der Leser in dem reichhaltigen biblischen Buche finden kann. Ebenso enthalten die andern biblischen Bücher viele AnstandSregeln, deren Aufzählung einen Journalartikel zu sehr ausdchncn würden. Weun nun unsere bisherige Untersuchung zu dem Resultate führte, daß der Anstand ein wesentlicher Theil der Religion sei, so ist die Lirage» Ob der Anstand in der Religion Bedeutung habe? jedenfalls im bejahenden Sinne gelöst. — Der Talmud der die biblischen Principien sortentwrckett sagt ausdrücklich: „Wichtig ist der Anstand, den man gegen den Nebenmenschen zu beobachten hat, zu dessen Wahrung

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