Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1866-02-01 · 3 (1.2.1866) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
III (1866)
Issue
3 (1.2.1866)
Date
1866-02-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9050333-9088929-9050672--0344-9050673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Qfrafl den 1. Äebruar 1866. III. ZahrganS- M. 3. Das Abendland. Central-Organ für alle zeitgemäßen Interessen des Iu-enthums. Verleger, Eigenthümer und verantwortlicher Redakteur: A. ^öhrMÜNN. Pränumeratiousbetrag ganzjährig :r fl., halbjährig 1 fl. 50 kr., vierteljährig 80 kr. mit Poftznsendnng und Zustellung in's Haus; fnr's Ausland äauzj. 2 Thlr.. halbj.! Thlr. 15 Gr. — Erscheint am 2. und 4. Donnerstag des Monats. — Administration Geistgaffe Nr. 90«—I. — Inserate werden billigst berechnet. Lriefe eines DrauKigen, auch eine „Eauscrie" von Rabbiner Ehrentheil in Horic. VII. Kennen Sie mein Freund! die Anekdote von dem witzigen alten Juden der da einst, nachdem man in einer Gesellschaft in seinem Hause über die grellen Farben klagte mit denen der bekannte G u st a v Freitag in „Soll und Haben" die jüdischen Charaktere ausmaU ganz einfach sagte: „was haben wir davon, daß am Schabbes das Schreiben verboten ist? „Freitag" sollte das Schreiben verboten werden." Ich hatte jüngst wieder einmal Gelegenheit mich dieses Wortes zu erinnern; ich sah auf dem Lesetifdjc einer sehr gebildeten Familie die dritte Ausgabe von Freitags „verlorene Handschrift" und da zu meinem Mißvergnügen mußte ich grade an die Stelle kommen, wo der so schnell berühmt gewordene Autor einen Gelehrten sagen lässt „der G a u n e r Jakob der mit Bocksfcllen aus den Händen seinen alten Vater betrügt." — Ich weiß nicht sind wir „Draußigcn" in unserer sancta simplicitas frommer Einfalt nur so nervös solchen cyuischen Ausschreibungen gegenüber, oder könnte selbst ein jüdischer S t übte r nicht glcichgiltig bleiben gegenüber der gränzenlosen Willkühr mit dem in neuester Zeit die Patriarchen und edelsten Charaktere der biblischen Geschichte besudelt werden, mir wenigstens, ich gestehe es, trieb die Bezeichnung „Gauner" für den Patriarchen Jakob das Blut ins Gesicht, alle Schönheiten in den Schriften Freitags konnten mich mit diesem einen geradezu frechen Worte nicht versöhnen, ich! mußte in meiner gerechten Entrüstung das Witzwort des! alten Juden wiederholen „Freitag" sollte das Schreiben verboten werden „ja ich hätte im Stillen noch einen andern Wunsch" wäre doch Freitags neuestes Buch eine „verlorene Handschrift" geblieben. — Wir armen Juden! an Leib und Leben, an Gut und Blut kann man uns nun einmal nicht mehr ungestraft gehen, der mit Riesenschritten vorwärts gehende Geist der Zeit hat auch uns mit ewig unauslöschlicher Flammenschrift den Freibrief des Menschenrechtes geschrieben — und trotzdem, daß der hochwürdigste Bischof von Linz im Landtage behauptet die Gleichberechtigung der Eonfessionen ist in Oesterreich unausführbar, geht das Recht und die Gerechtigkeit dock auch für uns in seinen durch helle Lichtspuren bezeichnten Bahnen fort, nur die Herren Gelehrten sind es, die noch immer ihr Müthcken an unserer Geschichte und Patriarchen kühlen, es scheint dies eben Mode geworden zu scyn. — Zuweilen muß auch der Judengott herhalten, und so kam es daß ein Professor Brühl in Wien in einer Vorlesung fürs Volk ganz salbungsvoll sagte die Religion der Liebe verdrängte die heilige Bundeslade des ewig trauernden Gottes der Juden — auch gut! — zwar etwas unverständlich, aber pikant, und modern, wie doch das Volk belehrt wird! glückliches Volk der Residenz! — VIII. Nehmen Sie Ihren Eorrcspondcnten doch ein wenig in Schutz geehrter Herr Redakteur! wenn der Eine oder der Andere der geschätzten Herren Lehrer unter den „Draußigen" mir zu Leibe gehen wollte ob der Zumuthung, die ich in meinem jüngsten harmlosen Briefe ihnen gemacht, nach schwerem mühevollen Tagewerke am frühen Morgen noch auch das Gotteshaus zu besuchen; glauben Sie mir ich unterschätze die Bürde nicht, die auf den Schultern des jüdischen Jugendlchrers ruht, ich weiß auch wie wenig Anerkennung oft diese fleißigen Arbeiter im Weinberge des Herrn finden, und doch muß ich den frommen Wunsch wiederholen, daß unsere männliche Jugend unter den Augen des Lehrers zur Betheiligung am öffentlichen Göltesdicnste hcrangebildet werde; wir sahen überall prachtvolle Gotteshäuser erstehen, aber wer soll einst diese Gotteshäuser füllen wenn unsere Jugend den Weg zu ihren heiligen Pforten nicht wissen wird —? Zu den trefflichen Bemerkungen des wackeren Lehrers Herrn Lederer in Horazdiowitz bemerken wir bei dieser Gelegenheit, daß hier in Horic durch unseren tüchtigen Eantor Herrn Deutsch alltäglich eine Stunde in der öffentlichen Schule Gesangsunterricht crkheilt wird, und daß wir dies allen jüdischen Schulen nicht genug empfehlen können. — Schließlich noch den Witz den jüngst ein Lehrer machte als von dem Besuche des Morgcngottesdienstes die Rede war, „ja! sagte er, wir möchten nicht gerne früh aufstehen; nur um Jene zu wiedcrlegcn, die uns in ihrem Undanke Fopper nennen, denn wollten wir die Juden foppen, so müssten wir „f r ü h a u f st e h e n." — Die Sedeutung -es äußern Anstandes in -er Religion. (Fortsetzung.) In der Beobachtung der äußern Anstandsformen beim geselligen Verkehre mit dem Menschen spiegelt sich ebenso die Bildung des Geistes wie die des Herzens ab. Der Schönheitssinn ist ebenso ein angeborner Trieb der menschlichen Natur wie die Liebe zur Tugend, und stellt an das Culturleben seine gleichberechtigten Ansprüche auf Pflege und Entwicklung. Die Acsthetik ist in unserer Brust ebenso durch einen Anwalt vertreten wie die Moral, das ästhetische Gewissen ist ebenso regsam und lebhaft im Herzen der Sterblichen wie das moralische. Beide wirken sie vereint im innigsten Bruderbünde, und eine Trennung derselben ist zumeist eine Störung und Gefährdung beider. Je civilisirter ein Volk ist, desto feiner ist es in seinem Umgänge, desto pünktlicher beobachtet es die Gesetze des Anstands. Wir be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.