Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 2 (18.1.1866)
- Date
- 1866-01-18
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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11 artikel, einen modernen Adlatus zu ihrem alten ehrwürdigen Rabbiner «»schaffen wollte. Wie dem auch sei, mit einer Eisenbahn in spe läßt sich nicht fahren, und ich wurde daher in einem großen hölzernen Kasten, Stellwagen genannt, nach x geschleppt, wo ich mit zerschlagenen Gliedern unglücklich um 2 Uhr Nachmittags anlangte. Mit vieler Mühe durch Hilfe des Kutschers auSgepackt, wurde ich in einem sogenannten Gasthause, dessen Namen nur meine Wenigkeit allem rechtfertigen sollte, buchstäblich eingelagert; denn der Postwagen, der mich von hier aus weiter befördern und an das Ziel meiner Reise bringen mußte, ging erst um 10 Uhr Abends ab. Volle 8 Stunden der Ungeduld und der Agonie, die ein größeres Phlegma als das meinige zur Verzweiflung bringen konnten, standen mir bevor. Ohne Bücher, ohne Bekannte ohne ein Menschcnantlitz vor mir —ein altes Weib, das einzige lebende Wesen im Hause schien an dem Fremdling kein großes Wohlgefallen zu finden, denn kaum hatte sie mich mit einem musternden Blicke beehrt, als sie das Zimmer verließ, um sich für längere Zeit unsichtbar zu machen. Ich ergab mich in mein Elend. Düster und schweigsam saß ich da, bis ich endlich auf den Gedanken kam, aus meinem Neste herauszukriechen, und mich auf die Strasse zu begeben. Die Nichtmerkwürdigkeiten der Stadt waren bald besichtigt, und ich wollte schon in das unwirkliche Wirthshaus zurückkehren, als ich mehrere Menschen, die ich gleich als Glaubensgenossen erkannte, einem Gebäude zueilen sah, das ich gleich als ein jüdisches Gotteshaus erkannte. ES war gerade die Zeit des Minchagebethes. Die Noth lehrt beten, und so wollte ich auch an der allgemeinen Andacht Theil nehmen. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen, obgleich das Zweifache der zur öffentlichen Andacht nöthigen Personenzahl schon anwesend war. Ein unbesetzter Platz war leicht zu finden, den ich sogleich ausfüllte, und es währte nur einige Minuten, als ich zur Rechten und zur Linken einen Nachbar erhielt. Meine beiden Nachbarn schienen wahre Freunde zu sein, in denen die Entfernung die Gefühle der Zuneigung nicht abgekühlt, denn trotz des ziemlich ausgedehnten Mediums, das sich in dem Objekte meines körperlichen Volumens zwischen ihre freundschaftlichen Beziehungen einkeilte, führten sie ungestört ihre Conversation, als ob niemals in meinen Adern Menschenblut gerieselt hätte. Zur Strafe dafür sollte ihre Freundschaft heute einen starken Ruck bekommen. Der Vorbeter, der wie viele seiner Berufsgenossen, anstatt der erste in der Synagoge zu sein, das Publikum auf sich warten ließ, trat ein und begann das Gebeth. Das späte Kommen erregte nur meine Aufmerksamkeit, das Publikum schien daran gewöhnt. Allein» ein anderer Umstand war's, der wenigstens meiner nachbarlichen Umgebung Stoff zu einem animirten Gespräche bot. Der Vorbeter hatte nähmlich zu seiner Funktion keine Toilette gemacht. Ein eigner Ornat war in £ für den Vorbeter nicht eingeführt, aber der befiederte Rock und die schmutzigen Stiefel, die er zur Schau trug, waren auch in der Instruktion für die Funktionäre der Gemeinde nicht zu finden, und gerade jene von der Vorliebe des Cantors nicht begünstigten Kleidungsstücke waren es, die den Erisapfel des Partheihafses in meine nächste Nachbarschaft warf: Sehen Sie sich einmal den Chasen an, rief der linke Nachbar gegen den rechten gewendet, ist das ein Anzug zum Gebethe? Ist das ein Anstand? Müssen wir uns nicht vor der Welt schämen? „Was wollen Sie mit dem Anstand? antwortete der Nachbar zur Rechten, der Anstand ist Sache der Mode, hat mit der Religion gar nichts zu thun. Gott sieht aufs Herz und nicht aufs Aenßere der Menschen." Der andere replicirte, und das Gespräch dauerte noch ein Weilchen, bis ihm ein ziemlich lautes Bst, begleitet von einem derben Handschlag aus den Ständer von Seiten eines unserer Gruppe gegenüberstehenden alten Mannes ein Ende machte. Mein Interesse ward jedoch durch das kurze Zwiegespräch sehr angeregt, ich sah hier den eigentlichen Diffcrenzpunkt, der in unserer Zeit bei den religiösen Partheiungen unserer Glaubensgenossen, die moderne Richtung von der altern scheidet. Während jene einen mit äußerem Glanz und Pomp auSgestatteten Cultus wünscht, und zuweilen bei ihren Neuerungen mehr eine Schaustellung als eine wahre Förderung der Andacht beabsichtigt, hängt diese fest an dem Alten und Hergebrachten, und kämpft oft für die alten Mißbräuche mit demselben Eifer wie für die alte Liturgie. Als ich nach beendigtem Gebethe ins Gasthaus zurückkehrte, traf ich dort einen jungen Mann aus dem Orte, mit dem ich absichtlich eine Unterhaltung auknüpfte, um über die Gemeindezustände in£ etwas Näheres zu erfahren; da hörte ich denn, daß die Meinungsverschiedenheit meiner beiden Nachbarn nicht von heute datire, nicht erst durch die schmutzigen Stiefel des Vorbeters geweckt wurde, sondern nur eine Episode des Meinungskampfes sei, der seit längerer Zeit mit heißem Eifer geführt werde, und die Cultusgcmeinde zu £ in zwei geschiedene Lager zu theilen drohe, und daß gerade meine beiden Nachbarn in der Synagoge die Hauptführer der kämpfenden Partheien repräsentiren, so zwar, daß wie bei den parlamentarischen Kämpfen der Nachbar rechts das konservative, der Nachbar zur Linken die reformistische Richtung vertrete. Das Städtchen £ mit allen seinen Insassen ohne Unterschied der Confession hat für mich kein Interesse, ich habe für dasselbe keine Liebe und trotz seiner schlechten Stellwägen und seiner schlechten Hotel's — keinen Haß; auch hat die Bewegung der Geister, die für den Augenblick in die stille Gasse des öden Ortes etwas Leben bringt, wenig Merkwürdiges und Neues. Derselbe Kampf hat bereits in vielen Gemeinden seinen Abschluß erlangt, in vielen Gemeinden setzt er noch immer die Gemüther in Flammen, und wo er noch nicht ausgebrochen ist, steht er mit Zuversicht zu erwarten; denn der Conflikt zwischen den alten und neuen Anschauungen auf religiösem Gcbiethe muß nothwendiger Weise allenthalben zum Durchbruche kommen, wenn nicht der größte Feind der Religion, der Jndifferentismus, die Oberhand gewinnen soll. Was jedoch meine Seele in hohem Grade beschäftigt, ist die Principienfrage,' die in dem Gespräche meiner benachbarten Partheileiter präcis formulirt erscheint. „Hat der äußere Anstand Bedeutung in der jüdischen Religion?" Wie spricht sich daß geschichtliche positive Indenthum darüber aus? — Sie kennen, lieber Freund! meine innige Liebe zum Iudenthume, kennen aber leider auch meine geringe Bekanntschaft mit seinen Quellen mit seiner Literatur, und Sie würden mir wie vielen Lesern Ihres geschätzten Blattes einen jwahrcn Dienst erweisen, wenn Sie über eine Frage, die so tief in das Culturleben der Juden eingreift vom religiösen Standpunkte aus, Ihre Ansichten darlcgen wollten. Bei der Ihnen eigenen Behandlungsweise wissenschaftlicher Fragen, die niemals die praktische Seite derselben aus den Angen läßt, wird sicherlich jeder Leser Ihren Erörterungen mit Interesse folgen". — So lautet der Brief des Freundes, und wir wollen um so lieber der schmeichelhaften Aufforderung Nachkommen, und die in der Ueberschrift dieses Aufsatzes bezeichnte Frage unserer Besprechung unterziehen, als wir von deren Wichtigkeit für das religiöse Leben tief durchdrungen sind. Sie ist in Wirklichkeit die Hauptaxe, um welche sich die religiösen Strebungen des Judenthums in der Neuzeit bewegen und wie verschieden auch die Tendenzen sind, die in die Erscheinung treten, laufen sie doch alle auf den einen Punkt aus, die uralte Lehre mit den modernen Anschauungen in Einklang zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Protest gegen den Prioritäts-Anspruch des Hrn. Prof. Stößel. In Nr. 1 d. Bl. nimmt H. Prof. Stößel bezüglich meiner in Nr. 24, v. I. gegebenen Erklärung der Chanuka- Sage das Prioritätsrecht auf eine höchst feierliche Weise für 2*