Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 24 (7.12.1865)
- Date
- 1865-12-07
- Page
- Seite 196 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 190 — (fnidjung und Unterricht bei de» Juden. (Forts.- m-g.) Wir haben obige Bemerkungen der Behandlung unseres Stoffen vorausgcschickt, um zu zeigen, welche Bedeutung im Iudcmhumc schon in den ält-ücn Zeiten der geistigen Ausbildung -der Jugend bcigclcgt wurde. Wie bereits erwähnt, I wird in der Bibel den Vätern anS Herz gelegt, ihre Kink r in den Lehren der Religion zu unterrichten, und der Talmud wie die spätere Literatur der Juden bcschäsiigt sich viel mit dieser väterlichen Pflicht. Der erste Unterricht ist immer ein häuslicher und die Religion bildet nie bei Allem im Iudcnlhumc die Grund läge. S obalb das K.ud ' "rechen kann, werden ihm einige Sätze aus der Bibel bngebracht, die cs auswendig lernen soll, namentlich die Lätze: — .Höre Israel! der Ewige unscr Gott in einzig." Die Lehre, die unS Moses mitthcilte, ist ein Erlrhcil der Gemeinde Jakobs."—Rach und nach bringt man ihm die wichtigsten Glaubenslehren deS Jude»' thums bei. -Rach Abarbanel soll schon beim Beginn des 4. Jahres mit dem Unterricht im Alphabet begonnen werden, wie es in der Thorah von den jungen angepflanzten Baumen heißt. „DaS 4. Jahr soll heilig sein" — indessen wurde dieser Unterricht dem Kinde nur spielend beigcbracht und hatte an sich wenig Bedeutung. Der eigentliche Unterricht begann je nach den Fähigkeiten des Kindes mit dem 6 oder 7. Jahre desselben, da wurde es, wenn der Vater nicht selbst unterrichten konnte oder wollte in eine Schule geschickt. Desimtliche Schulen waren schon in den ältesten Zeiten, ihre allgemeine Einführung fällt in die 'Beriobe dcs 2. Tempels. Der Privatunterricht durch Hauslehrer kam erst in spälcrn Zeiten zur Einführ-, ng. Der Unterricht wurde mit Ernst und Würde gehandhabt. Der Lehrer war überhaupt eine durch seine Stellung geachtete Person, dem sowohl von Seiten der Eltern wie von den mindern mit Ehrervicthung begegnet wurde. Die Schüler mußten ihm beim Ankommcn in die Schu'e die Hand küssen, und die äußern Zeichen der Achtung, die niemals vernachlässigt werden durften, trugen nicht wenig zur Erhaltung der Disciplin bei; dadurch gelang es auch dem Lehrer leicht durch Sanfimuth und freundliche Zusprache auf das jugendliche Gemüth zu wirken, und er hatte sclren nölhig körperliche Züchtigungen in Anwendung zu bringen, im Gcgentheile suchte er oft durch kleine dem Alter deS Kindes angemessene Geschenke zum Flriße anzusporn.cn oder die fleißigen und sittlichen .Kinder zu belohnen. Dieses Vcrhältniß zwischen Lehrer und Schüler ist das einzig richtige, und die unerläßliche Bedingung, wenn Erziehung und Unterricht zu ei,um ersprießlichen Resultate führen sollen. In neuerer Zeit ist dieses Vcrhältniß gestört. Die Eltern betrachten den Lehrer als einen von ihrer Gunst abhängigen Micthling, und wünschen cs nicht einmal, daß ihre Kinder die äußere Formen der Ehrfurcht gegen den Lehrer beobachten. Die Schüler, die dieß alles bald hcraussühlen, überlassen sich nun ungeschcut ihrem Uebermuthe, und die Disciplin ist in ihren Grundlagen erschüttert. In ältcrn Zeiten haue man wirkliche Ehrfurcht vor dem Lehrer, und das äußere Betragen war nur der Ausdruck deS inner« Gefühls, in neuerer Zeit müßte eben dieser äußere Ausdruck zur Geltung gebracht werden um daS Gefühl zu erwecken und zu beleben. Es kömmt nicht selten vor, daß zwischen Lehrer und Sctülcr ein fortwährender Kampf geführt wird, worin der eine Thcil den andern anS der eingenommenen Position zu drängen sucht. Die Waffen dieses Kampfes sind auf der einen Seile alle erdenklichen Ruttel aus der Apotheke der Pädagogik, auf der andern Seite zumeist passiver Widerstand — und der Lehrer geht nicht immer als Sieger aus diesem Kampfe hervor, weil schließlich die Eltern die Parlhci der Kinder ergreifen. Man mag über die Art der Erziehung wie immer denken, ja nian muß es sogar anerkennen. daß eine freiere, den Geist der Ingend entwickelnde und zur allmählichen Selbstständigkeit reifende Methode der Erziehung, jene vcralrcie und verfelilte. welche die Jugend in lhicrischcr Furcht und knechtischer Unterwürfigkeit groß' wachsen lüen möchte, mit Recht aus Schule und Haus verdrängt hat, so wird der Lehrer doch immer mir durch Behauptung der seinem Stande zu'ommcndcn Würde sein Ziel erreichen. lieber die Besoldung des Lehrers in srühcrn Zeilen fehlen uns die Daten. Daß die geistigen Iugcndbildner niemals über großen Rcichibum zu klagen Hanen, ist außer allem Zweifel, cs wird sogar aueN'ücklich betont, daß sie zur ärmeren Volksklasn gehören, und dcßhalb sich einem so mühselig n Berufe widmen; dennoch scheint cs. daß sie ihr nöthigcs Auskommen fanden, sonst hätte der Talmud nicht so nachdrücklich vcrhcirathcte Männer für das Lehramt empfehlen können (Kiduschin 82). In der Gegenwart hat sich das Iudcnthnm auch in dieser Beziehung acclimatisirt, cS will keine Sonderstellung, cs will nicht, daß der allgemeine Rothschrci über das Lchrcrelcnd gerade bei ihm keinen Wiederhall finde, und der jüdische Lehrer bat sich durchaus nicht über Zurücksetzung gegen seine christlichen Berufsgcnosscn zu beklagen. Im Gegensätze zu der erwähnten talmudii'chcn Empfehlung, werden jetzt selbst in den größer« jüd. Gemeinden meistens ledige Männer als Lehrer gesucht. II. Die häusliche Erziehung ist die Grundlage aller menschlichen Bildung. Die ersicn 2. ristzüzc, die auf die unbeschriebene Tafel deS jugendlichen Herzens cingcgraben werden, dringen tief ein, und lassen sich durch die ganze Lebenszeit des Menschen nicht gänzlich verwischen, ihre Spuren, bleiben erkenntlich, wie sich auch immer der weitere Entwicklungsprozeß gestalten, welche Richtung auch immer ein der Erziehung entwachsener und zur Selbstständigkeit gelangter Mensch nnnchmcn mag. DaS rechtliche und moralische Berhältniß zwischen El.crn und Kindern, wie es zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Rationen durch Sitte, Religion und Gesetzgebung fcstgcstcllt wurde, bildet die eigentliche Basis dieser häuslichen Erziehung. Diese Wechselwirkung zwischen dem Staats- und Familienleben mb sich schon bei den Völkern deS Alierthums mit 'olcher ('emalt kund, daß ne als sicherer Gradmesser für daS moralische Eulturleben der verschiedenen Rationen betrachtet werden kann. Rur da, wo der Staat sich gleichsam aus der Familie aufnauete, wo er sich bei allen seinen Institntioi.cn als eine Familie im Großen bewährte, war die häusliche Erziehung von Bedeutung und übte ihren mächtigen Einfluß ans das öffentliche Leben. Lykurg, der spartanische Gesetzgeber, der den Bürger in dem Staate aufgehcn, ihn gewissermaßen nur uni deS Staates willen cxiftircn ließ, legte auf die häusliche Erziehung einen untergeordneten, man möchte sagen, negativen Werth. Die Eltern brauchten eigentlich ihre Kinder nicht zu erziehen, sic durften sie nur nicht auf eine sein Staatsidcal gefährdende Weise verziehen. Auch in dieser Beziehung steht das Judenthum, wie in allen Grundprinzipien der Wahrheit und der Sittlichkeit glanzvoll da. „Ehre deinen Vater und deine Mutter," gehört zu den 10 Hauptlchrcn des jüdischen Glaubens, welche der göttliche Finger auf die steinernen Go sctztafcln schrieb, und diese Worte stellen die häusliche Erziehung unter daS unmittelbare, unveränderliche, keinem Wechsel der Anschauung unterworfene Patronat der Gottheit. Nicht das natürliche Gefühl, nicht die Pflicht der Dankbarkeit wird zur Begründung des strikten GcbothcS angeführt, und diese Gründe wären in der Thal nicht einmal für alle Fälle ausreichend, cs wird vielinehr als, ein' sociales Äxiom hingestcllt, daS durchaus der Begrüngung nicht bedarf, cs ist eine nothwendige Bedingung des durch die gcoffcnbarte Religion veredelten MenschlhumS. (Fortsetzung folgt.) i m l « \ •v! ck» V j