Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 19 (28.9.1865)
- Date
- 1865-09-28
- Page
- Seite 160 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ülctitc (Lniiljlmigcn. Jv r ö 111 c i it Oi achel. sind iiim mehrere Jahre, als eines Sonntags im Monat Januar ein armeS, junges jüdisches OA'ädchen auf lincni öffcurlidicn Platze zu Paris stand und sich bemiihle, die Aufmerksamkeit und daS OA'itleid des Publicums durch eine» MlaflCiKiaiii] yt cvvciicif. Ter Himmel war grau, allenthalben durchdringende Mültc und dicktes EiS, dazu ein herabfallender Schnee — und doch sang die Heine, noch laum 7 Jahr alte Sängerin zähneklappernd in ihren dünnen, ^cv lumpten Kleidern. Ach, das Publikum wollte sich nicht aufhallen und die Virluosin sang wehmüthig, der traurigen Vage ihrer Familie gedenkend, in den herzzerreißendsten Tonen. Da kam gerade ein ausgezeichneter Musikus vorüber. Er glaubte, es töne irgendwo eine Harfe, dann bemerkte er, daß es ein besang sei, aber so rein und nett, die Worte vor lresslich aceenluirl und gefühlvoll vorgetragen; er ging langsamer, hielt dann ganz und gar stille, das Mädchen, sich vor Kälte in die Hände hauchend, überreichte ihm einen Trauf. kubel, in welchem er dann auch ein Geldstück warf und,fol gendc Unterhaltung mit ihr anknüpf.e: „Plein Kiut>! welcher Vehrer hat Dich so singen gelehrt?" Die Virluosin: „Niemand, Herr! icl) lernte es allein und durch Zufall." Der Musiker: „Aber woher hast Du denn die Melodie, die mir so viel Vergnügen macht und ich noch nicht kenne?" Die Virtuosin: „Meiner Treu, lieber Herr! ein wenig überall. Wenn ich durch die Straße gehe, höre ich Herren und Damen singen, ich wiederhole Melodie und Worte, und setze mir dann die Weilen zusammen, so gut ich eben kann." Zn demselben Augeni ticke trat ein heftiges Zähneklappern ein, die Kälte verzog den sanften Ausdruck ihrer Gesichtszüge, ohne sie gerade häßlich zu machen, der Musiker war von Mitleid gerührt nnd faßte den Vorsatz, der Armen sich annehmend, ihre musikalische Bildung zu fördern und zu leiten. „Du frierst wohl sehr, -.edeke er sie mit einer 'Stimme au, die tröstet nnd zugleich Vertrauen einflößt. „D, fa, Herr!" antwortete das arme Kind errölhend, und den Ton schwächend, fügte sie verstohlen, mit dem Stolze einer Teile, die sich eine* bessern VooseS würdig fühlt, hinzu: „und noch mehr hun gre ich." Diese Worte erschütterten daS gefühlvolle Herz de* Musikers, er nahm sich des jungen Mädchens au, gab ihr etwas zu essen, und etwas zum Ankleiden und begann alsdann die Gesangslunden mit der väterlichen Sorgfalt. Dieser brave Mann starb und daS junge Mädchen, genannt Rachel Felix, fühlte den Beruf zum Theater und trat, wenn auch nach vielen Arbeiten und Schwierigkeiten. mit Erfolg im l'lmütre-I-'rantzuiL auf. Bald wurden ihre Veislungen so ausgezeichnet, daß das Volk sich drängte- und drückte, um sie zu hören; die vornehmsten Salons flehten um die Ehre ihres Besuchs, die größten Personen waren glücklich, sich ihr nähern zu diirfen. Aver inmitten dieses Glückes, der Verehrung nnd d.r Reichlhumer halte die junge Schauspielerin niemals ihres niedrigen Urwrujigs vergessen, sie nnrerließ nicht, mit ihren armen Familiengliedern sich zu umgeben, nnd sprach häusig von ihrer 'Abstammung. An einem Winter, als die Mülle nnd die Roth die Vage der Pariser Armen nur noch unerträglicher machte und der Maire eines Stadtviertels den Vorsatz hatte, einen WohllhäligteitS'Verein für die Armen zu gründen, schrieb dieser, um einer erklecklichen Summe gewiß zu sein, an Fräulein Rachel, ihre Mitwirkung zu diesem guten Werke erbittend, und die berühmte Schauspielerin, sich erinnernd der Mülle, die sie einst selbst gelitten hatte, und wie sie den Trauftübel den Vorübergehenden hatte Vorhalten müssen, schrieb dem Maire zurück: «Ich spiele waö Sie wollen, da eS die Sache der Armen gilt. Ach, Herr! eS ist ja noch gar nicht lange, daß ich selbst arm war." D i e b e i d e n D p f e r. Der König Agrippa ließ eines TageS dem jüdischen Hohenpriester sagen, daß er 10 Hekatomben auf dem Altar (Lottes opfern werde, nur forderte, er an diesem Tage kein anderes Dpfer in dem Tempel des Herrn darznbringen. Zn demselben Augenblicke kam ein einfacher Vandmann, überreichte dem Priester 2 Turteltauben und bat ihn sie bald Gott als ein Brandopfer für ihn darznbringen. AIS der Hohepriester, auf den Befehl deS Königs sich stützend, die Annahme verweigern wollte, erinnerte ihn der Sandmann, wie er doch^seit einer Reihe von Zähren dasselbe Opfer an demselben -r.ag gebracht, nnd bat so inständig um Gewährung seiner Bille, daß endlich der Jünger Aharon'S nicht länger widerstand. Als der König gewahrte, daß man seinem Verbote keine Rechnung trug, geriet!) er in heftigen Zorn, aber der Hohepriester antwortete mit Ruhe: „Der königliche Prophet hat gesagt (Ps. 22, 15.): Verweigere nicht daS Gebet des Armen und verachte nicht sein bescheidenes Opfer. Dieser Befehl schien mir gerechter, alSder Deinige, undfo mußte ich die dargebrachten Turteltauben deS bescheidenen frommen Vandmannes Deinen stolzen Hekatomben vorziehen, die Dn dem Altar Gottes gelobtest. Der Allmächtige sieht nicht auf die Größe und den Werth des Opfers, er begnügt sich mit den Gaben, die nach Maßgabe der Mittel deS Gebers gereicht werden." Cvrrespo nimn Bereits zwei Ihrer geschätzten Blätter bringen unS Aufrufe zum Beitritte zu dem in Frankfurt am Alain sich bildenden Vereine und gewiß wird Niemand Ihr Streben verkennen, überall lhälig zu sein, wo eS sich darum handelt, dem Bessern im Zudeulhume entgegen zu gehen. Schreiber dieses ist jedoch einerseits etwas zik mißtrauischer Ratnr um Alles joauf Treue und (Glauben hin als seligmachend hinzunehmen anderseits zu sehr für das Heimische eingenommen, um sich nicht folgende Bemerkung zu erlauben. — Rieht alles j ist gm, weil eS „weither" ist und finde ich eS nickt rathfam! unS so schnell einem Vereine anzuschließen, dessen Absichten * und Bei rebungen uuS noch nicht näher gelegt sind. Bei aller Achtung fiir einen Geiger, Philipson und andere achtbaren Größen die diesen Herrn zur Seite stehen, dürfen wir nicht vergessen, wie manckcS eben von diesen Herren Projektirte keinen oder wenigstens keinen günstigen Erfolg gehabt hat. — Warum in der Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah!— Dsterreich, unser geliebtes Vaterland, hat Männer nnd Kräfte genug, die für daS Ersprießliche im l Judenthumc einstehen nnd für dasselbe gerne Dp''er bringen. | Wir haben eine ReichShauplstadt, deren Schoß so manchen 2obenSwerthe entwachsen, und wie viel mag dieser noch bergen, daS die Zeit erst iuS Veben rufen wird. Ist Wien nicht für unS der Ort, wo ein Verein wie fraglicher an seij nein Platze wäre? Wie würde dessen Begründer, Förderer und Vertreter um so mehr Vertrauen entgegen bringen, alö sie der Unsrigen sind, mit uns gleichen Schritt Hallen, unter einem Gesetz, stehen, unsere Verhältniße genau kennen und am Sitze der höchsten Stellen sick befinden, wo sie für unS auch einflußreich wirken können. Männer, wie Zellinek, Wertheimer, Frankel, Kompert und wie all die Kapazitäten! beißen, die warm für das Indenthnm leben, fühlen und! wirken, werden gewiß nicht anstehcn, sich an die Spitze eines ' Vereins zu stellen, der von ihnen geregelt und unterstützt! und vom besten Erfolg gekrönt sein kann. — Böhmen. Ungarn, Galizien, Mähren, die südlichen Provinzen und Tester- | reich sind groß und deren jüdische Bevölkerung zahlreich und 1 bemittelt genug um einen solchen Verein ins Veben zu rufen