Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 17 (24.8.1865)
- Date
- 1865-08-24
- Page
- Seite 142 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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den jüdischen Bevölkerungen stehen, doch läßt sich ebenso annehmcn, daß sic im (Großen und (Ganzen über dem Kultur und l^cisteo - "Niveau der moskowitsch - tatarischen Bevölkerung Rußlands sich befinden. Und wenn nunmehr selbst der untersten Klasse dieser Bevölkerung, den leibeigenen, ihr Anthcil an den Menschen und Ehrenrechten des Landes nicht mehr vorcnthaltcn wird/ — wie könnte er fortan den Inden noch vorcnthaltcn werden? Jene l,:;<x>,<)()<> Juden unter russischen Secptcr leben nicht etwa über das gcsainmtc europäische, asiatische und amerikanische 'Rußland mit seinen 302,(XK) Qu dratmcilcn zerstreut, sondern sind auf einige westliche und südliche Gouvernements beschränkt, wo sie, vermöge dieser Zusammengedrängthcit, ein unproduktives und daher ungesundes Bolks- Elcmcnt bilden, während sic, über das ganze russische Reich verbreitet, bei ihrer geistigen Elastizität, die sich besonders aus gewerblichen (Gebiete geltend zu machen weiß, den Nationalrcichthum vermehren und ein volkswirthschaftlichcr Segen für das Land fein würden. Allmählich fangen auch die Russen an, zur Erkenntniß dieser Wahrheit zu gelangen. Der volkswirthschaftlichc Schulmeister, der aus den Eisenbahnen viel rascher und ungehinderter sorltömmt, als in der früheren Zeit der Länder- und Städte-, der Zoll und Handelssperren, hat auch bereits in Rußland eine zahlreiche Schule der Gewerbe, der Handels- und -der Religions-Freiheit hcrangebildct. Die eine Freiheit hängt mit den anderen uothwcndig zusammen, und wer die Eine nicht will, der muß auch auf die Anderen verzichten. Selbst die von dem ultra-moskowitischcn Publizisten Katkov rcdigirtc „Moskauischc Zeitung" hat kürzlich auf die Borthcile hingcwicscn, die cS für das Land haben könne, wenn inan die Juden auch in solchen Gouvernements sich ausicdcln ließe, die ihnen bisher verschlossen waren. Achnlid)cr Ansichten begegnen wir in den deutschen Blättern der russischen Qstscc Provinzen, namentlich in der gut rcdigirtcn „Rigaischen Zeitung" rnd in der bereits oft von uns citirtcn „Baltischen Monatsschrift." ES ist seltsam, welche lächerlichen Besorgnisse vor den möglichen Folgen einer Emanzipation der Inden diese Zeitschriften manchmalnoch wi dcrlcgcn müssen. DaS Zunft - Privilegium geht überall mit der Zunft Beschränktheit und mit der Ausschließung Hand in Hand. 'Nicht von der Zunft darf man hoffen, daß sic mit der Zeit zur Einsicht kommen werde; der Gesetzgeber mllß wider ihren Willen cinschrcitcn und ihr durch die Thal beweisen, daß sic selber am Wenigsten gewußt, waö ihren Mitgliedern am Meisten fromme. Ein vortrefflicher Aufsatz im diesjährigen Maihcft der „Baltischen Monatsschrift," aus der Feder eines KnrlündcrS stellt folgende fünfzehn Thesen als unbedingte Momente zur Lösung der Iudcnfragc in Rußland auf: 1) Die Indcnfrage ist nur eine Spezies derselben Gattung welcher auch die übrigen großen Emanzipationsfragcn unserer Zeit angchörcn, und kann nicht mit anderem Maße gemessen werden. Wer sonst liberal, aber in der Iudcnfragc illiberal ist, ermangelt der Logik. 2) Die jüdischen Glaubenslehren enthalten kein Hinderniß gegen die staatsbürgerliche Gleichstellung der Inden. 3) Die Bedrückung der Inden ist Grund und Nahrung ihrer Sondcrthümlichkeit. 4) Das wirksamste Mittel zur Auslösung der jüdischen Sondcrthümlichkeit ist die Emanzipation. 3) ES ist eine Widersinnigkcit, mit der Emanzipation der Juden so lang warten zu wollen, bis diese in Masse ihre Sonderthümlichkeit abgelegt haben werden. 0) Der Grund des Druckes der Juden durch die Ehristen ist ein unchristlichcr, nämlich Hochmnth und Interesse. (Der Jude Börne drückt daS so ans: „Die Inden werden nicht gedrückt, weil sie es verdienen, sondern weil sic v erd i cn en.") 7) So lange der Indcndruck währt, währt auch der Gegendruck. 8) Wenn Ehristenarbcit nicht mit der Indenarbcit konkurrircn kann, so hat die crstcrc kein Recht auf Staatsschatz. Wer aus dem Lande hinauögcarbeitct wird, verdient sein Schicksal. 0) Der jüdische Schacher und Gelegenheits-Erwerb ist eine Folge des Druckes; er schwindet in demselben Berhältniß, als letzterer nachläßt. 10) Der sogenannte christliche Staat ist eine eontruckietio in ricff'eeto. Die letzte Konsequenz dieser Theorie ist GlaubcnStyrannci und Inquisition. 11) Die Ultramontaucn sind die ärgsten Judenfeinde. 12) Alle unsere Ansichten über die Inden datircn auS der Zeit der Unterdrückung derselben, sind also mit einem wahrscheinlichen Fehler behaftet. 13) Wenn im Prinzip eine vollständige Emanzipation der Juden verlangt wird, so ist damit nicht gesagt, daß dieselbe ohne Ucbergangsstadicn geschehen solle, noch weniger, daß ihnen sofort alle Bcrwaltnng und Regierung in der Kommune oder im Staat übertragen werden solle. 14) Die Emanzipation darf sich nicht ans einzelne Territorien des Staates beschränken, sonst leiden diese Thcilc in unbilliger Weise, während die allgemeine Emanzipation in einem so großen Reiche wie Rußland nicht bloß den Juden selbst ',iim Borthcil gereichen wird. 13) Borbcdingung einer gedeihlichen Emanzipation der in Kurland ziisammtngcdrüngtcn Inden ist die Gewährung der Freizügigkeit im ganzen russischen Reiche. I. y. C o r r r f p an ö r in. Rakouitz am 14. August 1803. Gestern d. i. a. den 13. d. kam ich zu einem meiner wcrthcn Freunde, wo mir zufällig Ihre geschätzte Zeitschrift: „Abendland" zur Hand gelangte. Ihrem Wunsche so viel als möglich bald iiachzukommen, Sie bald von der hier am 3. d. stattgchabten 'Reuweihfeierlichkeit im jüdischen Tempel in die Kenntniß zu setzen, beeile ich mich, wie wohl einer an dcrn Eoufcssion augchörcnd, dieses von Herzen gern zu thun; bitte sonach Nachstehendes in Dero werthcm „Abendland" zu veröffentlichen: Um 10 Uhr Morgens hatten sich bereits in der sehr schön rcstaurirten Synagoge ein großer Thcil der hiesigen k. k. Staatsbeamten, der Herr Vorsteher des Bezirks an der Spitze, mehrere Hochw. kath. Geistliche, der hiesige Stadtrath, die beiden Landtags-Dcpntirten I>r. Kral und Trojan, die Lehrer der Schulen, überhaupt die Honoratioren unserer Stadt sammt ihren Frauen und eine große Anzahl auswärtiger Inden versammelt. Unter Absingnng eines Gebetes wurden 7 Thora Rollen in die Synagoge gebracht. Darauf, zündete der hiesige H. Rabbiner die ewige Lampe an, und belehrte in einer schönen Eingangsrede, die Anwesenden über die Bedeutung und den Werth des Lichtes wohlwcife sagend, daß, so wie der Schöpfung der Ruf: Es werde Licht! vorangmg, so dürfe cS auch der Mensch bei seinem Schaffen und Wirken an diesem Wcrderuf nicht fehlen lassen. — Denn Lickt ist das eigentliche Element des Lebens des materiellen sowohl als des geistigen. — Sinnig bezeichnete er daS doppelte Wesen dcS Lichtes indem er es bei der Ma-