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Das Abendland · 1865-08-24 · 17 (24.8.1865) · p. Seite 141

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
17 (24.8.1865)
Date
1865-08-24
Page
Seite 141 (sequence 3)
Language
German
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iliiuh’ö Crölsuuugs-Lorlcluug auf iUuaifs Lehrstuhl. AcrtffLurui ur.b ScMitt; nu? 'A’r. 16. könnte ^Ijucit noch Manche über die entschieden jiitlicUc Tendenz irr lüblifciin: Poesie sagen: ich will mich aber drrans besärrrnken, aus?wci wichtige Puntle hinzuwci scn. Zunächst Lit cs bcmerkcrtswerlh, daß die indocuropü iscliert Sichler dar goldene ^ritaltcr an den Anfang der Zci len setzen und aar diese Wcnc die atlmcl)licic Ausartung der Welt proklanü^cn. Die biblische Poesie setzt das gol denc Zeitalter an das Ende der Seiten und proklamirt auf diese Weise den bostündigeu Jrcrtschritt, die Pcrscktibilität des Dceoschrngcschlechts und seine endliche Bollrommcnheit. Ein berühmter 3d)rift/i*tlci* hat nuLingsk gesagt, daß die Menschheit der ganzen Criic als des i'.üiibco der Berhcißung und der Welt als ihres Jerusalem Bedarf. Es ist dies die ganze Tendenz der biblischen Poesie uLd namentlich tcsProphctis mus. Jener 3dniftftcücr ahnte wohl nicht, daß er mir sei« «cm Aussprache ciue 3teile der alten allegorischen Kommen tarc der- Synagoge, „genannt, säst wörtlich wicdcrgcgcbcn. „Wie," so heißt cs daselbst, «das kleine ^and Palästina sollte eines Tages alle seine minder fassen? Nein, Jerusalem wird so groß wie Palästina, und Palästina wird > so groß wie die ganze Erde sein." Das zweite Moment, auf das ich Hinweisen will, ist daß allein die biblische Poesie Empfindungen ausdrückt, die von den Menschen aller Länder und aller Zeiten verstanden werden können; sic allein darf aus Universalität Anspruch machen. Um die brahmanischc Poesie vollständig zu berste j hcn, muß man ein Hindu sein; um alle Schönheiten Ho! mcr'S, Pindar'S, Sophokles' zu cmpsiudcn, muß man sich > mit dem hellenischen (Leiste idcntificircn können. Um die biblischt Poesie zu verstehen, braucht man nur Mensch zu sein. Wer die heilige Schrift mit wahrhaft humanen Empfindungen liest, der wird auch mit Begeisterung dem Psalnii stcn in den lyrischen Ergüssen folgen, die sein Gott ihm cingcflößt. Mit wahrhaftem Schrecken wird er aus die Worte jenes einfachen Hirten von Thekoa (Amos) hören, „welcher Jehova von der Höhe Zions erbrausen und sein Dounerwort von Jerusalem herschlcudcrn läßt, so daß die Weiden der Hirten veröden und der Gipfel des Marmel vertrocknet, und er ausruft: Drei- und viermal Wehe über die Bcr brechen von DamaScus und Gaza, von TyruS und Edom, von Amon und Moab, von Juda und Israel!" Ihr werdet mit dem greifen I ercmi a S weinen, wenn er auf den Trümmern von Jerusalem wünscht, daß sich sein Haupt in Wasser und seine Augen in Thräncnguellcn verwandeln, um das Unglück seines BolkcS zu beweinen, für welches sein treues, von Vicbe und Patriotismus erfüllcs! Her; noch in der Jcrnc einige Hofsnnngsstrahlcn leuchten läßt. Durch die Bisionen eines Jesajas, eines Micha werden wir in glückliche Zeiten der Zulunft versetzt, wo der Bär und die junge Kuh zusammen weiden, wo das ^annn an der 3eite des Wolfes schlummern und der Säugling aus dem Oi'cfte der Dttcr spielen werden, wo die Menschen im Frieden unter dem Wcinslock und dem J-eigcnbaumc siyen und die Erde voll sein wird von der Erkcnntuiß Gottes, wie die Meere voll find von Wasser. Das Buch Hiob weiht uns in die Geheimnisse der : Borschnng und der göt.lichcu Gerechtigkeit ein. Die prachtvollen Bilder des Enthusiasten Elihu, die majestätische Gott- Erscheinung, sie fesseln auch unsere Phantasie noch, und wir folgen dem Dichter gern, wenn er unsere Einbildungskraft: au die Ufer des Rils versetzt. Und darauf wird uns das Vied der wieder dargebotcn, um unsere aufgeregten 3imic zu beschwichtigen; denn, wie auch Eichhorn richtig bemerkt, daS ^icd der wieder folgt in den hebräischen Bibeln unmittelbar auf daS Buch Hiob, ' und Eichhorn glaubt darin die Absichtzu erkennen, den Ami i traft, der zwischen beiden Dichtungen herrscht, recht hervor; treten zu lassen. Hier entwickelt sich vor unseren Blicken j ein Hirten Drama mit seinen zauberischen Raturseencn; der Schäfer und seine Schäferin malen nnS die Viebe mit allen ihren Jrcudcn und beiden: „Ich beschwöre euch, o Töchter Jerusalems, bei den Hindinnen und den Gazellen dieser Ge fildc, erregt die l'icbc nicht, weckt sic nicht, bevor eS an der Zeit ist. ES ist die Gluth dcS JeuerS, eine göttliche Jlammc welche nicht Wellen und Ströme würden verlöschen können!" Bald darauf finden wir den Schwancngcsang des hebräischen BolkeS: „Alles hat feine Zeit, und feine Jeit ist jedem Dinge unter dem Himmel angewiesen. Eitelkeit der Eitelkeiten, ruft der Prediger, Alles ist Eitelkeit!" Die ganze Bibel endlich ist eine große Epopöe, deren Helden Gott und sein Bolk find. „AlS Israel jung war, liebte ich cS; aus Aegypten habe ich meinen Sohn berufen," so spricht Gott durch den Dl und dcS Propheten Hvsca. Wir j scheu diesen Sohn hcranwachscn; in den Tagen dcS Glückes j hat er feinen Baker nicht erkennen wollen, da lominen die! Tage dcS Unglücks, und er wirft sich voll ausrich iger Neue! in seine Arme. Die Sänger ZiouS verlassen den geheilig ten Boden und hängen ihre Harfen weinend an den Weiden! und Strömen Babels auf. Und als die Sieger ihnen;ui riefen: „Singet uns den Gesang Zions," antworteleii sie:! „Wie könnten wir die Gesänge des Herrn ans einem frei» I den Boden singen?"! Dies ist Poesie, die stets eine Saite in den Herzen j aller Menschen und aller Zeiten wird vibrircn machen. Dies ist Poesie der Menschheit! Ich halte hier innc. Ich hätte Ihnen gern noch Einiges von der chaldäischcn und der syrischen Vitcralur gesagt, von denen die Eine ganz jüdisch und die Andere ganz christ lich, während die Eine wie die Andere eine Dienerin der hebräischen Viteratur ist; aber ich muß diese Unterhaltung aiif eine andere Zeit verschieben. Bielleichl werde ich dar ans eine Einleitung;it dem Vehrknrs der chaldäischcn und der syrischen Sprache des zweiten Semesters machen. Jür heute nehme ich Abschied von Ihnen, und ich schließe, wie ich bcgonncii, indem ich mit Hinblick ans meine Vage I re Nachsicht in Anspruch nehme und Ihr Wohlwollen mir er bitte. — Die Jukitfragc iu uustlaud. Der Geist der Reform, der seit dem Regicrnngs An trilte des Kaisers Alexander U. die Gesetzgebung in Ruß land kennzeichnet und der sich zunächst in zwei großen Maß regeln: in der Emanzipation der Veibeigencu und in der uubeschrünkten Jvrdcrnng des öffentlichen Unterrichtes, lund gegeben, kann natürlich auch auf dem Gebiete der Gleichberechtigung der verschiedenen RVligionsgcnessenschaften nicht zurückblcibcn. Es ist mit Riecht gesagt wordeii, daß die in einem Boltc über diese Gleichberechtigung herrschenden Ansichten als Gradmesser der .Kultur der sozialen und der po Utischcu Bildung desselben, angesehen werden köin:cn. Be sonders find es die Inden, die, wie uns die Kulturgeschichte uachweist, in allen »nintelligenren und politisch zurnckgcblie denen Ländern stets am Schlechtesten behandelt, in freien .Kulturländern dagegen überall — wenn wir einzelne schwci zcr Kantöuli ausnehm.cn, denen es allerdings au sozialer und humaner Bildung sehr fehlt — alS freie Männer und gleichgestellte Mitbürger angesehen worden sind. Unter dem Seeptcr des russischen Kaisers leben I Ir <>,«><»<> Juden, von denen zwar angenommen werden kann, daß! sic im Großen und Ganzen unter dem Geistes- und KnI- , tur-Niveau aller in den übrigen Staaten Europa's leben- 17*

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