Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 16 (10.8.1865)
- Date
- 1865-08-10
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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184 keinen heiligen Ernst, sie lieben das Judenthum aber ohne Ueberzetlgung. Das Judcnthnm ist keine Religion der Schwärmerei! Die Romantiker sind nnr vermummte Eonservative. Die Rationalisten endlich, die alles Positive beseitigen, jeden Glauben verbannen, sind wahrlich nicht Lehrer im Judenthume, sind kleine Zionswächtcr! Bewegung und Werden ist Leben und Fortschritt in der Natur, Bewegung und Werden ist der lebendige Geist, ist der Fortschritt des rabbinischen Iudenthums! Alle Rabbiner, die den heiligen Bau des Iudenthums aufführten, waren Fortschrittsmänner; sie haben mit Gessinnungswahrheit mit heiligem Ernst und mit inniger Liebe Hand an das Gottcswcrk gelegt. Nur diejenigen Nabbincn der Jetztzeit, die mit gleicher Gesinnung, mit gleichem Ernst, mit gleicher Liebe j ausgerüstet sind, nnr die Fortschrittsmänncr sind berechtigt! und berufen den Anforderung, des Lölkes und der Zcitvcrj; hältnisse Rechnung zu tragen. Der heilige Ernst, die innige : Liebe zum Glauben schützt sie gegen Uebcrgriffe, die Gesinj nungswahrhcit verwirft jede Ausschreitung, somit jede Heber stürzung. Solche wahre Lehrer und Wächter im Judenthume j gibt cs Viele in Ocstrcich, gibt es viele in unserem engern Vatcrlande, in Böhmen; aber leider isolirt und schweigend;! sic scheuen den Kamps, sic fürchten eine mehrseitige Anfeindung, sie lieben die Ruhe und denken: Schweigen ist besser als Reden. Wir aber rufen ihnen: ES gibt Zeit, die es zur heiligen 'Pflicht macht, das Schweigen zu brechen und laut zu reden! Moses sprach, Esra schwieg nicht, Rabbi Iochanan Ben Sakai redete und alle alten Rabbiner im Talmud erhoben laut ihre Stimme, ohne Kamps zu scheuen ohne Furcht vor Anfeindung und Verfolgung zu haben, sic opferten ihrem Berufe Ruhe und Bequemlichkeit und nicht selten Vermögen und Leben! L. Mmck's Eröffnungs-Vorlesung ans tteimn's Lehrstuhl. Fortsetzung aus Nr. 10. II. Monotheismus und Pantheismus. WaS hat dagegen der M on o t h ei Sm ns der Hebräer hcrvorgcbracht? Ein Denkmal, dauernder als Erz, erhabener, als die majestätische Höhe der Pyramiden, monumentuni aere perennius, regalique situ pyramidum altius. Man vergleiche nnr einmal die P s a l m e n mit der Sammlung lyrischer Dichtungen der Araber, genannt H a m a s a, und gleich die ersten Zeilen geben uns einen Begriff von dem großen Kontraste, der zwischen beiden Sammlungen besteht. Die Psalmen be ginnen: „Heil dem Manne, der nicht wandelt im Rathe der Frevler und ans dem Wege der Sünder nicht steht und im Kreise der Spötter nicht sitzt, sondern an der Lehre Jchova's seine Lust hat und über diese Lehre sinnet Tag und Nacht! Er wird einem Baume gleichen, an Wasscrbächen gepflanzt, der seine Frucht gicbt zur rechten Zeit und dessen Laub nicht welkt. Was er auch unternimmt, es wird gedeihen! Sehen wir nun, wie H a m a s a beginnt: „Wäre ich vom Stamme Masen's so hätten die Söhne einer verlorenen Frau, die sie dem Dsohl, Sohn des Dschciban, geboren, nicht meine Kamcclc geplündert, denn ein ganzes von Mnth beseeltes Volk hätte sich zu ihrer Vcrtheidigung erhoben)c." Und weiterhin: „Dort, in der Rennbahn, liegt ein Ermordeter, dessen Blut nicht gerächt ist." Und darauf weiter: „Man weint über uns, doch wir weinen über Niemand, denn wir haben ein Herz, härter als die Kamcele." Das sind edle Gesinnungen, erhabene Gedanken! Avcrroös, der arabische Philosoph, der große Kommentator des Aristoteles, hat bereits in seinem Kommentar zur Poetik des Letzteren gesagt, daß die alten Araber keine andere Tugend, als die Tapferkeit und den Ruhm gefeiert, von denen sie im Grunde nur sprechen, um Andere anzufcucrn, und auch lediglich aus Ruhmredigkeit. Man hat auch noch gesagt, daß die Namen der semitischen Götter alle eine gewisse Oberherrschaft bezeichnen, wie Baal, der Gebieter; Adonis, mein Herr; Moloch, der König n. s. w. Dabei hat man allerdings A st a r t e, D e r k e t o, D a g o n, E a m o s re. vergessen; doch das schadet nichts, geben wir die Oberherrschaft zu. Man hat daraus geschlossen, daß die Semiten ursprünglich wenigstens ein oberherrlichcs Wesen, einen einzigen Gott angebetct, der sich in der Folge durch die zufällige Berührung mit indoeuropäischen Kulten gewissermaßen vervielfacht hat. Die semitischen Götter, hat man gesagt, sind nichts durch sich selbst und reprüscnlircn nur die Attribute, die Eigenschaften des oberhcrrlichen Gottes, während die indo-europäischen Götter in ihrem eigenen Namen, nach ihrem eigenen Willen, mit ihren eigenen Kräften und aus eigener Bewegung handeln. Ich gestehe, daß ich diese Autonomie der indo-europäischen Götter gesucht, aber nicht gefunden habe. Besitzen die Griechen nicht ihren Zeus Icydistos inegistos?die Römer nicht ihren dupiter optimus maximus? Die Kräfte und Phänomene der Natur, die großen historischen Ereignisse, werden sic nicht oft direkt auf Zeus, auf Jupiter znrückgeführt? So z. B. im Anhänge der Jliade heißt es, nachdem vom Zorne des Achilles die Rede war, welcher den Griechen unendliches Unglück zuzog: „Also ward Zeus' Willen vollzogen." Gleichwohl sagt der Dichter unmittelbar darauf, daß cS Apollo war, der den Streit zwischen Agamemnon und Achilles erregte. In der Odyssee erzählt Ulysses, daß der Gott Aeolus ihm bei seiner Abreise einen Schlauch voll brausender Winde mitgegebcn, wobei er bemerkt, daß cs der Sohn des .Kronos sei, welcher dem Aeolus die Herrschaft über die Winde anvertraut und ihm die Macht gegeben habe, sic nach seinem Willen zu beschwichtigen und zu erregen. In einem Fragmente des Alcüns liest man : „Jupiter ließ regnen," ganz so wie in der Bibel, wo cs heißt: „Jehova ließ regnen." In ähnlicher Weise sagt Hora;: „dam satis terris nivis, atq'ue dirae grandinis misit pater.“ Noch viele solche Beispiele ließen sich citircn. Hätte man nun nicht nach dem Allem das Recht, zu sagen, die Griechen und Römer seien Monotheisten gewesen und die Namen ihrer Gottheiten seien nichts als Attribute von Zeus oder Jupiter, wie dies in der Thar in der Abhandlung „über die Welt" gesagt wird, die man dem Aristoteles zuschreibt und die jedenfalls einen Heiden znm Verfasser hat? Aber nein, weder die Semiten noch die Indo-Europäer waren Monotheisten. Wenn cs zwischen beiden Ra^en einen Unterschied gicbt — und sicherlich gicbt cs einen — so ist cs folgender: die Semiten, denen cs an Einbildungskraft gebricht, beteten nur das an, was ihnen lebhaft in die Augen fiel und ihre Sinne in Anspruch nahm: die Sonne, den Mond, die Planeten, die Sternbilder des ThierkreiscS oe., während die Indo-Europäer die Einbildungskraft überall Gottheiten wahrnehmen ließ, in der irdischen Natur, wie am Firmamente; überall zeigten ihnen ihre Dichter die Spur eines Gottes. Mit Einem Worte, die Semiten waren Stern- Anbeter, wie man aus zahlreichen Stellen der Giebel sicht: die Indo-Europäer beteten die gesammtc Natur an. Aber die Einen wie die Anderen vermengten die Kreatur mit Gott. Weder die Einen noch die Anderen konnten sich bis zu der Idee einer ersten, absoluten, einzigen, von der Welt unabhängigen, schöpferischen Ursache erheben. Das allein ist Monotheismus, und diesen Monpthcismus finden wir lediglich beiden Häbrern. Wo haben wir Hebräer diesen Monotheismus geschöpft? Man hat nicht zu behaupten gewagt, daß sic ihn in Aegypten erlernt; denn wer kennt nicht die krasse Götzendicucrci der Acgyptcr. Moses sollte seinen Monothäismus bei der Weisheit der ägyptischen Priester, aus ihren Mysterien geschöpft haben?