Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 16 (10.8.1865)
- Date
- 1865-08-10
- Page
- Seite 133 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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133 aufgesaßt hat, wird von dem eben Gesagten tief überzeugt sein. Doch Zeiten und Verhältnisse ändern sich. WaS einst dem Glauben nützlich war, das kann ihm heute schädlich sein, waS einst keinen materiellen Schaden brachte, das kann heute unsäglichen Schaden verursachen, was einst die Ehre and Würde nicht verletzte, das kann heute als nicht ehrenhaft, als nicht würdig bcurtheilt werden, und waS einst die Lebensfreuden erhöhete, das kann sie heute trüben und erdrücken. Dem Volke stehet daher das Recht zu, seine Stimme laut zu erheben, und zu erklären: Dieses oder jenes Gebot verursacht materiellen Schaden, dieses beengt und beschränkt die geistige und bürgerliche Entwicklung, jenes hemmt und trübt die Lebensfreuden, und mit diesem und jenem können wir in der bürgerlichen Gesellschaft das Indcnthum nicht ehrenhaft und würdig vertreten; wir wollen daß sie aufgehoben und abgeschafft werden. DaS Volk aber hat durchaus kein Recht auf eigener Faust zu beseitigen und abzuschaffen; eS kennt, wenn auch Bauherr die Fundamente des heiligen Baues nicht; es würde mit dem Bollwerke die Feste selbst uiedcrstürzcn, und dcni Riesen mit der alten Rüstung Haut und Fleisch abrcißcn! Den Baumeistern, den Rabbinern allein kommt daS Recht zu zubcfcstigeu, und zu erhalten, zu beseitigen und abzuschasfcu; sie sind von Gott und dem Volke als Priester berufen, daS Volk zu belehren, die Religion und den Glauben zu bewachen, ihre heilige Pflicht ist es die Stimme des Volkes zu hören, zu prüfen, dem Volke durch wahrhafte Belehrung die Gränzlinie festzusctzcn zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen; damit das Volk nicht mehr fordere als gebilligt werden kann. Ihre Pflicht ist es die Stimme des Volkes zu beachten, zu würdigen, abzuhclfcn, da wo cs möglich ist. Dazu ist cS heilige Pflicht der Wächter und Lehrer im Iudcnthumc sich nicht mit dem Weine des Ra-' tionalismus zu berauschen, sich nicht mit dem alten Getränke Konservatismus zu betäuben und durch den Schimmer dcS Xeuellasidismus sich nicht blenden zu lassen. Sie müssen, durchdrungen von Liebe zum Judcnthume mit heiligem Ernst und vorzüglich mit Gcsinnungswahrheit unterscheiden, zwischen Heiligem und Unheiligcm zwischen Reinem und Unreinem, zwischen Licht und Finsterniß zwischen Lebendigem und Todtcm, zwischen Sonst und Jetzt, zu lehren den Bindern Israels alle Gesetze, welche Gott durch Moses geredet hat, zu wachen über Religion und Glauben, das Heilige zu befestigen, das Unheilige zu entfernen, daS Reine zu erhalten, daS Unreine zu beseitigen, das Lebendige zu stärken, das Todte dem Grabe der Vergangenheit zu übergeben, die Finsterniß zu verscheuchen und das strahlende Gottcslicht weithin zu verbreiten! Wenden wir unS nun zu den Lehrern und Wächtern von Gott und Gemeinden berufen, fragen wir sie: Erfüllet ihr diesen erhabenen Ruf, diese heilige Pflicht? Wenden wir uns erst zu den Lonservativen. Des Ausdrucks Orthodoxen wollen wir unS nicht bedienen — zu jenen, welche aus Furcht vor dem Gespenstc, das sie „Uebcrgrisfe" nennen, das überlieferte Judenthnm mit allem im Verlaufe der Jahrtausende in dasselbe gedrungenen Unreinem,Unheiligcm, Todtcm, in Finstcrniß fest halten, und gegen jede Acnderung laut anfschrcien und jammern: Das Judenthnm ist in Gefahr! Wir wollen diesen Wächtern und Lehrern eine blinde Liebe zum Glauben nicht absprechen; aber an ihre Gcsinnungswahrhcit haben wir ein Recht zu zweifeln, so wie an ihren heiligen Ernst. Sie leben nicht immer wie sie lehren, und lehren nicht so, wie sie handeln, sonst müßten sie die 694 Simanim mit den Tausenden von Seifim, welche nur in Orach-chajlin allein vorgcschrieben sind streng, pünktlich und gewissenhaft halten, das wir aber nicht finden, wenn wir ihre Wohnungen betreten, ihr häusliches Leben beobacb len, die Erziehung ihrer Kinder belauschen. Da bemerken mir so Manches aus dem Oraclr-^llazim übers Bord geworfen, das von der Kanzel mit heiligem Eifer gelehrt und anempfohlen wird. Das in ihrer Einbildung bestehende Gespenst, daS Fantom ihrer Schwäche hat einen großen Thcil der Judenheit seit einem Halbcnjahrhundert, besonders die wissenschaftlich gebildete und wohlhabende Klasse zum JndiffercntismuS gedrängt. Sic arbeiten nicht im Herz und Geist erquickenden Weingarten des Herrn; sondern im Todtenthale deö JccheskelS, indem Sic mit den Leichen liebäugeln, ohne sie zum stischen religiösen Leben zu erwecken! Wo ist die Gesinnungswahrheit, wo der heilige Ernst dieser frommen Lehrer in Israel dieser gepriesenen Zionswächter? Wenden wir uns nun zu jenen, welche dem NeuchasidismnS huldigen. WaS ist denn dieses, und wer sind jene, die ihm l uldigen, wirst du geehrter Leser fragen. Gedulde nur; wir wollen sogleich deine Neugierde befriedigen, wir werden dir ihn kennzeichnen und werden unS dieses zum Verdienste anrcchnen! Du wirst wohl schon so manches von den Beschtern oder dem polnischen Chasidismus, dessen Gründer der große Rcbb'n baal — schcm — tob zu Tlusti war, gehört haben. Diese Beschtcr mißbrauchten die Kabale um das Volk in ewiger Finstcrniß am Gängelbande deS Aberglaubens hcrnmznführcn. Der polnische Ehasidismus ist ein Abkömling dcS Schabbathaismus, der sich von demselben ablagerte, um einen festen Damm gegen jede mögliche Neuerung im Jndenthumc aufzuführen. Um nicht der Secte des Josef Franks anzugehörcn, wurden sie Beschtcr oder Ehasidim. Der Ncuchascdismus hat sich dasselbe Ziel, wie sein Bruder in Polen gesetzt; auch er strebt dahin, jede Neuerung im Iudcnthumc zu ersticken, das Volk zur Finsternis znrückznführen, am Gängelbande des Aberglaubens zu leiten; er miß braucht nicht die Kabala sondern die Wissenschaft, sein Ziel zu erreichen. Aus dem lichten Himmclskinde hat er sich eine finstere Waffe geschmiedet um mit demselben den unschuldig stcn Fortschritt zu bekämpfen. Er berauscht mit Worten, wie sein Bruder in Polen mit Brandwein, er begeistert mit Phrasen, wie sein Bruder durch Orgien, seine Lehren sind Amulete, die Wundcrkuren verrichten, seine Heiligkeit verursacht ihm Ansehen und Bewunderung, aber ohne Ucberzengung! Noch ist cs keinem Ncuchasid gelungen, auch nur einen von seinen Verehrern zu bewegen am Sabbat das Geschüstslocal zu schließen. Wenn cS Einem oder dem Andern auch gelang das rca wieder einzuführcn, daß man das Schema wieder nach alter Sitte schreiet, so kann sich dennoch keiner von ihnen rühmen einen seiner Verehrer abgehaltcn zu haben Table d’ höte zu speisen, und am Sabbat sich seine Zigarre recht gut schmecken zu lassen. Diese Lehrer in Israel lehren Finstcrniß und nicht Licht, diese Wächter Zions bewachen den Aberglauben, daß Todte und nicht den lebendigen Geist des Judenthums, sie opfern Todtcm und Abgestorbenen ihr Talent, ihr Wissen ihren Geist, ihre Uebcrzeugnng und ihre Lebensfreude! Und sie sind jung, haben warmes Gefühl, haben Geist und Herz! Ihr Wächter und Lehrer in Israel ihr wisset wohl, daß das heilige Wort Gottes verbietet, das, was dem Leben und der Freude geweihet ist für Todte zu verwenden, daß der Talmud den schönen Grundsatz ausspricht, das geringste Leben ist dem vorzüglichsten Todtcn vorzuzichen; daß die Thorn befiehlt: Jeder, welcher mit Todtcn sich beschäftiget als Unreiner außerhalb des Gottcslagcr verweilen muß, dass Moses Leiche in ein uns unbekanntes Grab begraben wurde, seinem Geiste aber begegnen wir, wohin wir blicken, ewig lebend und unsterblich. Dieser Geist ruft euch Lehrer und Wächter in Israel zu: Ich habe meinen lebendigen Geist aber nicht meinen sterblichen Leichnam auf meinen Jünger JoSua übertragen! Wenden wir uns zu den Romantikern, zu jenen welche daS verfallene Bollwerk mit einer von der Zeit bereiteten glänzenden Farbe aufputzen, die alte rostige Rüstung mit Modclappcn, mit Gcfühlsplunder umhüllen, das Todte nnd Abgelebte mit einem von der Zeit bereiteten Parfüm würzen und zur Finstcrniß sprechen: „Sie müsse Licht werden! Diese Lehrer in Israel, diese Zionswächter schwärmen wohl, sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, aber keine Gesinnungswahrheit, sie besitzen warmes Gefühl aber 16*