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Das Abendland · 1865-06-13 · 14 (13.6.1865) · p. Seite 118

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
14 (13.6.1865)
Date
1865-06-13
Page
Seite 118 (sequence 4)
Language
German
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118 welcher bloß dem deutschen Geiste zu huldigen sich bereit erklärt. Natürlich theilte sich säst jede Gemeinde in zwei Parteien, die konservativen und die Resormer, und man stand sich gar heftig gegenüber. Allein wie überall, so siegte auch hier die Idee des Neueren, weil die Menschheit nie rückwärts schreiten, nie stille stehen kann; man berief deutsche Prediger und mochten die Altgläubigen nun statt der hebräischen Disputationen über irgend einen Traktat des Talmud eine geordnete Predigt noch so ungern hinnehmen, mochten die Orthodoxen den eintretendcn Indifferentismus immerhin den deutschen Reformatoren in die Schuhe schieben, die letzteren blieben Sieger, denn sie vertraten das bewegtere geistige Leben. Diese deutschen Männer machten auch dem mittelalterlichen Scholastizismus der Talmudschulen ein Ende, und in den bemittelteren Gemeinden erhoben sich allenthalben geräumige und reinliche Gebäude für Normal- und Realschulen. Das Talmudstudium verlor seine allmächtige Alleinherrschaft und konzcntrirtc sich immer mehr in dieser früher genannten in dieser Hinsicht berühmten Städte. Die Gemeindcschulcn bestanden zumeist aus sechs Klassen die beiden ersten machten die Elementarschulen aus. Hier lernte die Jugend die Anfangsgründe im Lesen, Schreiben und Rechnen. In den zwei folgenden Klassen wurde die Bibel, die hebräische Grammatik, die deutsche Sprachlehre und die Elementar-Mathematik vorgetragen. Oft wußte ein Knabe von zwölf Jahren so viel Mathematik wie absolvirte Gymnasiasten, denn er lernte dieselbe bis zur Trigonometrie. Noch eindringender und weiter wurden die Gegenstände an jenen Anstalten behandelt, in welchen sich an die genannten vier Klassen, noch zwei Jahrgänge anreihten, welche wir mit dem Namen Realschule bezeichnen möchten. Da trat auch die Physik und eine eingehende Behandlung der deutschen Stylistik hinzu. Der Unterricht dauerte täglich sieben Stunden. Allerdings klagten die Bäter, daß ihre Kinder zu viel lernen müßten, aber die große Stundenzahl des Unterrichtes darf nicht auffallcn; denn es wurde in diesen Schulen die Methode der Talmudschulen beibehalten. Allein wenn auch dadurch die Kinder von dem Stillsitzen ohne hinreichende geistige Beschäftigung bewahrt blieben, so wirkte diese selbst in ihrer langen Dauer nicht wohlthätig aus die physische Entwickelung der Schüler, besonders, wenn feuchte und kleine Lokalitäten diese sowohl als auch die Lehrer zu wahren Sklaven der Kultur machten. — An einer solchen Schule lehren gewöhnlich sieben Lehrer. Das System des Unterrichtes näherte sich stark dem Fachstudium. Direktor der Anstalt war der Rabbiner, welcher natürlich die Religion vortrug. Sein Gehalt betrug gegen 800 fl., die übrigen Lehrer hatten um 200 fl. weniger. Doch gab es auch Nebeneinkünfte. Bei der großen Masse des Lehrstoffes und bei der Gewichtigkeit, der Materien gesellte sich zu deu oben erwähnten Uebelständen noch der, daß nicht nur die Talentlosen, sondern auch ziemlich Begabte zurückblieben und nur die Talentirtesten Fortschritte machten. Es war daher kein Wunder daß die Israeliten ihre Kinder so zahlreich in die deutschen Mittelschulen schickten, welche die kaiserliche Regierung in dem letztverflosscnen Dezennium, also im dritten Viertel des Jahrhunderts, in Ungarn errichtete. Jene talmudischen Studien, deren wir im Beginn des Gesagten erwähnten, haben jedoch in Ungarn eben so wenig ganz aufgchört, wie in den benachbarten Provinzen, in deren einer, wie wir gelesen haben, sich ein ehrenwerthcr und allgemein geachteter Schriftgelehrter das Leben nahm, weil er in einem Streiten über einen Traktat des Talmud einem Kollegen Unrecht gegeben, und das erst nach dem Tode des letzteren, dem er nun keine Gerechtigkeit widerfahren lassen konnte, eingesehen hatte. Dank, der jetzigen Einrichtung unserer Schulen, demjenigen, der sic zu veredeln sucht, denn' es werden aus ihrer Mitte Männer entstehen, welche zum Sinnbilde des Wissens und Schaffens einzig und allein in ihrem Glanze und ihres Wirkens für das Iudenthum und für Deutschland dastehen werden. Dr. Weißet. Eine kleine Neise im nördlichen Löhmen. (Fortsetzung) Nachdem wir in dem recht ffeundlichen Außig angckommcn, das früher schon einen nicht unwichtigen Punkt der Elbeschiffahrt Böhmens eingenommen, nun aber durch die Prag- Tcplitzer Bahn noch an Bedeutung gewonnen hat, im immer fortschreitenden Maße durch Gewerbe, Industrie und Geschäft in jeder Beziehung größer und wichtiger zu werden verspricht, war nach einiger Erholung unser erstes Unternehmen den Ort zu besichtigen und vom Thun und Lassen der Einwohner dieser strebsamen Stadt nach allen Richtungen hin Erkundigung einzuziehcn, und erfuhren wir, daß in religiöser Beziehung die Mitglieder dreier Konfessionen hier ihren Wohnsitz haben und unter diesen die Protestanten und Juden, die erst in Letzter Zeit sich zahlreicher hier angesiedelt, nachdem ffüher nur wenige hier wohnhaft und eine jüdische Familie nur das Stadtbürgcrrccht hatte, das Be dürfniß fühlen, ein eigenes Gotteshaus zu errichten und beide Religionsgescllschasten mit Ernst daran gehen, den Willen zur That zu machen, nachdem die Juden schon durch längere Zeit ein sehr anständiges Locale in einem recht angenehm gelegenen Hause in Micthe genommen und selbes hübsch ein gerichtet haben, um da ihren religiösen Pflichten gerecht werden zu können. Freitag Abends unterließen wir nicht so wie am folgenden Tage dieses BethauS zu besuchen und fanden da den Gottesdienst, so gut es nach den lokalen Umständen möglich, aufs beste geordnet und in Ausführung gebracht.— Ohne eigentlichen Ehor ist sowohl der Vorbetcr H. Deller als die Gemeinde bemüht, das Gebet chormäßig zu verrichten, indem die ganze Gemeinde cinfällt, wo dies Sache des Chors wäre, eine Einrichtung die überall cingeführt werden dürfte, wo kein eigenes Ehorpersonale wirkt, denn der Ehor repräsentirt eigentlich die Gemeinde und wo kein Repräsentant ist, muß man selbst einstehcn, wo es gilt eine Funktion zu verrichten. — Die Ordnung und Gebarung im Gemeindewesen wird von dem eben so umsichtigen als thätigen Herrn Isidor Heller verdienstlichst überwacht und geleitet. Es hat sich da ein Eomite gebildet,das sich den Neubau eines Gotteshauses zum Ziele gesetzt und ist zu dem Ende schon ein Bauplatz bestimmt und werden durch einheimische und fremde Spenden die Mittel herbeizuschaffen gesucht, um nach dem bereits ent- 1 worfencn Plan und Kostcnübcrschlage in nächster Zeit ein würdiges Gotteshaus ins Leben zu rufen. Möge die Wohlthätigkeit jüdischer Herzen diesem frommen Zwecke eine kleine j Beisteuer nicht versagen und wollen auch wir gerne uns zu- , kommende Gaben in Empfang nehmen und diese ihrer Be-! stimmung zuführen. Vorzüglich hat uns die Wahrnehmung i wohlgethan, wie allenthalben beim Juden dem Pietätsgefühl gegen Eltern so warme Rechnung getragen wird. So sahen I wir H. Med. Dr. Bauer sich seinem wichtigen Berufsge- > schäfte Stunden abkargcn, um bei jedesmaligem Gebete das Kadischgebet für die verstorbene Mutter verrichten zu können, und so ward und wird auch jedesmal bekannt gemacht, selbst wenn nur ein Kind „Iahrzeit" hat, daß die Gemeinde zum nächsten Geber sich Hierwegen versammeln möge. Wahrlich! > wo das Gefühl für Verstorbene noch so lebhaft sich bethäj ligt, da sind die Menschen gut, religiös, und gibt es für I sie stets ein Höheres, als bloß die materiellen Interessen, und dies ffomme gottgefällige Gefühl ist nirgends und keineswärts noch unter den Juden verloren gegangen, und waren derartige Gelegenheiten, diesem Gefühle den Ausdruck zu geben, auch die erste Veranlassung, daß sich in Außig

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