Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 14 (13.6.1865)
- Date
- 1865-06-13
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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117 verrosteten Rüstung einher! Das, was einst Schutz und Sicherheit gewährte, beengt und beschränkt heute das sociale Leben der Iudenheit, das was einst seine religiöse Thatkrast unendlich erhöhete, erdrückt und lähmt sic, hemmt seine religiöse und bürgerliche Entwicklung. Schon der erleuchtete weise Rabbi Josua erklärte die ersten achtzehn ins Leben gerufene Oeserot als einen auf das Judcnthum schwer lastenden Druck, indem er äußerte nxc lpne ova 12 und sie mit Nüssen und Granatäpfeln verglich, die in ein von Honig gefüllten Gefäße versenkt werden, wodurch der Honig selbst verdrängt wird und aus dem Gefäße fließt. Die 18 Nüsse und Granatäpfel sind im Laufe der Heit Legion geworden, die immer mehr und mehr Honig verdrängen. — In frühem Zeiten brachten sie mehr Nutzen als Schaden; sic waren Schutzmittel; heutiger Zeit aber bringen sie wenig oder gar keinen Nutzen, aber unendlich vielen Schaden; sic lasten auf dem frischen Leben des IudenthumS wie ungeheuere Grabsteine einer längst vergangenen Zeit. Wir geben zu, daß auch unsere Zeit viele, sehr viele Gefahren für das Judenthum in sich birgt, daß viele ihrer Kinder feindlich gesinnt, kampfgcrüstet harren bei erster bester Gelegenheit über dasselbe herzufallen. Gegen solche Gefah reu schützt wahrlich das alte Bollwerk so wenig, wie die alten mittelalterlichen Stadtiuaucrn gegen die moderne Ar tilleric Schutzmittel sind. Das in seiner alten Rüstung bewaffnete Judcnthum müßte dem geringsten Ultramontancn total unterliegen, wie Karl der X_l1. in seiner schweren Rüstung dem ersten besten gemeinen Jäger, der von seiner modernen Waste Gebrauch machte, zum Dpfcr stel. Wissen ist das neuere Bollwerk, und sittlicher Fortschritt die Rüstung, reiner Glaube und die ewigen Wahrheiten die Waffen des heutigen IudenthumS! Man befreie cs von dem Drucke der Grabsteine einer dahingeschicdencn Zeit, mit jugendlicher Kraft wird das Judenthum sich erheben, wird den Kern seiner positiven Religion achten, lind ihre Gebote mit Freuden ausübcn. Soll der Honig gerettet werden, wollen die Flüsse und Granatäpfel beseitigt sein! Der Lebensnerv des Judenthums ist Fortentwicklung und Fortschritt, den Grundsatz non possinnus hat eS niemals sanctionirt, das lehrt sein Bestehen des IudenthumS und seine Geschichte. Der bekannte Grundsatz: Sia' Ta stxiv nan ra ">ai SaaS ist nicht sinaisch ist von dem Munde Gottes nicht verkündet, nicht von Moses gelehrt worden. Der Talmud hat ihn ausgesprochen, brach aber zugleich durch andere ausgesprochene Grundsätze ihm die Spitze ab. — Die Thora wurde nicht den Engeln, sondern von Zeit und Raum abhängigen Menschen gegeben! Das sah Esra, das sah Rabbi Jochanan ben Sakai, das sahen alle großen Geister der Iudenheit ein! Wir retten die positive Religion, indem wir sie von alter Rüstung und alten Bollwerken bc freien! Der Talmud und die israelitische Schule in Ungarn. Von I>r. (Schl Hat man doch wegen eines Eies vierhundert Foliosciten | Disputationen und Kommentare geschrieben. Und die Sache! ist doch so einfach. Dem Israeliten ist nämlich in seinem; Gesetze verboten, das am Samstagen entstandene zu gebrauchen. , Nun hat man die Frage aufgeworfen, ob cs ihm erlaubt sei, ein 1 am Samstag gelegtes Ei zu essen? — Uebcr dergleichen Thematc wurde nun in den höheren Talmudschulen mit aller Lebhaftigkeit gestritten; Parteien bildeten sich, wilder Lärm entstand und noch auf der Gasse stritten die sich Gegenüberstehenden. Daher rührt cs, das die Christen ein verworrenes; Durchcinanderschrcicn nicht nur mit dem Lärm eines polni scheu Reichstages, sondern auch mit dem einer „Judenschule" vergleichen. Die Thcilnahmc von Seite der älteren Gcmcindemitglicder erklärt sich auch aus einem viel materielleren Grunde ' als aus der Freude wissenschaftlichen Bewegens. Der Tal mud war nämlich zugleich Gesetzbuch, war das eorpu8 Mri8, 1 welches bei den Gemeinden damals ganz zur Geltung gebracht wurde. Die juridischen Bestimmungen des Talmud sind aus! gezogen und in eigenen Werken zusammcugestellt worden. . Rach diesen wurden in der Gemeinde die Prozesse geschlichtet, : und zwar von dem sogenannten Syncdrium. Dieser Gerichtshof, dem aber auch die Leitung der übri gen Gcmeindcangelegenheiten zukam, bestand aus den tüch tigstcn Talmudistcn der Gemeinde, aus einem Präsidenten, der immer in der Person des Rabbiners gegeben war, und einem Vizepräsidenten, welchen das Syncdrium selbst wählte, und der den Titel eines Astcsors führte. Der Ehrgeiz also, einst in das Syncdrium von der Gemeinde gewählt zu wer! den, bewog die jungen Männer, die höhere Talmudschule! eines berühmten Landrabbi zu besuchen, und lockte auch die bejahrten in den Hörsaal. Vor dem Syncdrium machten auch die Kandidaten des Rabbinats ihre Prüfung. Mit dem von demselben erhaltenen Zeugnisse konnte ein junger Mann in irgend einer Gemeinde als Rabbiner angcstcllt werden und dies dann um so eher, wenn ihm die persönliche Empfehlung seines Meisters zu j Theil wurde. Denn wenn eine Gemeinde eines Predigers We i ßel rs;.) bedurfte, so wandte sic sich oft an einen berühmten Schriftgelehrten mit der Bitte, aus den älteren und jüngeren seiner Schüler einige vorzuschlagcn. Die erhaltene Antwort thcilte das Syncdrium sodann der Gemeinde mit, welche endlich auf die Meinungsäußerung des Syncdrinms cinging, oft auch diesem die definitive Wahl des Rabbi übcrlics, oder aber selbstständig wählte. Da trat in dem Zweiten Viertel des Jahrhundcrtcs eine Umwälzung in diesen Verhältnissen ein. Zu derselben Zeit, als die Regierung die von ihr besorgten Schulen sorg fällig vor dem deutschen Geiste zu wahren begann, zu jener Zeit, in welcher auf den Befehl derselben die Reformirten Ungarns die Fundationen an ausländischen Universitäten vcr nachlässigten und selbst die lateinische Sprache aus ihrem mittelalterlichen Vorrechte verdrängte und — sic waren stets die Vorkämpfer auf dem Felde des Nationalen -- die Mutter spräche zur Pflegerin des vaterländischen Wesens machten, in jenen Jahren also, in welchen daö deutsche Element in Ungarn von dem magyarischen die ersten Angriffe zu erleiden hatte. Damals eröffneten die Israeliten demselben eine neue Wohnstätte in dem polyglotten Ungarlandc. Es entstand in dieser Hinsicht namentlich in den dreißiger Jahren eine form liche Sturm- und Drangperiode. Lo wie die geisttödtende Versessenheit, mit welcher man den magyarischen oder slavi schen Dorfkindern das Latein in lateinischer Sprache bei brachte, aufhorte, so verwarfen die Israeliten auf dem Felde des Unterrichtes den hergebrachten Rcligionscifer und ver langen deutsches Wissen für ihre Kinder, bevor dieselben den Talmud studirten. Reichere hielten ihren Kindern deutsche Hofmeister und Erzieherinnen, und Jedermann sah darauf, daß Lesen, Schreiben, Rechnen, Geschichte, Geographie und deutsche Stylistik gelernt werde. Damals lag Deutschlands politische Bedeutung darnieder, dagegen wurde Lessings Wunsch und Profezeiung, der deutsche Geist müsse dafür die Welt erobern, immer mehr zur Wahrheit. Die Israeliten gingen weiter als Lessings Anschauungsweise reichte: sie erklärten sich nicht nur für die deutsche Bildung, sondern auch für die deutsche Sprache, die freilich auch der sich aneignen wird, 14*