Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 14 (13.6.1865)
- Date
- 1865-06-13
- Page
- Seite 116 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9050333-9088714-9050541--0212-9050543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gedanken über Lehre und Leben. Vo» Dr. ftotu Rabbiner in Hriichkrw. Das Iudenthum ist wie der Proset begeistert auoruft, eine Feste, eine von Mauern und Wällen umgebene Stadt. Unter diesem Bollwerke wird ihm Heil und Sicherheit gci währt; die Thore dieser festen Stadt aber bleiben den gc-! rechten, Liebe und Wahrheit suchenden Völkern weit geöffnet! Diese Mauern und Wälle schützen das Iudenthum gegen äußere ihm schädliche Einflüsse; sie erheben sich zwischen ihm und der Außenwelt, hinter ihnen wacht cs als tapferer Kämpfer, alle Angriffe von Außen mit dem Sckilachtschwcrte der ewigen Wahrheiten hcldenmüthig zurückwcisend, die Thore seiner festen Burg weit öffnend; damit der Lichtstrom seiner ewigen Wahrheiten den Erdkreis beleuchte, damit diese ewigen Wahrheiten Gemeingut aller Völker, das Heil der j ganzen Menschheit werden! Schon der Mosaismus hat sich mittelst Brauern und! Wällen, bestehend aus gewissen Geboten^ und Gesetzen, von dem egyptischen und kanaanitischcn Hcidenthumc isolirt und abgeschlossen; er war sogar zur Selbstcrhaltuvg nothgcdrun gen, einen Vertilgungskricg gegen die sieben kananitischen Völker zu führen. — Die größten und erhabensten Ideen mußten leider von jeher der Menschheit auf blutigem Wege zugcführt werden. — Wenn die nordamerikanische Union; nothgcdrnngen war, das Sklaventhum mit blutigem Schwerte j nicderzuschmcttcrn, wer wird und kann cs wagen, sie der! Blutgier und der Vcrfolqungssncht anzuklagen? Die Gci schichte des MosaismuS in Kanaan rechtfertigt diese harte \ Maaßregel; denn die Milde, das menschliche Gefühl und die i natürliche Abneigung gegen Grausamkeiten hielten die Israj eliten ab diesen Vcrtilgung?krieg nach dem strengen Sinne des Gebotes zu vollziehen, und dem damaligen Mosaismus wurden dadurch tiefe und klaffende Wunden geschlagen. Hätten die gottbegeistertcn Prosctcn diele Wunden nicht verbunden und zu heilen gestrebt, der Mosaismus wäre von dem kanaanitischcn Heidcuthumc verschlungen worden, uns die Menschheit würde vielleicht noch beute in der tiefen Finster-! niß des Heidcnthum? wandten! Nach der Zurückkchr au? dem babilonischen Erilc wurde der Akosaismus rcformirt; ein neuer Geist, neue Anstalten, neue Einrichtungen änderten ihn wesentlich, gaben ihm eine andere Form. Der Mosaismus ist Iudenthum geworden! Durch diese Reform wurde zwar der Einfluß des Heiden thums bezüglich des Götzendienstes gebrochen, auf dem Bo den des Iudenthum? konnten weder Zeus noch ein anderer heidnischer Gott Fuß fassen, den jüdischen Eultu? zu trüben oder ihm gefährlich zu werden war zur Unmöglichkeit worden; um so mehr aber war die Sittcnvcrdcrbniß der damaligen heidnischen Völker, mit welchen das Iudenthum unausweichlich in Berührung kommen mußte, zu befürchten. Die babilonischc Roheit und Wildheit mir dem ganzen Gefolge ihrer Laster, die persische Weichlichkeit, die griechische Sinn lichkcit und die römische Eroberungssucht konnten mit ihrem Pcsthauche das Iudenthum leicht berühren und vergiften. Das bisher gegoltene Bollwerk gewährte gegen solche Gefahren keinen Schutz und keine Sicherheit mehr: cs wurde erhöht und verstärkt durch neu hcrbcigcschaftcs Material, das! da bestand au? neuen Einrichtungen, neuen Gesetzen und Geboten, und um hinter diesen lyurmbobcn Mauern noch sicherer zu fein, bcpanzertc und behelmte man sich mit einer Rüstung von Minhagim, Tekanot, Geserot. Sejagiin, Gedorirn und Schebutiin, wodurch viel Erlaubte? verboten, die Spcisegesctzc verschärft und auegedchnt, die Sabbat und Fcstfcicr überaus erschwert wurden. Anfang? belief sich ih rer Zahl ans lS im Verlaufe der Zeiten und Verhältnissen wuchsen sie zur Legion an.; Wie ein gepanzerter Riefe schritt da? Iudenthum über I die Trümmer Babel? und Persien?, besiegte die Griechen, ' erschütterte den römischen Koloß; unter seinen Schritten er zitterte das Heidcnthum, und fein Geist verscheuchte cs cnd , lich von dein größten Thcile der Erde! Durch die hercinbrechcnde Nacht de? Mittelalters erlosch der Glanz der ewigen Wahrheiten. Die Goltcsidee wurde getrübt, Gewalt war Recht, Willkühr Gesetz, Fanatismus Religion und blutige Verfolgung frommer Glaube. Die Menschheit sank tief, die Völker fielen dem Elend, anheim.— Leben und Eigenthum fanden Schutz und Sicherheit nur in Städten von Mauern und Wällen umgeben, oder in Burgen und finstern Thürmen auf unzugänglichen schroffen Felsen. Das Schwert ward Werkzeug, Krieg, Fehde, Wegclagerung, Todtschlag und Mord Gewerbe; Rüstungen von Stahl und Eisen Fest- und Feicrkleidcr. Das entartete Hcidcnthum war besiegt, aber der Geist der Wahrheit, der Liebe, der Gerechtigkeit herrschte nicht; er lag geknechtet danieder und seufzte unter schweren Ketten, in welchen die entarteten Jahrhunderte ihn geschlagen hatten. Auch über den alten Riesen, über das „Iudenthum" brach diese furchtbare Nacht vcrdcrbcndrohend mit allen ihren Schrecknissen herein. Die Gewalt verbannte cs aus der Menschheit, die Willkühr erklärte cs außerhalb des Gesetzes, der Fanatismus trieb es auf flammende Scheiterhaufen, der Glaube schlachtete es aus Frömmigkeit, mordete dessen Frauen, Kinder, Greise, Jünglinge und Jungfrauen, und nachdem man die Ucbriggebliebenen ihres Vermögens beraubt hatte, wurden sie elend, nackt, obdachlos in die weite Welt hinausgcstoßcn. — Dieses war da? herbe und schreckliche Los des damaligen Iudcnthums. Verfolgt floh es nach allen vier Weltgegendcn, von Europa, nach Asien, von da nach Afrika, und wohin cs flüchtete, fand cs nur verdcrbcndrohende Feinde, hier das Kreuz, dort den Halbmond. Und dennoch erlag der Riese nicht, weder der Halbmond noch das Kreuz be siegte ihn, denn seine feste Burg von Mauern und Wällen umgeben gewährten ihm Schutz und Sicherheit; er schaffte frische? und neue? Matrial herbei, erhöbete und verstärkte -öic uralten Mauern, wodurch er sich von der Außenwelt gänzlich isolirtc, legte eine noch schwerere Rüstung, von neuen Geserot und Sejagiin an, nm sich gegen die mittelalterliche Stiche und Hiebe zu schützen. Jedes Gheto erhob sich zu einer unüberwindlichen Burg, jeder Jude erschien als unbe siegbarcr Held, mit Resignation und Tode?verachtung be stieg er den Scheiterhaufen, und verkündete der Welt durch j sein Schema während die Flammen ihn umzüngelten, den! Gott der Liebe und der Gerechtigkeit, den Vater aller Menschen! Wurden seine Ghcti erstürmt und niedergebrannt; sein Bollwerk woran er und seine Väter so viel arbeiteten, blieb unzerstörbar. Er warf die irdischen Schätze seinen Feinden hin, schützte und vcrthcidigte seine heiligen und geistigen Gü rer, lud sein Bollwerk auf feiner Ricscnschulter tragend, schnallte seinen Panzer noch fester und wandertc dahin, wohin die Vorsehung Gottes ihn rief! — Die Nacht wich, der Morgen dämmerte, da? Mittelalter ging unter, die Neuzeit brach an. — Die Burgen liegen in Trümmer, die Städte reißen die sic umgebenden festen Mauern nieder, Stahl und Eiscnrüstung wichen dem schmucken Wasseurock, die Gewalt wurde vom Rechte verdrängt statt der Willkühr kam das Gesetz zur Geltung, der Krieg und die Befehdung machten dem Gewerbe, dem Handel und der Industrie Raum, da? Schwert ward znm Pfluge; Fana tl?mu? schleicht nur noch im Verborgenen umher, die Macht de? Wissen? erleuchtet den Glauben, der Geist der Liebe und Gerechtigkeit durchstrahlt die Menschheit, die Völker sind frei, ihre Ketten sind zertrümmert, durch die Gewalt der ewigen Wahrheiten de? Iudcnthums, die nun auch Eigenthum aller Nationen geworden find! Da? Heidcnthum mit feinem Götzendienste und Sittenverdcrbniß, das Mittelalter mit seinen Schrecknissen sind längst zu Grabe gegangen, die Ghetti sind verschwunden, und den noch erheben sich noch immer die alten 1000 jährigen Bollwerke zwischen der Außenwelt und dem Iudcnthume, und dennoch schreitet dasselbe noch heutigen Tags in seiner alten