Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 14 (13.6.1865)
- Date
- 1865-06-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M. 14. "Urag den 13. Zuli 1865. II. Zahrgang, Das Central-Organ für alle zeitgemäßen Jnterressen des Judenthums. Verleger, Eigenthümer und verantwortlicher Redakteur: Isaak Bloch. Pränumerationsbetrag ganzjährig :r fl., halbjährig l fl. .'>0 kr. mit Postzusendung und Zustellung in's -Hans. — Erscheint am 2. und 4. Donnerstag des MonatS. — Administration bei Lenders & Brandeis, Buchdruckerei Rittergaffe Nr. 408—1. zu Kronen," wohin alle Geldsendungen, Briese und Reelamationen zu richten sind. Der rechte Geist und der rechte Geistliche. (Fortsetzung) In der ganzen Entwickelungsgeschichtc der jüdischen Religion hat dieser Grundsatz sich behauptet und ihm verdankt sie die unverfälschte Erhaltung sämmtlicher Religionsurkunden, den heiligen Schatz der Bibel und der mündlich überlieferten Auslegung derselben. Mit der tiefsten Hochachtung und Bcrchrung wurde Alles behandelt was im göttlichen Geiste niedcrgefchriebcn oder in den Lehrhäusern vorgctragcn war. Wohl entstanden über manche Stellen eines Buches, über manche überlieferten Sätze Zweifel über deren lieber einstimmung mit dem, was in andern Büchern gelehrt wurde, oder aus anderweitiger Ueberliesernng fest stand. Dann aber erlaubte man sich niemals eine solche Stelle zu streichen, oder willkührlich zu ändern oder auch nur einen solchen Ansspruch zu unterdrücken. Man strengte sich an, eine ausglei chendc Erklärung zu finden, nach welcher beide Sätze neben einander bestehen konnten, oder wenn dies nicht gelang, be „ schied man sich das Eine oder das Andere nicht zu verstehen und gab sich der Hoffnung hin, daß schließlich der Geist Gottes, dessen Wirksamkeit in Israel „nicht weichen wird aus seinem Munde und aus dem Munde seines Samens und aus dem Munde des Samens seines Samens — spricht Gott — von nun an bis in Ewigkeit" (Ies. 5)9, 21.) das rechte Bcrstündniß herbeiführen werde. So wird uns berichtet, daß die Weisen Manches im Buche des Prophcten^Iccheskel beanständeten und versucht waren dasselbe bei Seite zu legen, aber Ehananjah Sohn Ehiskijah's, Sohn Eharon habe nicht geruht, bis dasselbe seine Stelle unter.den Büchern der heiligen Schrift erhielt und behielt. Es gehen die Meinungcn der alten Lehrer in Mischnah und Gemara über Sinn und Anwendung einer Schriftstclle, über die Art der Ausführung eines Gesetzes oft sehr weit auseinander. Zur Geltung im gesetzlichen Leben kann nur eine davon kommen, und darüber entscheidet thcils Autorität, theils Majorität; aber weder diese noch jene übten ihren Einfluß soweit, daß die Ansicht der untergeordneten, oder in der Minderzahl befindlichen Lehrer darum unterdrückt worden wäre. Sic find uns alle aufbewahrt und für die Wissenschaft von großem stützen, und für die Freiheit des Geistes ein rühmliches Zeugniß. Rach dem Gesetze Israels giebt es nur strafbare Thatcn, die Ansichten, die Meinungen, die Lehren sollten nie angegriffen, nie unterdrückt, nie verfolgt werden, selbst wenn sie von den herkömmlichen abwichen. Es ist diesem Geiste ganz angemessen und darum glaublich, wenn auch nicht aus einer jüdischen Quelle nachgewiesen, daß der Rafi, Rabban Gamliel, da er gefragt wurde, ob man die Lehrer einer neuen, von der israelitischen abweichenden Lehre verfolgen und tobten sollte, geantwortet habe: Laßt sie gehen, ist das, was sie lehren aus Gott, so wird cS Bestand haben, ist cs dies aber nicht, so wird cs von selbst untergehen. Es ist nicht nachznwciscn, daß von einer gesetzlichen Behörde in Israel jemals eine Meinung, eine Lehre sei gerichtet worden, daß man Ketzer verdammt hätte. Einzelne Auswüchse ergeben sich als Nachäfferei der Vorgänge auf fremden Religionsgebieten. So wenn in einigen Gemeinden Moses Maimoindes in den Bann gelegt und seine Schriften verbrannt wurden, so wenn selbst zu Ende des vorigen Jahrhunderts noch Aehnliches gegen Mo scs Mendelsohn versucht wird. Alle diese Angriffe gegen die Gewissensfreiheit fallen zum Nachthcile ihrer Urheber aus und tragen zur Verherrlichung der Verfolgten bei. Wie groß steht Maimonides, wie verehrt Mendelsohn in den Gemeinden Jacobs da! Wer aber nennt auch die Namen ihrer Verfolger? — »äniip) als" fest, Israeliten gn t\nv Geiste eurer Religion, lasset frei das Gewissen, frei den Gedanken, frei das Wort. So lehrt euch Gottes Wort, das zeigt euch Mosis Beispiel. kl. Nachdem wir den rechten Geist der israelitischen Religion erkannt, ergibt sich uns von selbst, wer nun der rechte israelitische Geistliche sei. Da unsere Religion Thorah d. h. Lehre ist, so ist der Geistliche derselben vorzugsweise Lehrer, Lehrer für Große wie für Kleine. Sein Amt erwirbt er sich durch die Aneignung der ausgcbreitetstcn Kenntnisse in den heiligen Urkunden der Religion und durch das gründlichste Eindringen in das Verständniß ihres Geistes. Eine Ehre, ja die höchste Ehre darf er darin erblicken, wenn eine Gemeinde ihm das Lehramt überträgt, die „Krone der Thorah" ihm auf das Haupt setzt. Aber fern bleibe ihm jeder Ehrgeiz, fern jeder Eigennutz, „nicht eine Krone um damit zu prahlen, nicht ein Spaten um damit zu graben" (Spr. d. Vät. 4, 5.) sei ihm die Gotteslehre. Sie ist gegeben um gelehrt, mitgetheilt, verbreitet zu werden und cs können nie genug Hände beschäftigt sein um ihren Samen zu streuen, in ihrem Weinberge zu arbeiten. Darum wird der echte Geistliche nie engherzig die Belohnung als sein Vorrecht in Anspruch nehmen, sondern sich freuen, wenn noch, andere Lehrer neben ihm, mit ihm wirken. Sein Ansehen kann er nur dadurch wahren und erhöhen, wenn er am eifrigsten in der Erfüllung der Pflichten seines erhabenen Berufes befunden wird, wenn sein Wort das aufrichtigste und überzeugendste, wenn sein Wandel der makelloseste und musterhafteste. (Schluß folgt.)