Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 13 (22.6.1865)
- Date
- 1865-06-22
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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111 € o r r r f j) Pädagogische Briefe. VII. Fragt man nach den Gegenständen, welche der Ncli' gionS-Unterricht ninfasscn mäße, so ist es natürlich der Inhalt des schriftlichen sowohl, als des traditionellen Gesetzes nnn nnd nc min der den Schülern zur religiösen Anschauung gebracht und in einem Geiste vorgctragen werden muß, in den wahrhaft erleuchtete Lehrer aller Zeiten die religiösen Gebote aufgesaßt haben. ES ist dies ein Geist, der eben so entfernt bleibt von jener blinden, mistrauischcu, bloß äußern Werkheiligkeit, die Nichts schaffet nnd AlleS hindert, als auch von jener modernen Aufräumungs-Sucht, die an Dinge, welche für Jahrtausende wirken sollen, den Maßstab deS vorübergehenden TagcS legt, und sie nach demselben verwirft oder modelt. ES ist begreiflich, daß eS nichts Leichtes sei, diesen Standpunkt mit Redlichkeit und Umsicht, sestzuhaltcn. Wer sich in eines der beiden genannten Extreme wirft, hat wenig zu denken nöthig; fein Weg ist leicht. Er ist entweder rechtS oder links bis zur äußersten Grenze gekommen, so gehet er?rad an ihrem Saume hin, ohne sich um die, in religiösen T ingen gewiß rechte Mitte zu kümmern, die schon Kohelech andeukct: .12"" ^'12 '.in btt und x'2'in btt „Vermeide im Guten wie im Schlimmen das Ucbertricbcne". Wer sich nun aber hier, dem Gebote der Schrift gemäß weder rechts noch links abwcnden will lies ncn btt jyüb bttzun sondern den rechten Weg zu gehen strebt, den Weg im Lichte Gottes, der hat einen Steuermann auf dem hohem Meere, so auch auf seiner Höhe wahrhaft religiösen Ueberzeugung mit seinem Eompaß, nämlich den Büchern des Gesetzes in der Hand, seinen Weg wohl zu bedenken und zu prüfen, “iirx b'2vr\, zumal wenn er diesen Weg auch Andern zu zeigen hat, an denen er sich auch dann versündigen kann, den er verschweigt, was ihnen zu wissen nöthig ist, sei es auch, daß eS umständlich scheint, oder ängstlicher Vorsicht bedarf, sich darüber auszusprechen. Es wird wohl schwerlich Jemand der Meinung sein, daß wir jetzt bei dem Religions-Unterrichte der Jugend mit den jcnigen Mitteln ausrcichen würden, die etwa vor 50 Jahren noch genügten. Das ganze Erzichungswesen ist seitdem ein so ganz anderes geworden, daß auch die Formen, die Pädagogik des Religions-Unterrichts sich nothwendig anders gestalten müssen, obgleich, oder eben weil der Inhalt der Lehre selbst unwandelbar, göttlich und ewig ist. In flühcrn Zeiten wuchs der Knabe, daS Mädchen ganz unter den Augen ihrer Eltern, im Kreise der Familie auf. Alles, was zu ihrer geistigen Entwickelung gehörte, wurde innerhalb dieses Kreises selbst dargeboten, auch die Lehrer, strenggläubige Männer, waren Mitglieder des Hauses. Ein inniger, religiöser Geist belebte, heiligte das häusliche Leben. Blieb den Männern und Frauen ans jener Zeit auch Manches der religiösen Vorschriften unverstanden und dunkel — sie hatten sich so an sic gewöhnt, sie hatten eine so heitere friedliche Jugend inmitten dieser religiösen Hebungen durchlebt, die religiösen Feste mit ihrer Kerzenhelle und ihren traulichen Licbesmahlen ziehen, als eben so viele Feste der schönsten Jahre ihres Lebens, so licht nnd heilig an ihrer Errinnerung vorüber, daß sie sich von alledem, als einer süßen Gewohnheit des Daseins, nie mehr trennen mögen; und selbst denen, welche dies unter dem vermeintlichen Drange der Umstände thatcn, ist doch eine gewisses rührendes Angedenken an jene Ordnung und Vorschrift des LcbenS zurückgeblieben. Aber jetzt!? der innere Geist der Familie hat vielfach aufgelört der damalige zu sein. Die Söhne und Töchter erhallen ihre Bildung, ihre geistige Erziehung mitunter größtenthcitt außer dem Hause. Es kommt ihnen in Wissenschaft und im Leben so vieles vor, daß den religiösen Ansichten der aus jener Schule hervorgegangcnen zu widersprechen scheint, und deren ganze Art und Weise, so gerade onkien). entgegenläuft, daß oft beide einander kaum mehr verstehen. Eine schmerzliche Folge dieser Dinge ist, daß viele Eltern, die noch mit aller Liebe an der Religion ihrer Väter hangen, die Alles angcwendet zu haben glauben um ihre Kinder in derselben;n erziehen, und, wie eS allerdings ihre Pflicht ist, streng auf die Ausübung jeder religiösen Vorschrift hielten, daß sic sich gleichwohl oft bitter getäuscht sahen; denn nicht selten haben wir eS an verschiedenen Orten hören müssen, wie die Söhne und Töchter frommer Eltern, in ihrer Kindheit ängstlich zur Hebung aller gottesdienstlichen Pflich. tcn angehalten, gleichwohl sich beklagten ihre Religion nicht kennen gelernt zu haben. In der That ahneten sie thcilS kaum, theils misverslanden sie die göttlichsten Grundsätze ihres überkommenen Glaubens, und leider waren sie auf diese Weise nicht nur ihre, sondern fast jeder Religion entfremdet. Denn Zwang und Gewohnheit sind noch nicht Ueberzcugung und werden, sobald sic unbequem geworden, abgeschüttelt. Und was sollen wir nun hiebei thun? Sollen wir unter augenscheinlich so veränderten Umständen, dennoch die alte Unterrichtsweise beibehalten, Lehren und Vorschriften geben, mechanisch einüben, ohne uns darum zu kümmern, ob dieselben Eigenthum der Ueberzeugung und des Herzens geworden sind, und uns etwa denoch einbilden, wir hätten das Unsrige gethan, und uns träfe keine Verantwortlichkeit, wenn das aufwachsende Geschlecht statt Liebe zur Religion, Unwissenheit, Widerwillen und Verachtung mit ins Leben nimmt? Wie? Wir hätten dann unsere Pflicht gethan, wenn wir mit der Gewißheit mit den ernst mahnenden Beweisen, daß der alte Weg, weil Alles sich umgewendet, nicht mehr zum Ziele führe, wenn wir ihn gleichwohl immer wieder vom Neuen einschlagen, ohne uns darum zu kümmern, ob die, die wir leiten sollen, uns folgen? W könnten uns wirklich in unserm Gewissen beruhigen, wc. \ wir, unter solchen Umständen, uns nicht nach neuen Mitteln umgesehen, auf den Geist und das .Gemüth er auswachsenden Generazion zu wirken, und jene Innigkeit der vormaligen häuslichreligiöfen Erziehung durch die Innigkeit, durch die richtige Berechnung, durch die moralische, überze ngende Kraft unserer pädagogischen Erziehung zu ersetzen? — Wollen wir aber dies, so müssen wir den Geist unserer Zeit kennen, wir müssen uns nicht abgeschlossen und isolirt haben, wir müssen wissen, was in dem Gemüthe unserer Jugend vorgeht, wir müssen die ganze Weise nnd den ganzen Umfang ihrer anderweitigen moralischen und wissenschaftlichen Bildung kennen, mit allen ihren Triebfedern und Erfolgen, mit allen ihren möglichen Verirrungen und Gefahren, wir müssen Hunderte von aufwachsende Menschen beobachtet haben, um zu wissen, in welcher Weise diese oder jene Idee, so oder so angeregt, auf ihr Leben, es geistig gestalten, einwirke, um zu wissen, was wir dem Knaben nnd dem Jünglinge dem Mädchen und der Jungfrau sagen müssen, nnd wie wir es sagen müssen, daß das Wort nicht verhalle, sondern zur Erkenntnis;, zur Ueberzeugung des Lebens werde, damit sie lernen wie die Schrift sagt, wie man den Ewigen ehrfürchte, und das Gelernte dann auch weiter verbreiten *irx I'IeS' C.TJ3 rxi-’rr.x Und wenn wir nun also thun und bei jedem Schritte mit sorglicher Gewissenhaftigkeit uns wohl zu bedenken, und wenn wir uns nun einerseits bemühen, unsere Jugend in religiösen Dingen von einem hochmüthigen Raisoniren zurückzuhalten, das auch über das Wichtigste leicht hinweggehen will, und sich darüber stellt, anstatt sich ihm zu unterwerfen, — a dc.fcits uns aber auch nicht verhehlen, daß zur Tiefe der Empfindung, zur Festigkeit der lleberzeugung nur Erkcnntniß führen kann und daß wir Vieles begriffen haben müssen, und die Möglichkeit, auch eines für menschliche Einsicht Unbegreiflichen zu fassen — dann können wir uns sagen, daß wir das Unsrige gethan