Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 13 (22.6.1865)
- Date
- 1865-06-22
- Page
- Seite 110 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Der Talmud und die israelitische schule iu llugaur. Bo n vr. We ßel D ffen ungeachtet sich die Israeliten in den westlichen Staaten Europa'S in dein ersten Viertel dieses Iahrhundertcs auf die Höhe christlicher Bildung stellten, so verharrten die in Galizien in ihrem sprüchwörtlich gewordenen „Verharren", und s.rn von der europäischen Kultur. Die letztere wurde auch von den ungarischen Juden in den genannten Zeitraum entschieden zurückgcwicscn, wogegen der Verkehr mit den in ihrem Äußern rein und schön austrctcndcn Magyaren das „ewige Verharren" beseitigte. Namentlich wurde daS deutsche Wesen gemieden. Man zeigte mit Fingern aus den Israeliten; welchen die deutsche Sprache sich ancignete. „ D,der ist für unseren Glauben schon verloren, denn er lernt deutsch". So sprach man und hütete die Kinder sorgfältig vor der Erlernung einer Sprache, die, wie man glaubte, zum Taufbecken führe. Es war dies natürlich. Die deutsche Bildung war damals nur durch Ehristcn vertreten; in dem zweiten Viertel, des IahrhundcrteS wurde das Alles, wie wir sehen werden, freilich ganz anders. Der ISraclitc schickte seinen Knaben, wenn derselbe das sechste Jahr überschritten hatte, in die Talmudschulc. Der Staat nahm sich der israelitischen Schulen in keiner Weise an, der Gemeinde blieb die Sorge für das geistige Gedeihen ganz überlassen. Sie sorgte daher für einen tüchtigen Rabbiner; denn dieser hatte nicht nur daß Amt eines Predigers und den Gottesdienst zu versehen, sondern er war auch der Schullehrer in der Gemeinde. Zu ihm kam nun die Jugend von ihrem 6. bis 13. Jahre in die Schule, wo sie täglich von 7 Uhr Morgens bis zum Mittag und dann von 1 Uhr bis 8 Uhr Abends verweilte. Und was lernte sie da? Eigentlich nichts als Bibel, bisweilen auch Lesen und Schreiben. Freilich darf man bei diesen Schulen nicht an Stillsitzen, Lehren, Zeigen und Erlernen denken, wie dicß in den christlichen Schulen der Jetztzeit vorkommi, sondern vielmehr an ein freies Besprechen biblischer, talmndischcr Gegenstände und an ein im Ganzen ungezwungenes Benehmen der Schüler. Der Gegenstand, welcher vor Allem behandelt wurde, brachte das mit sich, denn der Talmud verlangt in seiner Behandlung die sokratische Methode; ist der Schüler gereifter, so verwandelt sich der Unterricht in ein Streiten über das zur Behandlung kommende Thema. In den Talmud werden alle Wissenschaften eingetragen; dieses biblischreligiöse Werk zerfällt in „Traktate", d. h. Abschnitte, in deren einem (in Erubin) selbst Mathematik vorgetragen wird. Freilich erreichte der Knabe ein gewisses Urthcil über alles mögliche, wenn er den Talmud recht fleißig studirte; oberes entstand in ihm dadurch auch jene Streitlust und Rechthaberei, welche gerade bei den schwächeren zur EitUkeit führt. Hatte der Israclite daS dreizehnte Jahr erreicht, so hörte nach dem Gesetze se.ne Jugendzeit auf, und er mußte in den Bund der Gläubigen ausgenommen werden. Zu diesem Behufe hielt er beim Gottesdienste vor der versammelten Gemeinde eine Disputation über irgend einen Theil dcS Talmud, wodurch er die Würdigkeit, als „Mann" in ihre Mitte zu treten, darthnn sollte, Nachdem dicß geschehen, war der Knabe gesetzlich den ältesten Männern gleich, und dadurch wurde das Selbstgefühl abermals um ein bedeutendes erhöht. Aus zwei Beweggründen besuchten Manche von den aus der Talmudschule Ausgetretenen, nun eine zweite, höhere Lehranstalt, welche eigentlich vor allen anderen den Namen einer Talmudschule verdiente, denn in ihr wurde eben nur Talmud betrieben. Wer sich nämlich dem in seiner Art interessanten Studium aus Interesse oder aus Eitelkeit widmen wollte, begab sich in eine jener Städte, welche durch ausgezeichnete Nabbinen sich einen besonderen Ruhm verschafft und dcn>clbcn im Laufe der Zeit sich zu erhalten gewußt hatten. Diese Rabbiner hatten durch daS Hcrbeiströmen von Hökern eine Art talmudiscke Hochschule errichtet, ocrcn Bestand aufrecht zu erhalten Sorge und Ehre der bezüglichen Gemeinde war. Unter diesen Gemeinden leuchteten hervor: Prcßburg, Ungvar, St. Miklos, Neutra, Balassa Gyarmath u. a. m. Das Interesse aber, welches die Hör'r zu den l ern'-inten Meistern jüdischer Gelehrsamkeit und Dispmirknust hinzog, war vorzüglich ein zweifacher. Entweder beabsichtigte der junge Mann die Erreichung eines Rabbinatcs oder — einer reichen Frau. Denn cs ka i damals noch viel häufiger vor als heutzutage, daß irgend ein alter Israclite, hinter dessen dcmüthigcr Haltung und übertriebener Sparsamkeit Niemand die vielen Tausende blanker Dukaten vcrmnthct hätte, sein einziges Töchtcrlcin einem armen jungen Manne vcrhcirathcte, wenn dieser unter den Talmudistcn nur einen gewissen Ruhm erreicht hatte. Der Alte wollte stolz sein dürfen auf seinen Schwiegersohn. — Viele besuchten die höhere Talmudschule aus Eitelkeit. Sie bcthciliglcn sich durch zwei Jahre an dem wissenschaftlichen Leben einer solchen Akademie und heirateten gewöhnlich sogleich nach dem Ansrritte aus derselben und galten sodann in der Gemeinde gar viel. Es ist leicht begreiflich, daß viele Bemittelte diese Hochschulen, wenn man sie so nennen dürfte, besuchten; sic boten einen cigenthümlichcn Reiz. Der Rabbi besaß viel Ernst und Würde, und der Wetteifer vor seinen Augen und unter seiner Leitung verschaffte dem Sieger daher erhöhten Ruhm. Er wußte die Bibel und die wichtigsten der vielen Kommentatoren auswendig. Täglich erschien er in seinem Gcbetmantcl und trug der lauschenden und bewundernden Menge durch drei Stunden vor; hierauf leitete er über ein aufgeworfenes Thema eine Disputation rin. Interessant wurde die Debatte namentlich Nachmittags. Da saß der Schriftgclehrte gewöhnlich in seinem Amtsklcide air einem etwas erhöhtem Sitze und um ihn her in einem Halbkreise die Jünger. Und nun begann die Disputation über einen Traktat des Talmud, welcher des Tags vorher für diesen Zweck war angesagt worden. Da hatte mancher ehrgeizige junge Mann die ganze Nacht zu seiner Vorbereitung verwendet. Dann erschienen auch die angesehensten, die gelehrtesten i'.nd reichsten Männer der Gemeinde in der Schule, um entweder bloß schweigend zuzuhvrcn, oder vielleicht selbst auch diesen Einwand oder jene Frage zu thun? Der Rabbi, nachdem er seinen Stuhl einzcnommcn hatte, brachte nun das Thema vor; hierauf gab er die Meinungen der berühmtesten Komentatoren über diesen Punkt) an, und warf endlich Fragen auf, welch. aus scheinbare oder wirkliche Widersprüche aufmerksam machten oder aus nicht angegebene Auswege und dunkle Stellen hindeutctcn. Darauf erwiderten nun die Hörer und warfen selbst wieder Fragen auf, die ein Anderer oder der Meister selbst beantwortete. Den höchsten Ruhm erreichte der, welcher im Stande war, den Rabbi selbst in Verlegenheit zu setzen, was freilich selten war. Denn die Vielwissenhcit in der talmudischcn Literatur war bei diesen berühmten Gelehrten wirklich eine erstaunliche, und zumeist schlichtete er den über das aufgeworfene Thema entstandenen Streit durch eine kurze und klare Disposition der Sachlage und die Angabe eines geistreichen Gedankens über dieselbe. Dft lag in diesen Entscheidungen freilich bloß ein pikanter Witz und das Urthcil.war kein endgiltiges; und wie konnte es anders sein? (Fortsetzung folgt)